FAZ 26.09.2026
16:04 Uhr

Proteste in Albanien: Wird die Flamingo-Revolution für Edi Rama gefährlich?


Seit Monaten demonstriert die Flamingo-Bewegung in Albanien gegen Ministerpräsident Edi Rama. Der kontert nun mit Lob – und dem Plan eines „fürsorglichen Staates“.

Proteste in Albanien: Wird die Flamingo-Revolution für Edi Rama gefährlich?

Seit mehr als hundert Tagen kommen sie jeden Abend. Gegen 19 Uhr versammeln sie sich im Herzen Tiranas und ziehen den Boulevard der Märtyrer entlang. Etwa auf halber Strecke befindet sich der Amtssitz des Ministerpräsidenten, dessen Rücktritt sie fordern. Dort wird es dann laut im Protestzug der Demonstranten. Manchmal kommt es vor dem Gebäude zu Rangeleien mit den Beamten der Einsatzpolizei und zu einigen Festnahmen. Meistens aber bleibt es friedlich. So geht es Abend um Abend. An Werktagen protestieren deutlich mehr Leute als am Wochenende. Da zieht es auch die hartnäckigsten Demonstranten mal ans Meer statt immer nur auf die Straßen von Tirana. Die werden dann vom jungen Partyvolk gefüllt. Das feiert mindestens so laut und ausdauernd, wie das Protestvolk demonstriert. Es sind parallele Welten, die sich nicht zu berühren scheinen. Zu einer Massenbewegung ist die selbst ernannte Flamingo-Revolution in Albanien bisher nicht geworden. Aber sie zeigt Durchhaltevermögen. Das tut auch Regierungschef Edi Rama. Der ist seit 2013 im Amt und entschlossen, bis zum Ende der Legislaturperiode 2029 zu bleiben. Welche Seite hat am Ende den längeren Atem? Begonnen haben die Proteste in der albanischen Hauptstadt Ende Mai. Ausgelöst wurden sie durch den rabiaten Einsatz von Angestellten eines privaten Sicherheitsunternehmens an einem Bauzaun. Der Zaun war am nördlichen Ende der Landzunge Zvërnec aufgestellt worden. Es sollten Vorarbeiten für ein Tourismusprojekt im Luxussektor beginnen. Was das alles mit den Flamingos zu tun hat Gegen das Projekt, das von der Investmentgesellschaft Affinity Partners von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner vorangetrieben wird, hatten an Ort und Stelle einige Hundert Demonstranten protestiert. Dabei war es zu Auseinandersetzungen an dem Zaun gekommen. Wachleute hatten Demonstranten über den Schotter gezerrt, um sie von dem Bauzaun zu entfernen. Die Handyaufnahmen von dem Zugriff, bei dem niemand ernsthaft zu Schaden kam, gingen viral. Aber wie konnte aus dem eher harmlosen Vorfall eine nationale Protestbewegung erwachsen, die dem Namen nach gar in eine Revolution münden soll? Das hat auch mit den Flamingos zu tun, die die Bewegung als sympathisches Wappentier für den angestrebten Umsturz gewählt hat. Umweltschützer befürchten, dass die Brutkolonien der Rosaflamingos und anderer Zugvögel durch den Tourismusboom in Südalbanien gefährdet werden könnten – namentlich durch die geplanten Luxusresorts der arabischen und qatarischen Investoren der Kushner-Gruppe. Das Habitat des Rosaflamingos ist nämlich die Lagune von Narta, ein Naturschutzgebiet nahe Zvërnec. Die Flamingo-Bewegung wirft der Regierung Korruption vor und fordert, die Naturschutzgebiete wieder zu vergrößern, Großinvestoren nicht länger zu bevorzugen, sowie demokratische Neuwahlen. Zunächst hatte Rama, der seit 2005 die Sozialistische Partei und seit 2013 die Regierung führt, die Proteste auszusitzen versucht. Den Demonstranten teilte er mit, sie könnten nicht eines schönen Tages daherkommen und den gewählten Ministerpräsidenten und dessen Regierung aus dem Amt jagen. „So läuft das nicht. Ihr müsst schon bis zu den nächsten Wahlen warten.“ Das Argument war schwer von der Hand zu weisen. Die Parlamentswahlen im Mai 2025 hatten Rama und seine Sozialisten mit mehr als 52 Prozent der Wählerstimmen gewonnen. Es war der vierte Wahlsieg der Sozialisten in Folge, wobei Rama und die Sozialisten ihren Stimmenanteil kontinuierlich hatten erhöhen können. Rama hat nun die Strategie gewechselt Doch mit dem stärksten Mandat des Wählers ausgestattet, sah sich Rama plötzlich der schwersten Bedrohung seiner Macht ausgesetzt. Knapp zwei Monate nach dem Beginn der Proteste änderte Rama seine Taktik. Statt den Demonstranten weiterhin sprachlich die Faust zu zeigen, klopft er ihnen nun auf die Schulter. Die Proteste seien ein Zeichen der Vitalität und Stabilität der albanischen Demokratie, sagt er jetzt. Und unterscheidet zwischen jenen, die ein legitimes Anliegen vorbrächten und gehört werden müssten, und denen, die sich von seinen Gegnern im In- und Ausland für deren eigene politische Zwecke einspannen lassen würden. In einer Brandrede vor der Parlamentsfraktion der Sozialisten stellte Rama Ende Juli die neue Regierungsstrategie vor. Er sprach von einer tiefen Krise des öffentlichen Vertrauens. Rama beklagte vor den wahlerfolgsverwöhnten Granden seiner Partei das „Paradoxon des Erfolgs“: Je weiter eine Gesellschaft entwickelt sei und je stärker sie prosperiere, desto weniger beurteile sie das, was erreicht worden sei und was funktioniere, und konzentriere sich stattdessen darauf, was noch fehle und was nicht funktioniere. Arme Gesellschaften seien toleranter gegenüber Mängeln, da sie von der Einstellung geprägt seien, dass „es auch schlechter sein könnte“. Diese Phase habe Albanien hinter sich gelassen und sei in eine neue eingetreten, in welcher die Haltung überwiege, dass „es auch besser sein könnte“. Deshalb brauche es nun einen „fürsorglichen Staat“, der die Erfahrungen der Bürger aufnehme und ernst nehme, die Qualität seiner Dienstleistungen und Investitionen verbessere und damit das Vertrauen der Bürger in den Staat stärke. Ramas Rede wurde von den Abgeordneten und Funktionären seiner Sozialistischen Partei ordnungsgemäß positiv aufgenommen. Vertreter der Flamingo-Bewegung wiesen sie als rhetorisches Ablenkungsmanöver zurück, um von den Kernproblemen Korruption, mangelnde Transparenz und Umweltzerstörung abzulenken. Oppositionsführer Sali Berisha von der konservativen Demokratischen Partei mutmaßte, Rama habe das 40 Seiten umfassende Dokument, das nichtssagend und dazu schlecht formuliert sei, mittels Künstlicher Intelligenz erstellen lassen. Rama selbst erweckt nicht den Eindruck, er sehe sich von der Flamingo-Revolution in die Defensive gedrängt. Er empfängt in seinem Büro im Amtssitz des Ministerpräsidenten. Seine weißen Turnschuhe liegen unter dem Tisch. Zur schwarzen Pluderhose und zum schwarzen Sweater trägt er schwarze Socken. Auf einem Kleiderständer hängen Basketballtrikots, die der einstige albanische Nationalspieler geschenkt bekommen hat. Schränke und Regale quellen von allerlei Kunstgegenständen über. Dass das Land an einem Wendepunkt, gar an einem Kipppunkt steht, glaubt Rama nicht. „Aber es ist ohne Zweifel eine Vertrauensprobe.“ Er versuche, das Glas zugleich als halb voll und als halb leer zu betrachten, sagt Rama. „Wenn jemand anderer das Glas als halb leer sieht, ist das in Ordnung. Er sieht weniger das, was wir erreicht haben, und will mehr. Während der, der das Glas als halb voll betrachtet, eben das erkennt, was wir erreicht haben.“ Grundsätzlich sei es ein positives Zeichen, wenn die Leute auf die Straße gingen – für Biodiversität, für den Umweltschutz und für andere Belange. „Für mich ist es eine Herausforderung. Aber das ist gut so. In meinem gesamten politischen Leben lief es nie wirklich gut, wenn ich nicht herausgefordert wurde. In der Regel bin ich besser, wenn ich herausgefordert werde. Werde ich auch diesmal besser sein? Ich hoffe es. Ich weiß es nicht. Die Zeit wird es zeigen. Die Zukunft wird es weisen.“ Von einem Ausverkauf Albaniens könne nicht die Rede sein, sagt der Regierungschef Was den unmittelbaren Anlass der Proteste an der albanischen Riviera betrifft, erinnert Rama daran, dass der erste Kontakt mit Jared Kushner und Ivanka Trump über eine mögliche Investition in Zvërnec und auf der Insel Sazan zu einem Zeitpunkt erfolgte, als Donald Trump noch nicht (wieder) Präsident gewesen sei. „Trumps Leben schwankte damals zwischen Gefängnis und Weißem Haus.“ Dass er sich als albanischer Regierungschef für ausländische Direktinvestitionen in seinem Land einsetze, namentlich im Schlüsselsektor Fremdenverkehr, mache ihn nicht zum Handlanger von Trump, bekräftigt Rama. Und die Aussicht auf den Zufluss von mehr als vier Milliarden Euro in die von Kushner und dessen Partnern geplanten Projekte könne er als Regierungschef im Interesse des Landes nicht einfach in den Wind schlagen. Von einem drohenden „Ausverkauf“ Albaniens könne jedoch nicht die Rede sein. Die Insel Sazan befinde sich weiter im Besitz des albanischen Staates und werde das auch bleiben. Eine Vereinbarung über die mögliche Entwicklung des einstigen militärischen Sperrgebiets durch private Investoren zu einem Luxusresort sei noch nicht geschlossen. Im Juni hatte es wegen der Proteste eine Delle in der Wachstumskurve im albanischen Tourismus gegeben. Die scheint nun überwunden. In diesem Jahr dürfte Albanien 14 bis 15 Millionen Besucher verzeichnen, nach rund 12,5 Millionen im Vorjahr. Der Tourismus ist der Wachstumsmotor der albanischen Volkswirtschaft und macht rund ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes aus.