Wem die Achillessehne reißt, der spürt es nicht nur, er hört es auch. Als durchbreche ein Peitschenknall die Stille, so in etwa klingt es, wenn diese auftritt. Benedict Hollerbach musste diese Erfahrung Ende Januar machen, in der elften Minute der Bundesligabegegnung des FSV Mainz 05 bei RB Leipzig. Angaben darüber, wie lange ein Spieler auszufallen droht, macht der Verein schon seit geraumer Zeit nicht mehr, in der Regel erfolgt der Verweis auf die Abhängigkeit vom „individuellen Heilungsverlauf“. Anscheinend hatte die medizinische Abteilung der Rheinhessen damit gerechnet, dass dieser Heilungsverlauf mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Denn dass der Stürmer vom ersten Tag des Trainingslagers an auf dem Platz stehen würde, überraschte auch die, die näher an ihm dran sind. Zwar noch weit entfernt von voller Belastung, „aber wenn er Dinge beim Aufwärmen mitmachen kann, versuchen wir ihn zu integrieren“, sagte Trainer Urs Fischer: „Das macht uns und ihm mehr Spaß.“ Lange genug außen vor war Hollerbach schließlich, und auch lange genug von den Kollegen getrennt. Seine Reha hatte der gebürtige Starnberger in München absolviert, ganz auf sich konzentriert. Hinter dem 25-Jährigen liegt eine enttäuschende Saison. Im Sommer vorigen Jahres als teuerster Mainzer Einkauf der Geschichte von Union Berlin gekommen – am Bruchweg war von zehn Millionen Euro die Rede, in Berlin variieren die Angaben um drei Millionen nach oben –, musste er schon nach dem ersten Meisterschaftsspiel eine Pause einlegen. Keine Viertelstunde wirkte er gegen den 1. FC Köln mit, bevor Hollerbach eine Muskelverletzung fast eineinhalb Monate außer Gefecht setzte. Auf einmal galt Hollerbach schon als Fehleinkauf Die Zeit nach seinem Wiedereinstieg stand ebenfalls unter keinem glücklichen Stern. Bo Henriksen, der damalige Mainzer Trainer, setzte ihn als Mittelstürmer ein. Eine Position, die Hollerbach nicht liegt, weil er dort seine Fähigkeiten, mit Tempo über den Flügel zu kommen, nicht zur Geltung bringen kann. Als Wandspieler wurde er seiner Stärken beraubt, nur: Da Nelson Weiper als gelernter Mittelstürmer vergebens nach seiner Form suchte und der Verein es versäumt hatte, einen Nachfolger für den nach Frankfurt abgewanderten Jonathan Burkardt zu verpflichten, fehlten Henriksen die Alternativen. Und Hollerbach musste damit klarkommen, in der Öffentlichkeit als Fehleinkauf kritisiert zu werden. Mit der Verpflichtung von Trainer Urs Fischers und dem im Januar erfolgten Transfer von Phillip Tietz schienen sich die Dinge für den ehemaligen Angreifer des SV Wehen Wiesbaden zum Guten zu wenden. Hollerbach konnte die für ihn unbefriedigende Rolle abgeben, und als zweite Spitze neben Tietz erzielte er beim 2:2 in Berlin sein erstes Bundesligator für die 05er. Beim 3:1 gegen den VfL Wolfsburg folgte ein Assist. Eine Woche später riss seine rechte Achillessehne. Für Hollerbach war es daher ein Glücksmoment, als er zum Auftakt des Tiroler Trainingslagers gemeinsame Passübungen mit den gerade erst aus dem Urlaub gekommenen Nationalspielern Nadiem Amiri, Kaishu Sano und Jae-sung Lee machen durfte. Nach und nach kamen andere Übungsformen hinzu, auch in größeren Gruppen. Hollerbachs Ziel, im ersten Pflichtspiel einsatzfähig zu sein und zumindest auf der Bank zu sitzen, empfindet sein Trainer als „ein bisschen euphorisch. Ich will Holle das Positive nicht nehmen, aber es gilt, vernünftig zu sein“, sagt Fischer: „Wenn es so sein sollte, dass er im Pokal oder zum Bundesligaauftakt dabei sein könnte, wäre es umso schöner, aber das ist ein sehr sportliches Ziel.“ Konkreter möchte der Schweizer sich über die Zeit bis zu einem möglichen Comeback nicht äußern. In einem anderen Fall – es handelte sich um Robin Zentner – habe er in der vorigen Rückrunde mit einer entsprechenden Einschätzung ziemlich danebengelegen. „Deshalb werde ich keine Prognose mehr abgeben“, sagt er. Wieder bei voller Fitness zu sein, garantiert zudem noch keinen Stammplatz. In Tietz, Sheraldo Becker und dem vom HSV geholten Ransford Königsdörffer verfügen die Mainzer derzeit über drei Stürmer für die beiden Positionen, die in der Vorbereitung in allen Kombinationen harmonierten. Aber einen Mann in der Hinterhand zu haben, der darauf brennt, an seine letzte Berliner Saison anzuknüpfen, in der ihm neun Tore und drei Torvorlagen gelangen, ist für Fischer eine einigermaßen komfortable Situation.
