FAZ 30.09.2026
13:26 Uhr

Künftiger Sitz der Commerzbank: Letzte Optionen im Ringen um den Finanzplatz Frankfurt


Was würde passieren, wenn Unicredit die Commerzbank übernommen hat?  Die Bundesregierung versucht zu retten, was zu retten ist.

Künftiger Sitz der Commerzbank: Letzte Optionen im Ringen um den Finanzplatz Frankfurt

Nachdem Unicredit-Chef Andrea Orcel den Übernahmekampf um die Commerzbank offenkundig in seinem Sinne entschieden hat, versucht die Bundesregierung zu retten, was zu retten ist. Dazu gehört nicht zuletzt der Unternehmenssitz des Instituts. Wenn in nicht mehr allzu ferner Zukunft die schon zur Unicredit gehörende Hypovereinsbank mit der Commerzbank in welcher Weise auch immer verbunden werden sollte, womit allgemein gerechnet wird, soll der Bund der beiden Banken in Frankfurt beheimatet sein, um den Finanzplatz am Main zu stärken. Der Bund hält noch etwa 13 Prozent der Anteile an der Commerzbank, Unicredit nähert sich der Marke von 50 Prozent. Damit sind die Italiener in der Lage, in der Hauptversammlung zentrale Entscheidungen in ihrem Sinne durchzudrücken. Die Bundesregierung hat lange deren Vorgehen als aggressiv und feindlich eingestuft und versucht, die Eigenständigkeit der Commerzbank zu erhalten – während Orcel sein Aktienpaket direkt und indirekt aufstockte und damit Fakten schuf. Im Sommer änderte die Regierung ihren Kurs, auch wenn sie das nie so sagen würde. Seither geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Der Buhmann wird zum Gesprächspartner Zeichen für die neue Strategie war das Treffen von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) mit Orcel Mitte September. Der Buhmann wurde zum Gesprächspartner. Beide Seiten sprachen anschließend von einem konstruktiven Gespräch. Wenn die Bundesregierung gehofft haben sollte, dass der Italiener nun einen „freundlichen“ Weg einschlagen würde, dürften  die jüngsten Schlagzeilen zu Orcels Plänen sie aufgeschreckt haben. So berichtete jüngst die „Financial Times“, dass der Unicredit-Chef in wenigen Monaten die Kontrolle über die Commerzbank übernehmen will. Sobald die zuständigen Behörden den Einstieg abgesegnet hätten, wolle er eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, um bis Ende Februar den Aufsichtsrat neu zu besetzen, im Idealfall sogar schon im Januar. Die Bundesregierung ist offenkundig irritiert. „Im Anschluss an das Treffen von Bundesfinanzminister Klingbeil mit dem CEO der Unicredit, Andrea Orcel, haben wir den Eindruck, eine gemeinsame Basis gefunden zu haben und mit klaren Zusagen der Unicredit rechnen zu können: zum Standort Deutschland, zu den Rechten der Beschäftigten der Commerzbank und zu einem konstruktiven Dialog mit dem Betriebsrat im weiteren Prozess“, verlautete nach Bekanntwerden des Berichts aus ihren Kreisen. An der Position, an den Zielen der Bundesregierung hat sich demnach nichts geändert: „Die Commerzbank soll eine börsennotierte Aktiengesellschaft mit Sitz am Finanzplatz Frankfurt bleiben. Das Mittelstandsgeschäft soll weiter ausgebaut werden. Die Commerzbank soll dafür weiterhin über die nötige Kapitalausstattung verfügen und wesentliche Entscheidungen in Deutschland treffen.“ Wie die Bundesregierung jetzt Zugeständnisse erreichen will Doch ist die Bundesregierung nicht mehr in der Position, etwas verlangen zu können. Daher ist in ihren Kreisen nur von Erwartungen die Rede, nicht von Forderungen: „Wir erwarten jetzt, dass der CEO der Unicredit diese Zusagen zeitnah gibt. Das Ziel muss sein, am Ende eine tragfähige Wachstumsstrategie für die Commerzbank zu erreichen.“ Der Bund ist zwar immer noch zweitgrößter Aktionär, aber auch damit ist sein Einfluss begrenzt. Er hat zwar seit seinem Einstieg in der Finanzkrise das Recht, zwei Vertreter für den Aufsichtsrat vorzuschlagen, aber das muss nicht heißen, dass die Hauptversammlung diese dann wählen muss. Kein Zweifel besteht, dass Orcel mit einem Aufsichtsrat, dessen Kapitalseite durchgängig in seinem Sinne besetzt ist, stärker durchgreifen und einen neuen Vorstand einsetzen kann. Wenn er noch weitere Anteile zukauft, könnte er dann auch irgendwann ohne die aktuelle Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp eine Vereinbarung zum Zusammenführen der Geschäfte abschließen können. Wer nicht in der Lage ist, Unerwünschtes zu blockieren, muss sehen, wie er auf anderem Weg das Erhoffte erreichen kann. Die Bundesregierung stellt daher Entgegenkommen in Aussicht: Wenn Unicredit nach konstruktiven Gesprächen die erwünschten Zusagen gebe, dann entspräche dies den Kernanliegen der Bundesregierung. „Damit wäre eine gute Basis geschaffen, um noch offene Fragen im konstruktiven Miteinander aller relevanten Akteure und im Einklang mit der Governance der Commerzbank zu lösen.“ Die vage gehaltene Formulierung lockt mit der Möglichkeit, dass sich der Bund nach einer solcherart „freundlichen“ Übernahme von seinen verbliebenen Anteilen trennen könnte.