In der Jahresbestenliste der schnellsten Frauen Europas ist Tatjana Pinto auf Platz fünf notiert – so weit vorne war sie schon lange nicht mehr zu finden. 11,02 Sekunden über 100 Meter. Nur 2016 lief die gebürtige Münsteranerin noch schneller. Damals stellte sie in 11,00 Sekunden ihre persönliche Bestzeit auf – und war sogar zweitschnellste Europäerin des Jahres auf der prestigeträchtigen Sprintstrecke. Eine Dekade und einige Umwege später nähert sich Pinto mit mittlerweile 34 Jahren wieder ihrer Bestform – und kann bei den an diesem Montag beginnenden Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham sogar als Medaillenkandidatin gehandelt werden – unter neuen Vorzeichen. Zehn Jahre lang eine feste Größe in deutschen Staffeln Länger als ein Jahrzehnt zählte die 1,70 Meter große Läuferin mit dem eleganten Laufstil als feste Größe zur deutschen 4-mal-100-Meter-Sprintstaffel – nun startet Tatjana Pinto für Portugal, das Heimatland ihres Vaters. Vier Medaillen gewann sie in ihrer langen Laufbahn bei Großereignissen – allesamt als Staffelläuferin. Schon mit 19 Jahren war Pinto als Jüngste im Quartett mit Leena Günther, Anne Cibis und Verena Sailer 2012 in Helsinki Europameisterin geworden. 2016 in Amsterdam sowie 2018 in Berlin hatte sie ihren Anteil an EM-Bronze für das deutsche Team. Und 2022 in Eugene gewann sie als Startläuferin gemeinsam mit Alexandra Burghardt, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase sogar Bronze bei der Weltmeisterschaft. Von Wattenscheid über Kingston nach Lissabon Doch dann kam ein Bruch in die Karriere der Sportlerin. Meniskusrisse und Knorpelschäden hatten ihr körperlich zugesetzt, fehlendes Vertrauen seitens des Deutschen Leichtathletik-Verbandes bereiteten ihr mentale Sorgen. Sie fühlte sich in doppelter Sicht schlecht behandelt. Und auch der Spaß am Sprint war ihr verloren gegangen. Nachdem sie vor den Olympischen Spielen von Paris für anderthalb Jahre in Kingston auf Jamaika trainiert hatte, dann aber die Qualifikation verpasste, wechselte die viermalige deutsche Meisterin vom TV Wattenscheid zu Benfica Lissabon – und entschied sich, auch ihren Lebensmittelpunkt nach Lissabon zu verlegen. Schon im August 2025 erhielt sie das Startrecht für Portugal. Inzwischen hält sie die portugiesischen Landesrekorde über 60 und 100 Meter. Tatjana Pinto wurde in Münster (Westfalen) geboren, ihre Mutter stammte aus Angola, ihr Vater aus Portugal. Nach dem Abitur hatte sie Soziale Arbeit studiert. Sie sei immer stolz gewesen, „für Deutschland zu laufen“. Doch es sei ebenso ein Traum von ihr gewesen, für beide Länder starten zu können. Benfica Lissabon und der portugiesische Verband trugen mit tatkräftiger Unterstützung dazu bei, dass ihr der Weg zurück auf die Rennbahn gelungen sei, berichtete Pinto jüngst bei einer Stippvisite in Regensburg. „Ich fühle mich besser und frischer denn je“, sagte sie der „Mittelbayerischen Zeitung“, nachdem sie bei dem Leichtathletik-Meeting in der Oberpfalz einen portugiesischen Rekord gerannt war. Sie habe den Spaß am Sprinten wiedergewonnen – und auch das Vertrauen in ihr Knie. „Ich habe mein Potential noch nicht ausgeschöpft“, sagte Pinto im Hinblick auf ihren Neuanfang ebenso kämpferisch wie selbstkritisch. Denn als Solistin war sie bislang nicht über die Plätze sechs (2016) und acht (2012) bei Europameisterschaften hinausgekommen. In Birmingham wird sie ihren langjährigen Weggefährtinnen Rebekka Haase und Gina Lückenkemper als Konkurrentinnen begegnen. Zunächst in den Einzelrennen an diesem Montag (Finale um 21.50 Uhr in der ARD), später mit der 4-mal-100-Meter-Staffel am Samstag (Finale um 21.48 Uhr im ZDF). Dabei geht das portugiesische Quartett allerdings nicht ganz so aussichtsreich ins Rennen wie das deutsche.
