Wladimir Putin hat seinen Siegesplan für die Ukraine gewechselt. Den alten hatte er 2024 formuliert. „Unsere Truppen stoßen auf der ganzen Kontaktlinie vor“, sagte er damals. „Jeden Tag, mehr oder weniger“, bis die Ukraine keine Soldaten mehr habe. Am Ende würde Russland den Feind an der Front aufreiben. Es kommt gerade anders. Der russische Vormarsch steckt fest, die Verluste steigen. Nach Meinung des britischen Militärs hat Russland inzwischen anderthalb Millionen Soldaten verloren. Eine halbe Million ist tot, eine Million verletzt. Die Verluste der Ukraine sind vermutlich drei- bis viermal geringer. Angriff ist eben tödlicher als Verteidigung. Deshalb hat Russland jetzt einen neuen Siegesplan. Es will die Ukraine nicht mehr an der Front besiegen, sondern durch einen „Krieg der Städte“, also Luftangriffe aufs ganze Land. Putin hat das Ende September in die Worte gefasst, Russlands „Vergeltungsmaßnahmen“ seien so „zerstörerisch“, dass der Feind schon um Frieden flehe. Der Telegram-Kanal „Rybar“, eine der größten Propagandaplattformen Russlands, kommentierte, der „Krieg der Städte“ werde die Ukraine in einen für ihre westlichen Sponsoren nutzlosen Vermögenswert verwandeln und so zum „Frieden“ zwingen. Raketen und Drohnen seien deshalb „günstiger“ als Hunderttausende neuer Frontsoldaten. Der Plan wirkt. Donald Trumps Irankrieg absorbiert die amerikanischen Abwehrwaffen in aller Welt. Für die Ukraine bleibt kaum etwas übrig, und russische Raketen kommen jetzt fast immer ans Ziel. Außerdem werden Russlands Langstreckendrohnen gerade von Propeller- auf Düsenantrieb umgestellt und sind jetzt viel gefährlicher. Früher konnte die Ukraine 90 Prozent abfangen, im September nur noch 55 Prozent. Russland steht allerdings unter Zeitdruck. Die Kriegswirtschaft ächzt, und der Propagandakanal „Rybar“ schreibt, wegen der hohen Kosten und der Schlangen vor den Tankstellen könne auch der „Krieg der Städte“ nicht ewig dauern. Vermutlich wird Putin deshalb versuchen, die Ukraine im kommenden Winter in den Kollaps zu treiben. Ausfallende Heizungen sowie zerstörte Industrien und Kraftwerke sollen das Ende erzwingen. Drei Maßnahmen können jetzt helfen. Erstens sollten Deutschland und die übrigen Verbündeten der Ukraine noch stärker bei der Luftabwehr beistehen. Zweitens sollte mehr getan werden, um Russlands Einnahmen zu schmälern. Die Bundesregierung hat nach dem Angriff auf den Flughafen Leipzig/Halle angekündigt, gegen Russlands Tanker-Schattenflotte vorzugehen. Jetzt könnte sie tun, was sie gesagt hat. Drittens braucht die Ukraine so viel finanzielle Hilfe, dass Russland nicht hoffen kann, sie in die Pleite zu bomben. Selenskyj hat unlängst gesagt, im Haushalt 2026 fehlten 24 Milliarden Euro. Fachleute bei der EU stellen das nicht grundsätzlich infrage, verzögern aber die Auszahlung, weil das Land vereinbarte Reformen vertrödelt. Für 2027 fehlen nach Kiewer Angaben sogar 69 Milliarden. Deshalb sollte das in der EU eingefrorene russische Staatsvermögen von etwa 210 Milliarden Euro noch in diesem Herbst vom belgischen Finanzdienstleister Euroclear und anderen Instituten an die EU selbst übertragen und der Ukraine geliehen werden. Das würde auch Deutschland und seinen Verbündeten nutzen. Wenn die Ukraine-Hilfe mit russischem Geld finanziert wird, verlieren Parteien wie die AfD oder der französische Rassemblement National das wählerwirksame Argument, zu Hause fehlten Altenpfleger, weil alles Geld in der Ukraine verbrenne. Hilfe für die Ukraine kostet sowieso weniger als keine Hilfe. 2024 hat das Institut für Weltwirtschaft ausgerechnet, dass Deutschland nach einem russischen Sieg seine Verteidigungsausgaben langfristig auf das Zehn- bis Zwanzigfache der jetzigen Ukraine-Unterstützung steigern müsste, um Russland von weiteren Angriffen abzuschrecken. Und auch kurzfristig ist es teuer, Putin gewähren zu lassen. Wegen der blockierten Exportrouten über das Schwarze Meer sind die Getreidepreise weltweit um bis zu 25 Prozent gestiegen, und manche sagen schon Hungertote im globalen Süden voraus. Ob die Ukraine die nötige Hilfe bekommt, hängt aber auch von Selenskyj ab. Das Land ist im Kampf gegen die Korruption seit der proeuropäischen Revolution von 2014 weit gekommen, aber nicht weit genug. Das hat Folgen. Die EU hält Geld zurück, und bei der AfD feixen die Putinisten. Selenskyj ist groß im Kampf gegen den äußeren Feind. Wenn die Ukraine überleben soll, muss er auch groß werden im Kampf gegen den Feind im Inneren.
