FAZ 11.05.2026
10:34 Uhr

Ludwig-Börne-Preis: Verläuft Geschichte linear?


Christopher Clark nimmt in der Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis entgegen. Er lobt an Börne den feuilletonistischen Sinn fürs Nicht-Lineare, was nicht als Kritik an Bundespräsident Steinmeier gemeint ist.

Ludwig-Börne-Preis: Verläuft Geschichte linear?

Reden und Aufsätze zur Deutung der Zeit, die wir erleben, beginnen oft mit einem Verweis auf einen Text aus dem Jahr 1989, dessen Titel zum geflügelten Wort geworden ist, den Essay des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama über das „Ende der Geschichte“, dem kurz darauf ein Buch mit demselben Titel folgte. Man zitiert Fukuyama, um ihn als widerlegt hinzustellen, was nicht näher begründet werden muss. Der Verweis wie sein Verständnis setzen keine Lektüre voraus. Fukuyama, der tapfer weiter publiziert und in der Tat soeben wieder ein neues Buch angekündigt hat, ist im Fundus literarischer Referenzen für Festredner der kuriose Fall eines Antiklassikers, der gegenwärtig bleibt, weil seine Ansichten den Test der Zeit nicht bestanden haben. In der Rede, die der Historiker Christopher Clark gestern in der Frankfurter Paulskirche zum Dank für den Ludwig-Börne-Preis hielt, kam der Hinweis auf Fukuyama am Schluss. Die Rede lief also auf das „Ende der Geschichte“ zu, allerdings nicht nach dem Schema einer Teleologie. Eher handelte es sich um eine Abzweigung, die das Publikum überraschen konnte, weil der Redner über die längste Zeit nichts zu unserer Gegenwart und deren unmittelbarer Vorgeschichte gesagt hatte. Wenn Ludwig Börnes Epoche, wie Clark ausgeführt hatte, durch die Erfahrung bestimmt war, dass die Befreiung Europas von Napoleon eine neue Unfreiheit heraufführte, aber auch Versuche, mit den Trümmern der revolutionären Weltordnung etwas ganz anderes anzufangen, dann kann, so der Schlussgedanke, man vielleicht auch den welthistorischen Moment von 1989 als turbulenten Anfang einer neuen Geschichte betrachten. Gelegenheitsliteratur im höheren Sinne Fukuyamas Essay nannte Clark unvergessen, den Verfasser eloquent – er schlug ihn also den Rhetorikern zu, was nicht als Abwertung, sondern als Leseempfehlung zu verstehen war. Denn die gesamte Rede war ein Kommentar zu Zitaten aus mehr oder weniger vergessenen Texten, die auf Wirkung bei den Zeitgenossen zielten, weil sie der Auseinandersetzung mit der Zeit dienen wollten, in modernen, das heißt nachrevolutionären Gattungen. Man kann von einer Gelegenheitsliteratur im höheren Sinne sprechen, die sich für die Verwicklungen der Chancen und Risiken der gegebenen Stunde interessiert. Diese Zeitkritik tritt als Literaturkritik auf – die anhaltende französische Resonanz von „Louis Börne“ illustrierte Clark mit Saint-René Taillandier und der „Revue des Deux Mondes“ – oder wird selbst zum Roman, wie es bei den „Bekenntnissen eines Kindes des Jahrhunderts“ von Alfred de Musset schon der Titel ankündigt. Börnes Gesamtwerk ist von dieser Art, und dass seit 33 Jahren der Ludwig-Börne-Preis verliehen, hat auch den Zweck, für Börne neue, aufmerksame Leser zu gewinnen, mit den Preisträgern angefangen. Glänzend entledigte sich Clark seiner Pflicht, das Festpublikum mit Börne bekannt zu machen, indem er ihn als Kollegen vorstellte, ohne das auszusprechen: als Historiker, aber nicht als Mann vom Fach. Das von Börne erfundene Feuilleton ist Zeitgeschichtsschreibung in Fortsetzungen und Neuansätzen. Clark trug die literatursoziologische Hypothese vor, dass die Herkunft aus einem Judenviertel Börnes Blick für die „nicht-linearen“ Momente des Revolutionszeitalters schärfte. Er benannte damit eine Eigenschaft der Zeit, die auch seine Charakterisierung von Börnes Stil durchzog. In einem kurzen Gespräch mit Michael Gotthelf, dem Vorsitzenden der Ludwig-Börne-Stiftung, und dem Preisrichter Reinhard Müller, dem für Rechtspolitik verantwortlichen Redakteur der F.A.Z., kam Clark, nach der Lehrhaftigkeit der Geschichte gefragt, auf „das nichtlineare Verhältnis von Initiativen und Auswirkungen“ zurück. Das Nichtlineare ist auch der leitende Gesichtspunkt, unter dem Clark in seinem Buch „Von Zeit und Macht“ aus dem Jahr 2018, das aus Vorlesungen in Princeton hervorgegangen ist, das Geschichtsbild preußisch-deutscher Staatslenker vom Großen Kurfürsten bis Hitler behandelt. Bei Friedrich dem Großen macht er eine Spannung aus zwischen dem Entwurfsdenken der philosophischen Geschichtsschreibung und dem praktischen Sinn für unvorhergesehene Situationen. Lineares Denken gilt gemeinhin als der Fehler von Fukuyamas Hegelianismus, doch diese Lektion wird wohl zu einfach sein, weil Hegels Geschichtsphilosophie gerade von der Unterscheidung von Absichten und Wirkungen ausgeht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwies Börne, Clark und, wie er ausdrücklich sagte, der Paulskirche die Ehre seiner Anwesenheit. Zehn Monate vor dem Ende seiner Amtszeit kam er noch einmal nach Frankfurt, um für seine Idee eines „Ortes der Demokratiegeschichte“ zu werben, der mehr als ein Gedenkort sein soll: „Wichtig ist auch, was gelungen ist.“ Das war linear gedacht und gesagt. Clarks kongeniales Lob für Börnes feuilletonistischen Stil der Umwege und Abkürzungen war keine Gegenrede zur präsidialen Verlautbarung. Die Überpointierung ist zugleich Selbstzurücknahme, im Dienst der Arbeits- und Gewaltenteilung. Der Historiker weiß, dass der Präsident nicht ins Misslingen verliebt sein kann.