Was verbindet 30.000 Jahre alte Tierfiguren aus Mammutelfenbein mit modernen Pokémon-Figuren aus Plastik? Und warum sind die Repliken der realen Figuren aus der Steinzeit in einer Vitrine mit den grellbunten Phantasiefiguren unserer Tage vereint? Diese Fragen werden sich vermutlich viele Besucher der aktuellen Jahresausstellung des Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseums in Hanau-Wilhelmsbad stellen. Beide Figurengruppen verkleinern ihre Vorbilder, sind handlich und transportabel, heißt es in der Erklärung. Doch sie sind mehr als das. In der Ausstellung „Die Tiere sind los“ kommt es darauf an, was zwischen den in mühsamer Kleinarbeit entstandenen Steinzeitfiguren und den aus der Massenproduktion einer Fabrik stammenden Trendspielzeugen liegt: die Entwicklung des Tierspielzeugs über viele Jahrhunderte. Das Thema Tiere in der Welt des Spielzeugs könnte wahrscheinlich ein Museum wie den Louvre füllen, denn Tiere gehören laut Kurator und Museumsleiter David Kühner zu den ältesten und häufigsten Motiven im Spielzeug überhaupt. Mit dem Motto „Die Tiere sind los!“ hat er sich für die Jahresausstellung die schwierige Aufgabe gestellt, die schier endlos erscheinenden Möglichkeiten der spielerischen Tierdarstellungen in den musealen Griff zu bekommen. Teddybären und Drachen finden sich nicht in der Ausstellung Nach langer Überlegung habe er sich dazu entschlossen, Schlaglichter zu kreieren und diese jeweils möglichst chronologisch zu präsentieren. So ist es ihm gelungen, in dem breiten Mittelgang im ersten Stock des Arkadenbaus einen interessanten, kurzweiligen und teils überraschenden Blick auf die Kulturgeschichte von Mensch und Tier im Kleinen zu geben. Schlaglichter sind unter anderem die Aspekte Zoo, Bauernhof, Zirkus und Arche Noah, aber auch Kuscheltiere und Blechspielzeug. Den Rahmen gesprengt hätten der Teddybär oder Phantasiewesen wie Einhorn oder Drache. Ihnen wird sich das Museum zu einem späteren Zeitpunkt in Ergänzung der Jahresausstellung widmen. Voraussetzung für die gezeigten Objekte ist, dass sie alle zum Spielen gedacht und dafür geeignet sind. Die Ausstellung folgt laut Kühner den Spuren früher Tierdarstellungen bis in die Gegenwart. Dabei werde deutlich, wie Erziehung, Forschung, Medien und Kommerz die Tierbilder prägten. Tierarten würden in den verschiedensten Formen dargestellt, mal stark vereinfacht, mal kaum noch erkennbar, manchmal aber auch recht naturgetreu. Das Tier als Spielzeug werde verkleinert, vereinfacht, verfremdet. Es bekomme menschliche Kleidung, Räder oder Eigenschaften. Das alles sage mehr über den Menschen aus denn über das Tier. Immer wieder tauche die Frage auf, wie viel Mensch in dem Tierspielzeug stecke und welche kulturellen, erzieherischen und kommerziellen Interessen eine Rolle spielten. Deshalb trägt die Ausstellung auch den Untertitel „Was Tierspielzeug über den Menschen erzählt“. Besonders deutlich wird das in der Ausstellung bei der Präsentation des Spielzeugpferdes. Gerade ihm hat der Mensch im Laufe der Zeit unendlich viele Gesichter und sich verändernde Funktionen zugeordnet als verfremdetes Spiegelbild der Realität. In der Steinzeit ist die Pferdefigur ein Abbild der Jagdbeute. In der Antike bekommt es oft Rollen und dient als Nachziehfigur. Schon im Mittelalter kommt das Steckenpferd auf, dessen Pferdegestalt auf den Kopf beschränkt ist. Das Kind kann Ritter oder König spielen, die auf einem stolzen Ross reiten. Auch bei dem dann aufkommenden Schaukelpferd geht es vor allem um Bewegung. Bis zur Industrialisierung tauchen das echte Pferd und sein Spielzeugpendant als Lasttier und nützlicher Helfer bei der Feldarbeit auf. Als Dampfmaschinen diese Funktionen übernehmen, wird das Pferd nicht nur in den Kinderzimmern zum Statussymbol, ein Begleiter in der Freizeit oder Reittier bei dem Militär, der Jagd, der Polizei und im Sport. „Märchen und Abenteuererzählungen verstärken dieses Bild, indem sie Mensch und Pferd eng miteinander verbinden. Cowboys, Ritter oder Prinzen sind ohne ihren namhaften Gefährten kaum denkbar“, so Kühner. Erstaunen wird den Betrachter, dass Pferdespielzeug lange Zeit vor allem für Jungen und junge Männer gedacht war. Noch um das Jahr 1900 seien zum Beispiel Plüschpferde für Knaben eine beliebte Alternative zur Puppe gewesen. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts habe sich kulturell und kommerziell die Vorstellung vom Pferd als Mädchenspielzeug verfestigt, erläutert Kühner. Mit dem Aufkommen des Barbie-Pferdes in den Siebzigerjahren war dieser Trend nicht mehr einzudämmen. Viele junge Mädchen träumten und träumen auch heute davon, ein eigenes Pferd zu haben. Das war und ist für die wenigsten erschwinglich, aber ein Barbie-Pferd kann man sich zum Geburtstag wünschen. Das hat eine lange Mähne, die man kämmen und frisieren kann. Das Pferd als Modemodell oder aktuelle Kultponys mit viel Glitzer und gut zu frisierenden Haaren trennt das Spielzeugpferd seitdem von seinen Funktionen in der Natur und als Nutztier endgültig ab. In der Kuschelvitrine finden sich viele Erzeugnisse der Firma Steiff. Hier kann der Variantenreichtum der Schmusetiere nur angedeutet werden. Die Exponate umfassen faustgroße Objekte wie Spinnen und Mäuse und reichen bis zu einem Stofftierwolf fast in Originalgröße für das Schaufenster. Besonders schöne und detailreiche Ensembles sind unter den Überschriften Zoo, Arche und Zirkus zu bewundern. Das Bauernhofspielzeug zeigt eine romantische Idylle, weit entfernt von der harten Wirklichkeit des Landlebens. Das Tierspielzeug ist hier den realen Vorbildern sehr nahe, was bei den zunehmend vermenschlichten Tiergestalten nicht mehr der Fall ist. Die Rede ist von Mickymaus, Donald Duck und ihren einschlägigen Kollegen. Sie können in etwa noch als Maus oder Gans erkannt werden, die menschliche Komponente sowie die menschlichen Schwächen und Eigenschaften überwiegen jedoch deutlich. „Die Teenage Mutant Ninja Turtles sind zwar irgendwie noch Schildkröten, allerdings sind sie auch Kampfsport-Meister mit Vorliebe für Pizza“, bringt es Kühner auf den Punkt. Diese Menschen in Tiergestalt lebten in ihren eigenen Welten, in denen Phantasie und Realität ebenso vermischt würden wie Psyche und Körper. Informationen über die Jahresausstellung „Die Tiere sind los! Was Tierspielzeug über den Menschen erzählt“ im Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseum in Hanau-Wilhelmsbad unter www.hpusm.de.
