FAZ 06.06.2026
12:00 Uhr

Lost and Found: Gedenktag für die im Krieg getöteten Kinder


Unsere Kolumnistin ist in Palermo. Und muss, in dieser Stadt mit ihrem Totenkult, an den Krieg in der Ukraine denken.

Lost and Found: Gedenktag für die im Krieg getöteten Kinder

Ich fuhr zum Strand von Castellammare. Sizilien, Heimat meiner Seele – so gerne würde ich es sagen, so gerne wäre ich von hier. Rechts von mir erstreckte sich eine felsige Meeresküste. Der Tag versprach sehr warm zu werden, ich wollte mir ein paar Tage gönnen, las aber wieder Nachrichten. Es war eine schreckliche Nacht in Kiew. Ich kam mir selbst fragwürdig vor, ich konnte meine Fahrt nicht verorten: Ich fuhr entlang des Meeres, versank aber in der Tiefe des Krieges. Der Markt Lukjanivka war komplett zerstört, vor Kurzem habe ich dort Blumen gekauft; die Neue Oper gegenüber war schwer beschädigt, wir haben da gerade ein experimentelles Theaterstück angeschaut; das Tschernobyl-Museum, sorgfältig jahrelang aufgebaut, zum 40. Jahrestag renoviert, ist fast komplett zertrümmert, Wohnhäuser, Cafés, Museen, Einkaufszentren – ich schrieb unaufhörlich meinen Freunden. Es ergab sich eine merkwürdige Schleife. Raketen, Drohnen, alles flog über sie hinweg O. sagte, dass sie nur wenig geschlafen habe, aber der Sonntag sei doch nicht abgeschafft worden, sie fahre gleich ins Grüne. Ihre Partnerin schrieb mir, sie selbst sei okay, aber O. habe in der Nacht geweint, und der Hund habe geweint und mitgezittert: Raketen, Drohnen, alles flog über sie hinweg, Explosionen ohne Ende. L., die gegenüber des zerstörten Markts lebt, schrieb kurz: Sie sei okay, keine Sorge. Eine Freundin meinte, bei L. seien alle Scheiben herausgeflogen, das Haus habe einen Riss bekommen. Warum sagte L. mir nichts? Gilt es, Normalität zu bewahren – eine Würde? Meine Nichte hat in der U-Bahn geschlafen, es war aber ungewöhnlich überfüllt, die Menschen nah an der Panik. Heute wird sie ein Konzert spielen, obwohl viele Museen nah der Philharmonie nicht aufmachen. „Und deine Tochter?“, fragte ich. „Sie hat bei einer Freundin in einem Super-Keller geschlafen“. Eine seltene architektonische Koexistenz Ich dachte an diesen Super-Keller, an die Philharmonie, an die großen Stücke Asche, die über die Stadt flogen – wie meine Nichte mir berichtete –, und schaute aufs Meer. Palermo schimmerte mit Bildern hinter mir. Eine Stadt, mit einer prekären kulturellen Mischung, in der Arabisches und Normannisches ineinanderfließen, eine seltene architektonische Koexistenz, wo sich Ost- und Westchristentum in zahlreichen Mosaiken noch ungetrennt wiederfinden. Vielleicht suchte ich hier nach einer Einigung. Den Spuren einer Utopie, wenn auch auf einem fremden Boden von mir neu erdacht. Dabei erschreckte mich die Stadt mit ihrem hier und dort aufreißenden dunklen Schlund: sei es ein an Nekrophilie grenzender Märtyrerkult, das bedrückende Fresko „Triumph des Todes“ im Palazzo Abatellis (das den Horizont des Denkens mit seiner Größe und seinem vernichtenden Statement zu besetzten versucht), oder ja, die weltberühmten Katakomben. Memento mori? Nein, danke! Mehrmals weigerte ich mich, dahin zu gehen, um diesen „lebendigen Tod“ zu vermeiden. Die Kapuziner hatten über die Jahrhunderte ihre toten getrockneten Körperchen der Nachwelt zur Schau vermacht. Hunderte, Tausende, in Nischen stehend – dann folgte ihnen die Bevölkerung –, eine Sammlung, die sowohl die Totenruhe wie auch die Unsterblichkeit der Seele untergräbt. Memento mori? Nein, danke! Nicht so. Hat vielleicht diese Tradition von lebenden Toten die brutalen Handlungen der Mafia „seelisch“ unterstützt? Noch gestern war ich in diesen Katakomben, dann in einem Palast, in dem erst in den Siebzigerjahren carceri, Gefängnisse, entdeckt wurden, mit zahlreichen Zeichnungen von Gefangenen der Inquisition, die bis zur Mitte des 18. – unbegreiflich! – Jahrhunderts hier tagte. Warum staune ich? Repressionen sind allgegenwärtig. Ich spürte einen Stich, einen Hauch von Aktualität. Dachte ich an die besetzten Gebiete? An die heutigen Gefangenen? Ich wollte den düsteren Kreis durchbrechen Sorgfältig gemalte Szenen aus dem Leben von Jesus und den Märtyrern, vom Limbo, von Gebeten und von Blumen – wie ein Beweis der Unschuld – sah ich auf den Wänden des ehemaligen Gefängnisses. War es eine Botschaft an die Täter oder an die Nachwelt, an uns? Was blieb ihnen außer dem Glauben? Manchmal ergibt sich die Topographie der neuen Stadt in merkwürdigen Parabeln. Katakomben, „Triumph des Todes“, carceri – ich wollte den düsteren Kreis durchbrechen und ging zum Marionettenmuseum. Ich liebe Marionetten wie eine unüberwindbare Kindheit; vielleicht ist diese Liebe ein Tribut an meine erwachsenen Kinder, an etwas, das nicht vergeht. In langen Reihen hingen hier Helden des Mittelalters, paladini, Ritter, auch Roland (Orlando), Rinaldo, Bradamante, Angelica, Carlo Magno (Karl der Große) selbst, Sarazenen – ich schaute ihnen ins Gesicht. Krieg, Schlacht, das märchenhafte Überleben, wenn auch mithilfe von Magie und fabelhaften Wesen. Sie sind ein Volksgedächtnis über Krieg, Heldentum, Gewalt und Ehre, das aus den mittelalterlichen französischen „Chansons de geste“, „Liedern von Taten“, entstammt. Das berühmteste ist das Rolandslied, das später auch in „Orlando Furioso“, „Der rasende Roland“, von Ariost verarbeitet wurde. Der Berg der „toten Puppen“ wuchs „No War“ prangte plötzlich in blutroten Buchstaben auf der schwarzen Wand in einem Saal des Museums. Auf einem Sandhaufen lagen Teile von burattini, Handpuppen, wie nach einer Explosion, umkreist von all den Kriegern, den ganzen Armeen von Puppen. Dann bin ich ins Theaterstück geraten, im Publikum waren nur Erwachsene, die vielleicht das Kind in sich pflegten: Schwer bewaffnete Ritter kämpften, Riesen entführten die Frauen. Bei einer Schlacht wurden Puppen enthauptet oder entzweigespalten, der Berg der „toten Puppen“ wuchs. Der niedliche Drache wurde besiegt, Angelica gerettet, und Orlando bekam einen glücklicheren Rivalen. Am Ende sagte der puparo, der Puppenspieler: „Es gehört zur Tradition, dass dieser Krieg von hölzernen Figuren geführt wird. Danach sind sie versöhnt und kämpfen erneut, ohne zu sterben oder zu töten. Denn Liebe soll verbreitet werden und die Kriege verhindert!“ Ich wusste nicht, wie ich diesen Text beenden soll. Dann las ich, dass heute in der Ukraine der Gedenktag für die im Krieg getöteten Kinder ist, und wusste es noch weniger.