FAZ 09.08.2026
11:49 Uhr

Nicht nur „Kakerlaken“: Warum Asiens Jugend so viel optimistischer und selbstbewusster ist


Im fernen Süden Asiens rebelliert die Jugend. Die Gen Z hat sich entschlossen zu kämpfen. Das ist auch für uns relevant.

Nicht nur „Kakerlaken“: Warum Asiens Jugend so viel optimistischer und selbstbewusster ist

Die Jugend des Westens scheint zunehmend verzagt, in Südasien kämpft sie um ihre Zukunft. Aber warum geht uns das überhaupt etwas an? Die Region scheint weit weg von Deutschland. Dafür leben in Südasien mehr als zwei Milliarden Menschen. Die große Mehrheit ist jung. Das Medianalter, an dem sich die Bevölkerung in einen gleich großen älteren und jüngeren Teil aufteilen lässt, liegt bei knapp 28 Jahren. Die Länder sind wirtschaftlich und gesellschaftlich dynamisch. Doch Arbeitslosigkeit, Korruption und Dominanz alter Eliten bringen die Jungen auf die Barrikaden. Zunächst hat die Generation Z, der meist die 1997 bis 2012 Geborenen zugeordnet werden, in Sri Lanka, Bangladesch und Nepal rebelliert. Etwas später hat nun auch Indien seine Jugendbewegung. Der Aufstand der „Kakerlaken“, wie sich die jungen Demonstranten auf eine unglückliche Bemerkung eines Richters hin selbst getauft haben, hat zwar nicht die Führung des weltweit bevölkerungsreichsten Landes gestürzt. Unter dem Druck der Straße reichte aber der Bildungsminister seinen Rücktritt ein. Die Regierung stößt Reformen an. Nicht nur in Indien Südasiens Gen Z muss wie ihre westlichen Altersgenossen große Herausforderungen bewältigen. Doch während Europas Klimaproteste verebben, sich Frust, Resignation und Lethargie breitzumachen scheinen, kämpft Südasiens Jugend gegen Perspektivlosigkeit, starre Systeme und die Herrschaft der Alten an. Dabei waren die direkten Auslöser je nach Land unterschiedlich: In Sri Lanka war es eine Wirtschaftskrise, in Bangladesch eine neue Quote für Regierungsjobs und in Nepal eine vorübergehende Blockade sozialer Medien. In Indien ging es um Betrug im Prüfungssystem für den öffentlichen Dienst. Südasiens Junge lehnen sich mit klassischen Straßenprotesten, aber auch mit dem für sie typischen Humor im digitalen Raum dagegen auf. Sie trauern nicht um das, was ihnen verloren geht, sondern kämpfen für das, was ihnen versprochen wurde. Der Grund für diesen Unterschied im Umgang mit Unwägbarkeiten dürfte im jeweiligen Erfahrungshorizont liegen. Die Jugend des Westens ist mit dem Gefühl der Krise aufgewachsen. Für sie scheint es nur noch bergab zu gehen. Dagegen haben die südasiatischen Jugendlichen erlebt, wie sich die Umstände für sie verbessert haben. Sie sind erstmals mit dem Gefühl groß geworden, dass sozialer Aufstieg möglich ist. Bildung und Arbeitswilligkeit Als Schlüssel dafür gelten in Südasien Bildung und harte Arbeit. Während in Westeuropa selbst Grundkenntnisse in Lesen, Rechnen und Schreiben nicht mehr selbstverständlich erscheinen, hat sich das Bildungsniveau im Süden Asiens deutlich verbessert. Die Zahl der Analphabeten hat drastisch abgenommen. Die Zahl der Kinder, die keine Grundschulbildung erhalten, hat sich halbiert. Im Jahr 2001 lag die Zahl der Studenten allein in Indien bei 8,8 Millionen, 2024 bei rund 45 Millionen. Da viele Abschlüsse in Naturwissenschaften, Technik und Mathe machen, sind sie für das an Fachkräftemangel leidende Deutschland interessant. Anders als vor ein paar Jahren gilt aber auch in Südasien heute ein höherer Bildungsgrad nicht mehr als Jobgarantie. Es konkurrieren Millionen junge Menschen um wenige Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst. Immer häufiger erweisen sich die Jahre des Lernens als vergebens. Die Familien haben sich in Kosten gestürzt, ohne dass es sich auszahlt. Auch in Südasien haben Pandemie, Kriege und Wirtschaftskrisen ihre Spuren hinterlassen. Und die Ungleichheit nimmt zu: Während sich viele aus der Armut befreien konnten, werden die Reichen noch reicher. Dazwischen blutet die Mittelschicht. Nie war eine Generation so gut gebildet – und vernetzt Das höhere Bildungsniveau hat aber auch zunehmend mündige Bürger geschaffen. Nie war eine Generation so gebildet und so vernetzt wie diese. In den betroffenen Ländern wuchs bei den Jungen zuletzt auch das Gefühl, dass die Räume für offene Kritik, freie Rede und moderne Ideen kleiner geworden waren. Sie reagierte darauf nicht mit Resignation. Ihr Aufstand muss nicht zwangsläufig in Revolutionen enden. Indiens Gen-Z-Bewegung distanzierte sich von ihren Altersgenossen in Sri Lanka, Bangladesch und Nepal, die ihre Regierungen mit Gewalt zum Rücktritt zwangen. Sie hielt am friedlichen Protest fest. Durch ihren Erfolg hat Südasiens Gen Z ein Gefühl der Macht entwickelt. Das wird sich in Zukunft auf verschiedene Weise und in den jeweiligen Ländern unterschiedlich äußern. Die neuen Regierungen in Nepal, Bangladesch und Sri Lanka müssen erst noch zeigen, wie sie längerfristigen Wandel schaffen und so weitere Aufstände verhindern. Auch in Indien könnten die Jungen wieder auf die Straße gehen, wenn sich die Regierung nicht empfänglich für ihre Sorgen zeigt. Sie werden sich aber auch auf andere Weise einbringen. Bei der Parlamentswahl 2029 in Indien wird die Gen Z zum ersten Mal die größte Wählergruppe stellen. Da die Region auch für Deutschland als Partner von Interesse ist, sollten wir genau hinschauen.