FAZ 29.05.2026
14:05 Uhr

Kolumne „Uni live“: Wir sind nicht faul, wir sind überfordert


Immer mehr Studierende arbeiten in Teilzeit. Auch unsere Autorin hat diverse Nebenjobs. Sie findet: Zum Studieren hat man heutzutage kaum noch Muße.

Kolumne „Uni live“: Wir sind nicht faul, wir sind überfordert

Ich habe diese Woche hundert Seiten Kant-Seminar-Lektüre vor mir. Das braucht Zeit – und vor allem eines: Muße. Ich muss dafür Stunden um Stunden in der Bib verbringen, mich in die Lektüre hineinknien, Sätze, die sich seitenlang erstrecken, zerlegen und mich auf die absurd-abstrakte Fragestellung einlassen, die Kant in seinem Aufsatz aufwirft: Läuft die Geschichte auf ein Ziel hinaus? Schon Aristoteles wusste: Kontemplation braucht Muße. Das Ideal des besonnenen Wissenschaftlers hält sich über die Jahrhunderte. So schreibt Friedrich Nietzsche über die Philologie, sie sei die Kunst, die Folgendes erfordere: „beiseite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden“. Doch in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, in der eine Krise die nächste jagt und meine Aufmerksamkeitsspanne sich auf sechzigsekündige Tiktoks reduziert hat, frage ich mich immer häufiger, wo ich diese Muße noch herzaubern soll. Wir springen in Sekunden von Trend zu Trend Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass alles schnell geht. Ein Klick, und ich habe ein neues Buch auf Amazon bestellt, ein Swipe, und ich habe den Tiktok-Videoessay weggeklickt, weil er mich langweilt, stattdessen erscheint ein Clip mit dem neuesten Tanztrend. Der hält meine Aufmerksamkeit für ganze 15 Sekunden, danach brauche ich einen neuen Stimulus. Kant hat meinem Tiktok-konditionierten Gehirn wenig zu bieten: kein Insert, das alle zwei Sekunden aufpoppt, kein Subway-Surfer Screenrecord, der im Hintergrund mitläuft. Nur ich, die Bibliotheksstille und komplexe Satzgebilde, die mit den Jahrhunderten so vergilbt wirken wie die Buchseiten, die nur schleppend dahinblättern. Und immer wieder erwische ich mich dabei, wie meine Gedanken abschweifen. Hat mein neuester Insta-Post ein neues Like bekommen? Wie hieß noch mal die Tiktokerin, deren Pasta-Rezept ich heute Abend nachkochen wollte? Und was für einen Tweet hat Trump jetzt schon wieder abgelassen? Meine Aufmerksamkeitsspanne ist aber nicht das einzige Problem. Immer wieder merke ich, wie ungewohnt es sich für mich anfühlt, mich wochen-, wenn nicht sogar monatelang mit ein und demselben wissenschaftlichen Problem für eine Seminararbeit zu beschäftigen. Die moderne Aufmerksamkeitsökonomie rast. Wir springen in Sekunden von Trend zu Trend. Themen, die vor wenigen Wochen noch aktuell waren, sind bald schon wieder angestaubt. Und während sich die Trendzirkel drehen und überschlagen, sitze ich nach fünf Wochen immer noch an der Fragestellung: „Inwiefern setzt Kants Fortschrittsmodell koloniale Universalitätsansprüche voraus?“ Ich würde mich liebend gern dem akademischen Ideal hingeben Meine Zeit ist aber nicht nur metaphysisch fragmentiert, sondern auch real begrenzt. Ich muss neben dem Studium mindestens einen Nebenjob machen: einerseits, weil die Lebenshaltungskosten immer weiter ansteigen, und andererseits, weil der Arbeitsmarkt angespannt ist – auch für Akademiker*innen. Wenn ich ruhig schlafen möchte, dann mache ich lieber noch einen Nebenjob mehr, schreibe noch eine Praktikumsbewerbung und suche mir am besten auch noch ein aussagekräftiges Ehrenamt, um mein Profil zu schärfen. Wenn ich dann eine Woche Vollzeit im Büro verbracht habe, frage ich mich am Montag danach: Woher soll ich jetzt noch die Muße nehmen, über Kant nachzudenken, wenn gleichzeitig 500 andere Dinge in meinem Kopf herumschwirren? Viele Studierende stecken in einer ähnlichen Lage wie ich. Ein Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass immer mehr Studis in Teilzeit arbeiten. Und dennoch hält sich das Gerücht, Studierende seien faul. Nicht zuletzt Bundeskanzler Friedrich Merz befeuert dieses Vorurteil, indem er der jungen Generation immer wieder vermittelt, er halte uns für arbeitsscheu. Das zumindest warf dem CDU-Politiker vor Kurzem ein junger Mann auf dem Katholikentag vor. Als Merz beteuerte, er habe das nie so gesagt, erntete er Buhrufe und Pfiffe aus dem größtenteils jungen Publikum. Ich würde Merz entgegnen: Wir Studierenden sind nicht faul, wir sind überfordert. Ich würde mich liebend gern dem akademischen Ideal hingeben, endlos über Gedankenkonstrukte zu sinnieren, Wälzer um Wälzer zu verschlingen und den abstrusesten, kompliziertesten Fragestellungen nachzugehen. Die traurige Wahrheit aber ist: In einer Welt, in der unser Alltag nach Effizienz und Verwertbarkeit strukturiert ist, haben wir dafür kaum noch Raum – und vor allem keine Muße. Und jetzt gerade? Da hocke ich in der Bibliothek, im Hintergrund plätschert ein Springbrunnen, ansonsten ist nur konzentriertes Tippen von den gefüllten Reihen der Studierenden zu hören. Und da sitze ich nun, in der Unibib, arbeite an einem Text für meinen x-ten Nebenjob und frage mich, wie zur Hölle ich diese Woche noch die Muße aufbringen soll, um hundert Seiten Kant zu lesen.