Lässt China nun die Luft aus der KI-Blase? Zumindest erfuhren Anleger am Dienstag an der Börse, was passiert, wenn die Konkurrenz schneller als gedacht zu den Branchenführern aufschließt und der Kursaufschlag für einen technischen Vorsprung nicht mehr realistisch erscheint. Chinas wachsende Fähigkeiten in der Chipindustrie haben am Dienstag zu einem globalen Ausverkauf von Halbleiter- und KI-Aktien geführt. Aktien von Samsung Electronics notierten zum Börsenschluss in Südkorea mehr als 13 Prozent tiefer. Papiere von SK Hynix verloren mehr als 14 Prozent. In Taiwan büßten Aktien von UMC und Mediatek um rund zehn Prozent ein und stießen immer wieder an das zulässige Tageslimit für Verluste. Das Schwergewicht TSMC verlor fast drei Prozent. Der koreanische Aktienindex Kospi büßte zeitweise so stark ein, dass der Handel pausiert wurde. Am Ende des Handelstages schloss der Kospi fast elf Prozent tiefer. Der Index der taiwanischen Börse und der Nikkei 225 in Tokio verloren jeweils etwa vier Prozent. Die Aktie des US-Chipdesigners Nvidia hatte am Montag in den USA knapp fünf Prozent an Wert verloren. Vor Handelsstart in New York verbuchten die Nvidia-Aktien noch einmal einen Verlust von mehr als einem Prozent. Der niederländische Chipmaschinen-Produzent ASML büßte am Montag knapp neun Prozent ein und verlor am Dienstag nochmals fast zwei Prozent. Warum geht nun die Angst an den Märkten um? Am Montag hatten mehrere Meldungen aus China die Runde gemacht, die das Image der führenden KI-Unternehmen und Chiphersteller ankratzten – und zu schlagartigen Neubewertungen der Gewinnchancen und Risiken führten. Zunächst hatte der chinesische Chiphersteller CXMT in Shanghai Asiens größten Börsengang des Jahres hingelegt und war aus dem Stand zum wertvollsten Konzern auf dem chinesischen Festland aufgestiegen. Der Kurs versechsfachte sich am Montag zeitweise, die Marktkapitalisierung schoss auf mehr als 400 Milliarden Euro. CXMT ist auf Arbeitsspeicherchips spezialisiert, bei denen es aufgrund des KI-Booms einen Engpass gibt, der die Preise steigen lässt. Die Kurse anderer Chipproduzenten hatten von diesem Engpass stark profitiert. Analyst Jochen Stanzl von der Consorsbank schrieb zum nun dahinschmelzenden Vorsprung am Dienstag: „Der erfolgreiche Börsengang von CXMT zeigt, dass die Konkurrenz nicht schläft.“ Und nicht nur in der Hardware schließen die Chinesen auf. Stanzl schlägt die Brücke zur Software: „Die Performance des Moonshot-LLMs Kimi K3 ist vergleichbar mit den Spitzenmodellen von Open AI und Anthropic – kostet aber deutlich weniger.“ Das quelloffene Sprachmodell des chinesischen KI-Unternehmens Moonshot AI wurde Mitte Juli veröffentlicht und schürt Fantasien, dass die amerikanischen KI-Unternehmen zunehmend Konkurrenz bekommen. „Die Chinesen zeigen, dass es günstiger und offener geht, und das legt den Finger in die Wunde“, schreibt Stanzl. Nicht zuletzt werden die Zweifel an den Bilanzen und den Gewinn-und-Verlust-Rechnungen der bisher führenden KI-Unternehmen immer lauter. Am Montag berichteten Medien, dass Nvidia dem US-KI-Entwickler Open AI eine Bürgschaft in Höhe von 250 Milliarden Dollar geben könnte, die dem Bau eines riesigen Datenzentrums in Ohio dienen soll. Chefanlagenstratege Stephan Kemper von der BNP Paribas sagte zu den Geschäften von Nvidia mit Open AI: „Die Finanzierung von Kundenkäufen durch den eigenen Lieferanten in einer Größenordnung von Hunderten Milliarden US-Dollar zieht unweigerlich den Vergleich mit einem Schneeballsystem nach sich.“ Die so entstehenden Bilanzrisiken würden den rasanten Anstieg von Kreditausfallversicherungen bei Nvidia erklären. Gleichzeitig berichtete das US-Branchenmedium „The Information“, dass China begonnen habe, eine Maschine für die Produktion von Halbleitern herzustellen, die die DUV-Technologie verwende. DUV steht für „Deep Ultraviolet“. Diese tiefultravioletten Strahlen drucken Halbleiterbahnen auf Siliziumscheiben. Bisher dominiert ASML aus den Niederlanden diese Technologie, dessen Kurs am Montag entsprechend stark reagierte. Aber auch japanische Chipequipment-Produzenten wie Nikon und Tokyo Electron verloren mehr als acht Prozent. Der deutsche Leitindex Dax war vom KI-Börsengeschehen weitestgehend unberührt. Das Börsenbarometer kletterte am Vormittag um rund 0,4 Prozent auf 25.470 Punkte. Zwei Gründe dürften dafür ausschlaggebend sein: Zum einen fiel der Ölpreis am Dienstag weiter wegen der anhaltenden Feuerpause zwischen den USA und dem Iran. Zum anderen spielt dem Dax seine Zusammensetzung in kurioser Weise in die Hände. Üblicherweise wird es Deutschland zum Nachteil ausgelegt, dass die hiesigen Halbleiterhersteller nicht mit den asiatischen Branchenvertretern konkurrieren. Dass der einzige Chiphersteller im Dax, Infineon, sein Geld aber nicht mit Speicherchips für KI-Rechenzentren verdient, dürfte aber dazu geführt haben, dass der Aktienkurs des Unternehmens am Dienstagvormittag „nur“ 1,9 Prozent sank. Abschläge gab es dafür aber im M-Dax, in den im Juni gleich mehrere Chiphersteller aufgenommen worden waren.
