FAZ 20.03.2026
10:49 Uhr

Kommunalwahl Frankfurt: Das sind die Könige unter den Stimmensammlern


Durch die Möglichkeit, Stimmen aufzuteilen und anzuhäufen, haben die Wähler in Frankfurt die Listen neu sortiert. Viele Parteien haben Auf- und Absteiger in ihren Reihen.

Kommunalwahl Frankfurt: Das sind die Könige unter den Stimmensammlern

Vor der Wahl hat Thomas Dürbeck sogar Unterstützung vom politischen Gegner bekommen. „Irgendwie muss man Dich ja wieder in die Stadtverordnetenversammlung kriegen, wenn Deine eigene Partei Dich schon hängenlässt“, schrieb die Grünen-Stadtverordnete Julia Eberz ihrem CDU-Kollegen auf Facebook. Damit spielte sie darauf an, dass der in der Kulturszene bestens vernetzte Dürbeck nur auf Platz 31 der CDU-Liste gesetzt wurde. Der 67 Jahre alte Jurist hat in der Partei unter anderem deshalb wenig Rückhalt, weil er die Pläne zum Neubau von Oper und Schauspiel offen kritisiert hatte. Bei den Wählern kommt diese unabhängige Haltung aber an: Durch persönliche Stimmen schaffte es Dürbeck auf Platz 19 der CDU-Liste und wird damit sicher wieder im Stadtparlament sitzen. Ungekrönter König der Stimmensammler ist bei der CDU aber Avi Shefatja, der von Listenplatz 39 um 25 Positionen nach oben gewählt wurde. Der 1993 in Baku geborene Sprecher des CDU-Zukunftsforums für jüdisches Leben in Hessen habe vor allem in der jüdischen Gemeinde Stimmen gesammelt, heißt es in der Partei. Bruno Rhein muss um seinen Sitz noch bangen Sprünge nach oben machten außerdem die Kreisvorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung, Veronica Fabricius (von neun auf fünf), der frühere Betriebsratsvorsitzende der FES, Ömer Zengin (von 16 auf neun) und die Moderatorin Christina Ringer (von 20 auf elf). Für Bruno Rhein, Sohn des Ministerpräsidenten Boris Rhein, reichte der Aufstieg von Listenplatz 29 auf Rang 26 nicht für den sofortigen Einzug ins Stadtparlament. Als dritter Nachrücker hat er aber gute Chancen, doch noch zum Zuge zu kommen, sollten einige Mitglieder der Führungsriege der CDU in den hauptamtlichen Magistrat einziehen. Bei der SPD haben die Wähler die Liste gehörig durcheinandergewirbelt. Davon profitiert haben vor allem Bewerber mit Migrationshintergrund, die eine große ethnische Gruppe hinter sich wissen und schon politische Erfahrungen in der Kommunalen Ausländervertretung gesammelt haben. Den größten Satz machte Mustapha Lamjahdi, der von Platz 33 auf den elften Rang katapultiert wurde und damit der SPD-Fraktion im Römer angehören wird. Der Mathematik- und Physiklehrer hat marokkanische Wurzeln und ist Vorsitzender einer Moscheegemeinde in Heddernheim. Noch weiter nach vorne ging es für Dijana Avdic, die vor der Wahl an 24. Position der Liste stand und auf dem sechsten Platz landete. Sie wuchs in Serbien auf, kam zum Studium nach Frankfurt und war stellvertretende Vorsitzende der Kommunalen Ausländervertretung. Kandidatin mit kurdischen Wurzeln Sarya Atac machte ebenfalls viel Boden gut: Sie kletterte vom 26. auf den 13. Platz. Wenn man die Soziologin nach Gründen für ihr gutes Abschneiden fragt, verweist sie auf den engagierten Wahlkampf, sagt aber auch: „Ich habe das Glück, einer politisch engagierten, großen Community anzugehören, nämlich der kurdischen.“ Die Fünfundzwanzigjährige war früher bei den Linken und ist erst vor einem Jahr in die SPD eingetreten. Die Referentin für Suchtprävention wünscht sich vor allem mehr Sozialarbeiter und Integrationshelfer an den Schulen. Auch die Lehrerin und frühere Bundestagskandidatin Lena Voigt sprang fünf Plätze nach vorne und ergatterte den rettenden 15. Platz, denn so viele Mandate hat die SPD bei der Wahl gewonnen. Die Aufsteiger haben Kandidaten verdrängt, die auf der SPD-Liste in aussichtsreicher Position lagen und nun womöglich doch nicht in den Römer einziehen. Für den Juristen Raven Kirchner ging es besonders schmerzhaft um zehn Plätze bergab, der Apotheker Robin Brünn verlor sechs Plätze, und auch die Juso-Vorsitzende Dorit Sperling rutschte vier Positionen nach hinten und muss als dritte Nachrückerin zittern. Das ist zwar eigentlich nicht im Interesse der Parteiführung, die bei der Aufstellung der Liste einen Plan hatte. Allerdings gibt es auch Stimmen in der SPD, die die neuen, vor allem migrantischen Aufsteiger als „Zugpferde“ für die Partei bezeichnen. Bei den Grünen haben es zwei künftige Stadtverordneten geschafft, mit ihren Wahlergebnissen für einige Aufmerksamkeit zu sorgen: Feyyaz Çetiner gelang es, um neun Plätze vorzurücken. Er rangiert nun auf Platz elf und wird damit Mitglied der künftigen Grünen-Fraktion im Römer werden. Der in der Türkei geborene Kfz-Sachverständige ist kein Unbekannter bei den Frankfurter Grünen. Er ist der Antisemitismusbeauftragte der Partei und leitete deren Arbeitsgemeinschaft „FreundInnen des jüdischen Lebens“. Hosai Zarif-Ander, eine afghanische Paschtunin, die sich als Menschenrechtsaktivistin engagiert, ist um acht Plätze nach vorne kumuliert worden und nimmt nun auf der Liste der Grünen den Platz 13 ein. Auch Zarif-Ander, eine Unternehmerin, ist in der Partei gut vernetzt, ist in einer der Stadtteilgruppen aktiv. Bei den Grünen werden oft Frauen nach vorne gewählt Beide Aufstiege sind typisch für das Wahlverhalten derer, die bei den  Grünen ihre Kreuze machen: Die Liste zeigt, dass gemeinhin Frauen nach vorne gewählt werden und Kandidaten mit ausländischen Wurzeln. Bei früheren Wahlen hatte dies mitunter zu einer völlig neu zusammengesetzten Liste geführt, als es die Partei selbst auf ihrem Listenparteitag beschlossen hatte. So extrem ist es dieses Mal nicht zugegangen. Çetiner und Zarif-Ander haben in diesem Fall zwei Kandidaten aus der Stadtverordnetenfraktion verdrängt: Der Lehrer Daniel Brenner, der erst während der Wahlperiode nachgerückt war, wird dem neuen Parlament ebenso wenig angehören wie der Dolmetscher Mehmet Agatay aus Höchst. Er war 2021 erstmals in das Stadtparlament eingezogen. Eine Überraschung gibt es bei den Grünen aber dann doch: Bürgermeisterin und Diversitätsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg, die auf der Liste auf Platz 78 zu finden war, dicht gefolgt von ihren vier anderen Grünen-Magistratskollegen, ist am Ende um 41 Plätze nach oben kumuliert worden und rangiert damit nun auf Platz 37. Eine Tatsache, die sie mit viel Wohlwollen registriert hat. Ein Stimmenkönig eigener Art Bei der FDP hat Spitzenkandidatin Stephanie Wüst die meisten Stimmen bekommen, kann als Wirtschaftsdezernentin ihr Mandat aber nicht annehmen. Die Plätze zwei bis fünf blieben unverändert, doch erster Nachrücker ist nun Julian Langner, der auch bisher schon Stadtverordneter war. Er ist vor Dominik Rauth gerückt, der bei Wüst im Wirtschaftsdezernat arbeitet. Ohne Auswirkung bleibt der Sprung von Parteichef Frank Maiwald von Platz 63 auf 45. Bei Volt müssen auf den vorderen Plätzen zweimal die männlichen Kandidaten den Frauen den Vortritt lassen. Das wirkt sich bei Platz sechs aus, auf dem jetzt Nina Adam anstelle von Leonard Kramer direkt in die Stadtverordnetenversammlung einzieht. Den ersten Platz muss Eileen O’Sullivan als Dezernentin wie Wüst zwangsläufig frei machen. Ein Stimmenkönig eigener Art ist Thomas Bäppler-Wolf. Nach seinem Austritt aus der SPD ist der Tanzlehrer, Travestiekünstler, Schauspieler und Stadtführer für die Wählergemeinschaft „Die Frankfurter“ angetreten. Als Spitzenkandidat konnte er zwar nicht nach oben kumuliert werden. Doch mit fast 12.000 Stimmen hat er mehr geholt als alle anderen Kandidaten der kleineren Listenvorschläge. Mit gut 1000 Stimmen Abstand folgen Jutta Ditfurth (Ökolinx) und Eyup Yilmaz (BSW).