Auch wenn sie weiter von sich sagt, eine Regensburgerin zu sein, was sie qua Geburt ist: Eine Frankfurterin ist Eva Demski die längste Zeit ihres Lebens. „Frankfurt ist eine Hängenbleibestadt“, sagt sie. Auch sie ist so hängen geblieben. Vieles kann sie an Frankfurt nicht leiden – aber vieles eben doch. Deshalb trägt ihr neues Buch, das fast genau zu ihrem 82. Geburtstag erscheint, auch den Untertitel „Fast eine Liebeserklärung“. In ihrer unnachahmlichen Lakonie stellt Demski fest: „Ich kann nicht Auto fahren und auch nicht fotografieren. Aber ich sehe Dinge, die die Leute nicht sehen.“ Dann halten sie an, sie und ihre Freundin und Nachbarin Ute Dietz, die schon für Demskis „Mein anarchistisches Album“ auf den Auslöser gedrückt hat. Sie schauen, manchmal sprechen sie über das, was sie sehen, dann geht es weiter – beinahe jeden Tag. Demski, mittlerweile mehr Spazierfahrerin als Spaziergängerin, sucht manche ihrer Sujets immer wieder auf. Den Garten an der Justizvollzugsanstalt in Preungesheim zum Beispiel, mit seiner merkwürdigen Dekoration. „Der Knastgarten ist eine Sehenswürdigkeit, das hat etwas Herzergreifendes. Denn man kennt ja die Geschichte nicht, weiß nicht, wer ihn angelegt hat, was das Skelettchen dort bedeutet“, sagt Demski. Auf die Gedenksteine für die im Nationalsozialismus in dem damaligen Gefängnis ermordeten Widerstandskämpfer ist sie erst später gestoßen: „Die Gedenkstätte ist so angelegt, als solle sie nicht gesehen werden“, schreibt sie. Orte wie im tiefsten Niederbayern „Frankfurt auf den zweiten Blick“ heißen die Früchte von Monaten des Herumstromerns weit jenseits der Orte, die vor Menschen, Einheimischen, Hängengebliebenen und Touristen nur so wimmeln. „Die Zeil interessiert mich nicht“, sagt Demski, „was mich an Frankfurt fasziniert, sind die Dörfer, die so ungeheuer dörflich geblieben sind“ – obwohl sie längst in der Stadt liegen. Ginnheim, Heddernheim und vor allem Bonames mag Demski, „da denkt man, man ist im tiefsten Niederbayern“. Und so widmet sie dem „St. Bubu“, einer quietschbunten Figur vor einem Bonameser Jugendtreff, dem Klatschmohn vor einem Bauernhof, dem verlassenen Briefkasten eines heruntergekommenen Häuschens ihre Beobachtungs- und Beschreibungskunst. Das ist, wie ihr vorheriger Band „Plunderkammer“, durchaus als Anregung zu verstehen. Zum genauen Hinsehen auf das Marginale und zum Ausdenken einer Geschichte. „Das Kleine gibt es für den, der hingucken will, überall. Außer“, setzt sie spitz hinzu, „vielleicht im Europaviertel.“ Dem Neubaugebiet, in dem jetzt die F.A.Z. ansässig ist. Der Abriss des einstigen Redaktionsgebäudes an der Mainzer Landstraße war im Januar 2024 das erste Foto, das auf einem der Spaziergänge von Dietz und Demski entstanden ist. Dem Text dazu, „Nichts ist ewig“, folgten viele weitere Ausflüge, Bilder, Texte. Um etliche wieder erleichtert, sind nun 30 Miniaturen versammelt, mit einem Nachwort des Demski-Freundes und Leiters des Literaturarchivs der Goethe-Universität, Wolfgang Schopf. Feiner Witz und leiser Spott „Früher habe ich mich mehr oder minder in der ganzen Welt herumgetrieben, dieses Erkunden des Mikrokosmos, die Welt im Kleinen, macht mir heute großen Spaß“, sagt Demski. Spaß macht das zart melancholisch Verfallende ebenso wie ein überdekoriertes Reihenhaus. Ihre Konzentration auf das Kleine, Marginale könne in Zeiten wie diesen auch „für das glatte Biedermeier gehalten werden“, sagt sie – aber es sei „eine Einladung zur Freundlichkeit“. Was nicht heißen soll, dass Demski, deren Stil schon immer ein feiner Witz ausgezeichnet hat, mit leisem Spott, mit Kritik und Ironie hinterm Berg hielte. „Man kann da viele kleine Spitzen unterbringen, das macht mir Spaß“, gibt sie zu. Und auch das Biedermeier, der Rückzug ins Kleine und in die Innerlichkeit, sei ja ein Versuch gewesen, sich zu den großen Zeitläuften zu verhalten. Wer genau hinsieht, findet in den verlassenen Rotweinflaschen, den verlorenen Plüschtieren, die an Straßenecken und Zäunen auf Besitzer warten, alte oder ganz neue, reichlich Anregung, über den Zustand der Welt nachzudenken. Über die „Frankfurter Amnesie“, jenes Phänomen, dass die Leute schon kurz nach dem Abriss eines Gebäudes kaum mehr wissen, was da stand. Daran erinnert der mit Anspielungen gespickte Text „Was bleibt“ zu einem Foto vom einstigen Briefkasten der Suhrkamp-Villa im Holzhausenviertel. Und vielleicht errichtet ja jemand einmal ein Tierheim für die einsamen Plüschtiere, wie Demski in einem Text anregt. So wie sie seit Jahren die Nachbarschaftskatzen bei sich empfängt, eigene hat sie nicht mehr. Auch während des Gesprächs kommt ein Besuchskater vorbei, schwarz und weiß, und besteht laut maunzend, mit reichlich Show, auf Fütterung. Und Demski antwortet, von Lebewesen zu Lebewesen, eine Haltung, die auch ihre Streifzüge auszeichnet, in denen Perspektiv- und Rollenwechsel möglich sind. An dermaßen komprimierten Texten arbeite man sehr lange, sagt Demski, aber sie habe „keine Schlampereien oder überflüssige Girlanden“ mehr gefunden, als sie fertig war. Und im Gegensatz zu manchem gleichaltrigen oder älteren männlichen Kollegen hat sie „keine Relevanzangst“. Noch einmal einen „Chimborazo“, einen dickleibigen Spätwerks-Roman, zu erklimmen, hält sie für unnötig. „Ich bin nicht der Meinung, dass die Welt darauf wartet.“ Aber sie freut sich, wenn ein neues Buch da ist, wie jetzt. Leerer ist ihr Schreibtisch mit Blick auf den in allen Grüntönen flirrenden geliebten Garten, auch er schon Gegenstand zahlreicher Texte, aber nicht. Bei einem der Streifzüge hat sie in einem der städtischen Bücherschränke einen Schatz gefunden, der sie an ein Herzensprojekt erinnert hat. Eine Gedichtsammlung von Ernst Herbeck, der jahrzehntelang Patient in der österreichischen Nervenklinik Gugging gewesen ist. Schon lange hegt sie den Wunsch, eine Anthologie von Texten psychisch Kranker zusammenzustellen. Vielleicht ist auch diese Kleinigkeit im Strom der großen Stadt, der Fund im Bücherschrank, ein Anlass zum Weiterdenken, Weiterschreiben.
