„Ich glaube nicht, dass es glückliche Menschen gibt. Glück ist immer nur die Sache von Augenblicken. Sicher gibt es Menschen, die viele solcher Augenblicke kennen; vielleicht sich auch nur besser an sie erinnern und sich daher glücklich fühlen. Wenn man das Glück des Laufens lernen kann, warum nicht auch das Glück des Lebens?“ Dies ist ein besonders schönes Fundstück aus dem öffentlichen Tagebuch, das Werner Sonntag, Vorläufer und Vordenker für Generationen von Joggern und Langläufern, hinterlassen hat. Nun sind die besten Kolumnen, Gedanken und Gedankensplitter aus „Laufen, Schauen, Denken“, seiner gedanklichen Spielwiese, hundert von 700, der Ewigkeit näher gerückt; der Lauftherapeut Wolfgang W. Schüler und Walter Wagner, in dessen Onlinejournal LaufReport.de Sonntag von 2002 an für mehr als anderthalb Jahrzehnte öffentlich Tagebuch führte, haben sie in Buchform herausgegeben. Der Titel „Werner Sonntag 100“ steht dabei nicht allein für den Geburtstag des im Juni 1926 in Görlitz geborenen und im Oktober 2021 bei Stuttgart verstorbenen Journalisten und Autors. Die Hundert steht auch für die Ultra-Langlaufdistanz, der Sonntag mit dem ersten seiner vielen Laufbücher ein Denkmal und seinen Leserinnen und Lesern ein Ziel gesetzt hat: „Irgendwann mußt du nach Biel. Bekenntnisse eines Hundert-Kilometer-Läufers“. „Er erinnerte uns daran, dass Ausdauer eine Lebenshaltung ist“ Werner Sonntag besaß die seltene Gabe, Menschen Mut zu machen, ohne große Worte zu benutzen, konstatiert der Sportwissenschaftler Oliver Stoll in seinem Geleitwort: „Er erinnerte uns daran, dass Ausdauer nicht nur eine körperliche Fähigkeit ist, sondern eine Lebenshaltung.“ Sonntag, Redakteur einer Tageszeitung und Korrespondent eines Wochenblatts, begann im Alter von 39 Jahren auf ärztlichen Rat mit dem Laufen. Schon bald konnte er die Medikamente absetzen, die wie das Laufen der Therapie seiner Migräne dienten; zur „Kupierung“ eines Anfalls reichte dem Läufer nun ein Bier. Mit vierzig lief Sonntag seine ersten beiden Marathons. Den einen, in den Niederlanden, weil ihn die Interessengemeinschaft älterer Langstreckenläufer (IGL) für Teilnehmer von vierzig Jahren und älter veranstaltete. Am anderen, im Schwarzwald, nahm er teil, weil es der erste Volkslauf dort war. In Bewegung bleiben Dies waren seine Leitmotive: in Bewegung bleiben, statt sich dem Diktat des Tempos zu unterwerfen, Läufe bestreiten, ohne dafür Vereinsmitglied werden zu müssen. Das Laufen wurde zu einer langen Reise zu sich selbst. Das Bild, mit dem Wikipedia seinen Eintrag über Sonntag illustriert, spiegelt diese Haltung: Da ist ein rüstiger alter Herr zu sehen, der mit einer Startnummer vor dem Bauch gelassen durch eine leere Straße trabt, hinter sich keinen einzigen anderen Läufer, sondern das Fahrzeug der Ambulanz, den sprichwörtlichen Besenwagen. Letzter war er öfter als Erster, und als er 1993 bei der ersten Europameisterschaft der Veteranen im 100-Kilometer-Lauf in der Altersklasse 60 siegte, berichtete er anschließend lakonisch, diese sei „schwach besetzt“ gewesen. Dennoch dürfte sein Einfluss auf die Masse der deutschsprachigen Läuferinnen und Läufer größer sein als der manches Siegers. Die Jüngeren der Boomer-Generation können den Philosophen des Laufs im Alter nun kennenlernen, da sie Zeit haben fürs Lesen und fürs Laufen. Sonntag leistete Widerstand gegen die Herrschaft der Stoppuhr. 1974, bevor Langläufe die Großstädte eroberten, bevor sie Teil des Stadtmarketings wurden und bevor es so etwas wie Lauf-Mode gab, gründete er den Lauftreff Stuttgart-Degerloch und trug damit seinen Teil zur Demokratisierung des Sports bei, der damals den Schnellen, Starken und Talentierten vorbehalten war. Sonntag vermittelte so „eine Strategie der Lebensbewältigung“. Gegen die Olympiabewerbung und besinnungsloses Erfolgsstreben 1979 leistete er mit seinem Buch „Spaß am Laufen. Jogging für die Gesundheit“ einen weiteren Beitrag zur Entwicklung vom einsamen Ausdauerlauf zur Massenbewegung, die, zum Beispiel, am kommenden Sonntag beim Berlin-Marathon auf verschiedenen Distanzen 56.000 Menschen auf die Beine bringen wird. Sonntag wurde zum Chronisten und Protagonisten der Marathon- und Ultralanglauf-Szene. Nicht einmal als Chefredakteur der Langlauf-Magazine „Spiridon“ und „Condition“ verstand er sich als Sportjournalist. Schließlich sei er gegen die Olympiabewerbung Deutschlands, argumentierte er, und gegen besinnungsloses Erfolgsstreben. „Das Bekenntnis zur Leistung wird zweifelhaft“, schrieb er, „wenn nicht mehr über den Sinn der Leistung reflektiert wird. Leistung führt, psychologisch gesehen, zur seelischen und geistigen Verarmung, wenn sie unser Denken und Fühlen völlig ausfüllt.“ Weit mehr als 300 Marathon- und Ultralangläufe hat Sonntag gleichwohl absolviert, manchmal Woche für Woche einen. Dreiunddreißigmal ist er bei den 100 Kilometern von Biel ins Ziel gekommen. Selbst den Spartathlon, 246 Kilometer von Athen nach Sparta, bewältigte er dreimal, fast jedes Mal innerhalb der Regelzeit von 36 Stunden. „Ultraläufer finden ihren Maßstab bei sich selbst“, darauf beharrte Sonntag. Nichts konnte ihn stoppen, nicht eine Bypassoperation mit achtzig und nicht ein Schlaganfall mit fast neunzig. Nun gut, mit 86 hatte er sich vom Rennen aufs Wandern verlegt unter dem Eindruck, dass er mehr und mehr den Zielschluss der Läufe nicht erreichte. Erst ein Sturz und dessen Folgen 2017, da war er 91 Jahre alt, schränkten seine Bewegungsfähigkeit dermaßen ein, dass er auch aufs Wandern verzichten musste. Daraufhin beendete er sein Tagebuch ebenso unzeremoniell, wie er es begonnen hatte. Wie er sich in seinem Alter denn fühle, hatte er ein Jahr zuvor eine häufig gestellte Frage zitiert. Seine Antwort: „Alt.“
