FAZ 17.09.2026
13:43 Uhr

Magdalena Andersson: Ein langer Weg für die „steinharte“ Verhandlerin


Die Stimmen sind endlich ausgezählt, die schwedischen Sozialdemokraten haben die Wahl gewonnen. Aber wie soll Andersson bei all den roten Linien nun eine Regierung bilden?

Magdalena Andersson: Ein langer Weg für die „steinharte“ Verhandlerin

Schwedens erste Ministerpräsidentin – und das gleich zwei Mal: Magdalena Andersson könnte damit in die Geschichtsbücher eingehen. Dabei haben ihre Sozialdemokraten bei der Parlamentswahl am Sonntag deutliche Verluste erlitten. Bei der Wahlparty in Stockholm gab es zunächst enttäuschte Gesichter: nur rund 28 Prozent der Stimmen, das historisch schlechteste Ergebnis. Jubel brandete erst auf, als sich damals abzeichnete, dass das oppositionelle Mitte-links-Lager im Parlament eine Mehrheit erzielen könnte. Doch das Rennen war so knapp, dass selbst die Stimmern der Schweden im Ausland noch den Ausschlag in die andere Richtung hätten geben können. Daher dauerte es bis zum Donnerstag, bis endlich feststand: der rot-grüne Parteienblock hat im Parlament eine knappe Mehrheit von 176 zu 173 Sitzen. Am Donnerstag trat deswegen Ulf Kristersson vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. War als erste Frau schon einmal Regierungschefin Offen ist allerdings noch, wie sich aus dieser Mehrheit des rot-grünen Lagers eine Koalition schmieden lässt. Alle drei kleineren Partner, auf die die Sozialdemokraten für ein Bündnis bauen, gehen gestärkt aus der Wahl hervor. Vor allem auf die Zentrumspartei dürfte es nun ankommen, schließlich lehnt diese eine Regierung zusammen mit der Linkspartei ab. Erwartet wird in Stockholm, dass Andersson nun versuchen könnte, die Zentrumspartei als Unterstützerin einer Minderheitsregierung einzubinden. Aber auch das hatte die Partei eigentlich ausgeschlossen, sollte die Linkspartei mitmachen. Letztere wiederum will keine Regierung unterstützen, deren Teil sie nicht ist. Es wird also schwierig. Die 59 Jahre alte Andersson gilt als pragmatisch und ehrgeizig, beschreibt sich selbst als „steinharte“ Verhandlerin und „Wettkampftyp“. Im November 2021 wurde sie erste Ministerpräsidentin Schwedens, als Nachfolgerin des zurückgetretenen Stefan Löfvens. Auf die Frage, wie sie das geschafft habe, antwortete sie einst, sie sei einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Zuvor war sie viele Jahre lang Finanzministerin gewesen. Mit ihrem Mann, den sie einst an der Handelshochschule kennenlernte, hat Andersson zwei Kinder. Andersson wuchs als Einzelkind eines Hochschuldozenten und einer Lehrerin in Uppsala auf. In ihrer Jugend war sie Leistungsschwimmerin. Bereits mit 16 trat sie dem sozialdemokratischen Jugendverband bei. Zehn turbulente Monate an der Spitze der Regierung Als Regierungschefin durchlebte Andersson damals eine unruhige Zeit: Wenige Monate nach Amtsantritt überfiel Russland die Ukraine. Unter Andersson schwenkte Schweden um, gab seine Bündnisfreiheit auf und beantragte einen NATO-Beitritt, den dann aber die Türkei lange blockierte, zudem begann unter Anderssons Führung Schweden massiv aufzurüsten. Doch nach nur etwa zehn Monaten wurde sie schon wieder abgewählt. Bei den Parlamentswahlen im September 2022 erzielte der rechte Parteienblock eine knappe Mehrheit; Moderate, Christdemokraten und Liberale einigten sich auf eine „Tidö-Bündnis“ genannte Minderheitsregierung, die von den rechtspopulistischen Schwedendemokraten toleriert wurde. Vor denen hatte Magdalena Andersson noch kurz vor der Wahl eindringlich gewarnt. Diese könnten die Regierung „vollständig dominieren“, wie sie mahnte. „Und dann bekommen wir ein ganz anderes Schweden.“ Hintergrund war, dass die Schwedendemokraten nun Regierungsämter anstrebten. Doch dazu kommt es voraussichtlich nicht. Die Rechtspopulisten erlitten erstmals überhaupt bei einer Reichstagswahl Stimmenverluste, wurden am Sonntag nur noch drittstärkste Kraft. In Migrationsfragen sind die Sozialdemokraten knallhart Zudem passt das vermeintliche Feindbild nicht so recht. Bei den Kernthemen der Schwedendemokraten wie Migration und Kriminalität haben die Sozialdemokraten unter Andersson in der vergangenen Legislaturperiode in vielen Fällen mit der Tidö-Regierung gestimmt. Schon im Jahr 2016 hatten die schwedischen Sozialdemokraten infolge des hohen Zustroms an Flüchtlingen einen Kursschwenk vollzogen. Seitdem wurde die Asylpolitik von allen Regierungen – seien sie sozialdemokratisch oder konservativ – weiter verschärft. In den vergangenen Jahren stimmten die Sozialdemokraten auch in der Opposition für weitere Verschärfungen. Etwa für die Abschaffung des sogenannten Spurwechsels, also des Übergangs vom Asyl- zum Arbeitsmigrationsrecht, sowie für die Begrenzung von humanitären Aufenthaltstiteln, außerdem für die umstrittene Absenkung des Alters für eine Strafmündigkeit bei schweren Verbrechen auf 14 Jahre. So soll die Gangkriminalität endlich eingedämmt werden. Die Linkspartei und die Grünen stimmten hingegen meist gegen derlei Verschärfungen. Umso schwerer dürfte es nun für Andersson werden, mit ihnen zusammen ein Regierungsbündnis zu schmieden. Erwartet wird in Schweden deswegen nun eine lange Regierungsbildung.