Frau Richter, Sie sind am Sonntag beim Berlin-Marathon mitgelaufen. Wie geht es Ihren Beinen heute, am Tag danach? Es geht, sage ich mal. Es geht. (Lacht) Ich brauche noch bis morgen, damit sich alles wieder normalisiert. Es war schon anstrengend gestern. Aber nicht wegen des Marathons, sondern weil ich zu faul war dafür. Ich habe nicht genug trainiert. Wie bereiten Sie sich denn auf so einen Lauf vor? Eigentlich gar nicht. Aber ich nehme noch an anderen Läufen teil, sogenannten virtuellen Läufen, bei denen man die Laufstrecke selbst bestimmt. Die sind in der Regel kürzer, fünf, zehn und 21 Kilometer. Mein Sportarzt hat mir gesagt: Wer in der Woche zehn Kilometer läuft, der schafft auch einen Marathon. Und zehn Kilometer in der Woche bin ich gelaufen. Sie sind nach 7:40:36 Stunden ins Ziel gekommen. Wie ist es Ihnen während des Laufs ergangen? Die fünf Kilometer waren in Ordnung, die zehn Kilometer gingen auch noch. Aber bei 30 Kilometern hatte ich die Nase voll und wollte aufhören. Ich habe einen Passanten gefragt, wo die nächste S-Bahn-Station ist. Aber Sie haben nicht aufgegeben? Auf einmal kam ein jüngerer Mann zu mir, der sagte: Was höre ich da? Sie wollen aufhören? Das gibt es nicht. Wir laufen den Marathon jetzt zusammen. Er hat mich immer wieder gepusht. Drei Kilometer vor dem Ziel hat er mir das Versprechen abgenommen, dass ich dort ankomme, und ist schon mal losgelaufen. Dann habe ich die letzten drei Kilometer auch noch gepackt, und er hat im Ziel auf mich gewartet. Vielen Dank an Carsten! Carsten hat einen großen Anteil daran, dass ich meine Medaille gekriegt habe. Warum haben Sie mit dem Laufen angefangen? Ich habe zwei schwere Krebserkrankungen überstanden. Um mich von der letzten zu erholen, brauchte ich fünf Jahre. Da habe ich gedacht: Du musst etwas für deinen Körper tun. Deshalb habe ich mich beim Sport-Club Charlottenburg angemeldet und erst mal nur bei den Laufveranstaltungen die Kleider angenommen und ausgegeben. Immer wieder kamen die jungen Menschen vom Lauf zurück und haben davon geschwärmt, wie toll es war. Eines Tages habe ich mich dann entschieden, das auch auszuprobieren. Damals war ich 72, das ist jetzt 16 Jahre her. Also haben Sie sich nicht erst langsam herangetastet, sondern sich gleich angemeldet? Genau, ich bin direkt an die Strecke gegangen. Manchen Lauf habe ich geschafft, manchen nicht. Aber ich bin ein Mensch, der sich nicht so schnell unterkriegen lässt. Welchen Tipp haben Sie für späte Laufeinsteiger? Nicht gleich mit dem Marathon beginnen. Fünf Kilometer reichen auch. Man hat, wenn man die bewältigt hat, so ein Glücksgefühl in sich. Bei mir ist das Gefühl allerdings nicht mehr so toll wie bei einem Marathon. Nach dem Lauf am Sonntag bin ich nach Hause gekommen und habe gesungen und getanzt. Und wie gesagt, man schafft nicht jeden Marathon. Dann ist man traurig, aber es gibt ja einen nächsten. Nach dem Marathon ist vor dem Marathon. Also wollen Sie wieder antreten? Beim Berlin-Marathon habe ich zum Carsten gesagt, dass das mein letzter Marathon sein wird. Als er mich im Ziel erwartete, musste ich ihm dann versprechen, dass ich auch den nächsten Berlin-Marathon laufen werde. Gut, habe ich gesagt, versprochen. Im Oktober laufe ich aber erst mal drei Halbmarathons. Das sind nur 21 Kilometer, die sind mir natürlich auch sehr lieb. Aber auch die strengen an. Wie hat das Laufen Ihr Leben verändert? Das Laufen gibt mir Freude, Glück und das Gefühl, lebendig zu sein. Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, dass ich nichts für mich tue. Und ich weiß, dass man einiges durch eisernen Willen schaffen kann. Das ist mir am Sonntag wieder bewusst geworden. Hätte ich den Carsten nicht getroffen – ich hätte den Lauf abgebrochen, so mies ging es mir. Man braucht jemanden, der einen pusht. Deshalb ist es gut, wenn sich Freunde zum Laufen zusammenfinden und daraus eine gemeinsame Sache machen.
