FAZ 04.10.2026
14:22 Uhr

Neuer Präsident Reindl: Mal kurz die Eishockeywelt retten


Der Eishockey-Weltverband ist tief gespalten. Nach der Wahl zum Präsidenten muss Franz Reindl nicht nur intern Brücken bauen, sondern zugleich den russischen Verband integrieren und Einnahmen sichern.

Neuer Präsident Reindl: Mal kurz die Eishockeywelt retten

Es war eine recht kurze Wahl auf Teneriffa. Gerade mal zwei Durchgänge brauchte es, um den neuen Präsidenten des Eishockey-Weltverbandes IIHF zu finden. Bereits um kurz nach neun Uhr am Freitagmorgen war ein Lächeln auf dem Gesicht von Franz Reindl zu sehen. Als zweiter Deutscher nach Günther Sabetzki (1975 bis 1994) bestieg der Einundsiebzigjährige aus Garmisch-Partenkirchen den IIHF-Thron – mit „Demut und Dankbarkeit“, wie er in seiner ersten Rede sagte. Und noch am Freitag wollte er gleich mit der Arbeit beginnen. Denn allein in seinen ersten 100 Tagen möchte er unter anderem die Verbandszentrale in Zürich restrukturieren, den Streit um einen neuen Ausrüstervertrag klären und mit der nordamerikanischen Eliteliga NHL den Vertrag für den World Cup of Hockey abschließen. Und dann will er auch noch eine Strategie für die Olympischen Winterspiele 2030 bis 2038 entwickeln. Ganz schön viel. Zuletzt nicht als Russlandfreund aufgetreten Und eines der größten Themen der Eishockeywelt spielt in Reindls 100-Tage-Programm noch gar keine Rolle: der Umgang mit Russland, das wegen des Angriffs auf die Ukraine seit 2022 suspendiert ist. Aber das soll sich nach Wunsch der Russen spätestens in der Saison 2027/28 ändern, und dafür bauen sie auf den neuen Präsidenten. „Wir hoffen auf eine fruchtbare Zusammenarbeit und darauf, dass Reindl und sein Team alle Eishockey-Nationen objektiv und unparteiisch behandeln“, sagte Wladislaw Tretjak, der frühere Weltklassetorhüter und heutige Präsident des russischen Eishockeyverbandes. Zwar ist Reindl zuletzt nicht als Russlandfreund aufgetreten, in den Sitzungen des IIHF-Rats (Council) stimmte er dem Vernehmen nach nie für ein Ende der Suspendierung. Aber im Vergleich zum Tschechen Petr Bříza, seinem Hauptkonkurrenten um den IIHF-Thron, trat er kleinlauter auf. Weswegen Reindl bei der Wahl nach F.A.Z.-Informationen auf die Stimmen vertrauen konnte, die die Russen kontrollieren. Ein starkes Votum sieht anders aus Alt-Präsident René Fasel, eigentlich Schweizer, aber bekennender Putin-Freund und mittlerweile russischer Staatsbürger, soll sie eingesammelt haben. Europäische Verbände konnte Reindl dagegen weniger überzeugen als Bříza, weshalb es ein enges Rennen war. Im zweiten Wahlgang setzte sich Reindl mit 60:57 Stimmen durch. Ein starkes Votum sieht anders aus – und allein das zeigt, wie gespalten die Eishockeywelt ist. Nicht nur wegen Russland, es knirscht auch zwischen Europäern und Nordamerikanern. Reindl weiß das natürlich, präsentierte sich im Wahlkampf als Brückenbauer. Schon als Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) von 2014 bis 2022 war es seine Stärke, zerstrittene Parteien wieder an einen Tisch zu holen. Aber seine Aufgabe bei der IIHF wird ungleich größer. Allein das Russland-Thema hat Sprengkraft. Wirtschaftlich würden alle von der Rückkehr profitieren, auch die NHL will die „Sbornaja“ wieder auf dem Eis sehen, damit sie im Februar 2028 beim World Cup dabei sein kann. Aber der Gegenwind aus Europa ist gewaltig. „Weltregierung des Eishockeys“ ohne Russland Insgesamt haben die Russen an Einfluss verloren. Einzelne Kandidaten kamen zwar auch mit ihrer Unterstützung ins Council, aber ihr eigener Kandidat Dmitry Kurbatov scheiterte. Erstmals seit Jahrzehnten ist Russland nicht in der „Weltregierung des Eishockeys“ vertreten. Auch die Schweiz und Kanada sind draußen. Stattdessen haben Länder Plätze ergattert, in denen kaum ernsthaft Eishockey gespielt wird: Südkorea, die Türkei, Bulgarien, Neuseeland. Laut Kennern der Branche findet sich im Council nun deutlich weniger Fachkompetenz. Für Reindl ein Problem, er muss große Themen mit erfahrenen Verhandlern von der NHL, dem Internationalen Olympischen Komitee oder der Vermarktungsagentur Infront angehen. Ein Aufstand der Kleinen war der Kongress aber nicht. Vielmehr brachten sich mehrere Nationen selbst um einen Platz im Council. Die Schweizer stellten den international kaum vernetzten Peter Zahner auf. Kanada trat mit Katherine Henderson an, die einen schwachen Auftritt hingelegt haben soll. Hinzu kommt der generelle Groll vieler in der IIHF auf das Mutterland der Sportart. Geld ist ein bestimmendes Thema Dessen Verband hat den neuen Ausrüstervertrag mit der Firma True Hockey torpediert, weil Kanadas Team selbst weiter Trikots der Firma Bauer verkaufen will. Zwar scheiterten die Kanadier kürzlich vor einem Schweizer Gericht, aber sie wollen in Berufung gehen. Sollte der Deal wirklich platzen, würden der IIHF nach F.A.Z.-Informationen rund sieben Millionen Euro verloren gehen. Geld ist ohnehin ein bestimmendes Thema. Der aktuelle Vermarktungsvertrag der IIHF mit Infront läuft nur noch bis zum Jahr 2033. Und durch die Rückkehr der NHL-Spieler zu den Olympischen Spielen und die Neuauflage des von der NHL organisierten World Cups ist es derzeit kaum vorstellbar, dass es danach noch eine jährliche Eishockey-WM gibt. Die ist für die IIHF bislang aber notwendig, um ihren Betrieb zu finanzieren. Reindl kann sich auch einen Zwei- oder Vierjahresrhythmus vorstellen, aber dann müssen einzelne Turniere ab 2034 mehr abwerfen. Das geht nur, wenn möglichst viele NHL-Stars kommen, damit die WM nicht endgültig zum zweitklassigen Event wird. Die WM-Einnahmen retten – das wird neben dem Russland-Thema Reindls Hauptaufgabe sein. Aber als bald 72-Jähriger hat er nur eine Amtszeit dafür, 2030 ist die wieder beendet. Reindl muss jetzt schnell sein. Am Freitag hat er mit der Arbeit begonnen.