In Russland hat das mit dem Krieg gegen die Ukraine begründete Umverteilungskarussell ein neues deutsches Opfer und einen unerwarteten, weil allem Anschein nach ebenfalls deutschen Nutznießer: Die Vermögenswerte der Metro-Handelskette unterstehen seit Montagabend einem Unternehmen namens „UK Torg RUS“. Es gehört laut russischen Medienberichten Johannes Tholey, einem, soweit bekannt, deutschen Staatsbürger, der seit 2023 Metros Russland-Ableger als Geschäftsführer leitet. Oder: geleitet hat. Denn die in Düsseldorf ansässige Metro AG teilte noch am Montagabend mit, dass sie „keine operative Kontrolle mehr“ über Metro Russland habe, obwohl das Eigentum formal im Konzern verbleibe. Man habe seit dem Überfall auf die Ukraine von 2022 „verschiedene Maßnahmen ergriffen“, um die Verbindungen zu verringern. „Weitere Auswirkungen des Dekrets auf die Metro AG werden derzeit analysiert“, hieß es weiter. Den russischen Berichten zufolge ist Tholey der einzige Eigentümer und Geschäftsführer der Aktiengesellschaft „UK Torg RUS“, die demnach erst am 8. September gegründet worden ist und ein Stammkapital von nur 10.000 Rubel (rund 100 Euro) aufweist. Der „einstweiligen Leitung“ dieser AG unterstellte Herrscher Wladimir Putin die Metro-Vermögenswerte in Russland per Präsidentenerlass. Treue schützt nicht Ein solcher Schritt leitet typischerweise eine faktische Enteignung zugunsten machtnaher Personen ein. Mitte September hatte Putin das Russland-Geschäft unter anderem des Schweizer Nestlé-Konzerns sowie der französischen Handelsketten Auchan und Leroy Merlin einer unbekannten Aktiengesellschaft übertragen, deren Geschäftsführer kurz zuvor ein Generalmajor des russischen Innenministeriums geworden war. Dabei wurde klar, dass weder die von Nestlé und Auchan gezeigte Treue zu Russland noch die von Leroy Merlin vollzogene Umbenennung und Übertragung an eine Struktur in den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem Russland freundschaftlich verbundenen Land, vor dem Entzug schützten. Dabei zielt Putins Mechanismus offiziell gegen „unfreundliche“ Länder, solche also, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben. Auch Metro war trotz des Angriffskriegs im Land geblieben. Der Großhändler begründete das stets mit der „Verantwortung für fast 10.000 Mitarbeiter vor Ort“ sowie für die Versorgung der russischen Bevölkerung. Dafür war der Konzern von ukrainischen Mitarbeitern kritisiert worden. Auch Aktionäre hatten das häufig angeprangert. Mit der Übernahme durch den tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky und dem Abschied von der Börse im Jahr 2025 ebbte der Gegenwind aber deutlich ab. Im vergangenen Dezember hatte der Russland-Geschäftsführer Tholey dem russischen Ableger der Zeitschrift „Forbes“ gesagt, trotz des Drucks arbeite man weiter in Russland. „Die Deutschen“, so Tholey damals, „haben null Wünsche, uns loszuwerden.“ Russland war für die Metro immer hochprofitabel: Mit einem operativen Ergebnis von zuletzt 71 Millionen Euro im ersten Halbjahr steuerte das Land fast 15 Prozent zum gesamten Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) bei. Zum Vergleich: In Deutschland lag das Ebitda nur bei 18 Millionen Euro. Mit 91 Märkten vor Ort ist der Fußabdruck des Düsseldorfer Großhändlers in Russland nur unwesentlich kleiner als im Heimatmarkt Deutschland. Was treibt den Geschäftsführer? Allerdings ist das Immobilieneigentum bilanziell schon zu einem großen Teil abgeschrieben: Im Halbjahresbericht ist das Segmentvermögen in Russland mit 555 Millionen Euro abgetragen, zwei Jahre zuvor war es noch mehr als doppelt so viel. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2025/2026 hat Metro in Russland rund 1,4 Milliarden Euro umgesetzt, und damit fast 11 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, was fast ausschließlich auf positive Wechselkurseffekte zurückzuführen ist. Im letzten kompletten Geschäftsjahr zu Ende September 2025 stand Russland für 2,6 Milliarden Euro. Im Konzern erlöste Metro 32,4 Milliarden Euro. Johannes Tholey äußerte sich zunächst nicht zu seinen Beweggründen. Seine Karriere ist seit Langem mit Russland verbunden. Laut russischen Medienberichten begann sie aber in Deutschland im Jahr 1987 in der Verbraucher- und Elektrofachmarktkette Globus. Dieser Konzern wurde jahrzehntelang von Thomas Bruch geleitet, der im Juni als Gast auf Putins Internationalem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg an einem deutsch-russischen „Business-Dialog“ teilgenommen hatte. Für Globus kam Tholey dann vor mehr als 20 Jahren nach Russland und arbeitete bis 2016 im russischen Ableger des Konzerns. Dann gründete Tholey ein Beratungsunternehmen und versuchte sich an der Käseproduktion in Russland. Diese bot zwar Chancen durch ein Importverbot, das Putin 2014 als Reaktion auf im seinerzeit noch verdeckten Ukrainekrieg verhängte westliche Sanktionen erlassen hatte. Doch berichtete Tholey russischen Medien, er habe das Käseprojekt aufgrund von Qualitätsproblemen mit der Milch gestoppt. 2018 und 2019 arbeitete er für eine Lebensmittelkette, danach für den Russland-Ableger von Auchan, ehe er 2022 stellvertretender Geschäftsführer von Metro-Russland wurde, im Jahr darauf dann Geschäftsführer.
