Herr Herberhold, Sie haben ein Buch über queere Einsamkeit und queere Gemeinschaft geschrieben und sind dafür durch Deutschland gereist, um mehr über die Befindlichkeiten von queeren Menschen zu erfahren. Wie definieren Sie das Wort „queer“? Queer sind für mich alle Personen jenseits des heterosexuellen Mainstreams. Es gibt natürlich Transpersonen, die sich als heterosexuell definieren, also Transmänner, die sagen, ich begehre, ich liebe Frauen. Aber meine Idee war, mit Menschen zu sprechen, die jenseits der heterosexuellen Körper- und Identitätsnormen liegen, also Transpersonen, non-binäre Menschen, Schwule und Lesben. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie als schwuler Junge in der saarländischen Provinz aufgewachsen sind, wo Sie sich oft alleine gefühlt haben. Sind queere Menschen heute weniger einsam oder sind sie sogar einsamer als zu Ihrer Jugendzeit? Das kann ich letztlich gar nicht ganz beantworten. Es gibt eine Studie der letzten Bundesregierung, und laut diesem Einsamkeitsbarometer fühlen sich 16,1 Prozent der queeren Menschen einsam im Vergleich zu rund zehn Prozent im Rest der Bevölkerung. Damals, in den Neunzigerjahren, wurden solche Studien noch nicht gemacht. Dass es heute solche Zahlen gibt, zeigt ja, dass das Interesse an den Gefühlen und dem psychischen Wohlbefinden queerer Menschen zugenommen hat. Ein ermutigendes Zeichen. Ich war bei meiner Recherche aber erstaunt, dass zum Beispiel auch junge schwule Männer mir erzählt haben, dass sie Angst vor ihrem Coming-out hatten. Mein Buch ist keine wissenschaftliche Studie. Es erzählt die Lebensgeschichten von queeren Menschen aus allen Generationen. Und da kann man sagen: Insgesamt ist es einfacher geworden. Aber gleichzeitig erleben viele queere Menschen immer noch Ausgrenzung und Isolation. Gibt es, was queere Einsamkeit angeht, ein Stadt-Land- oder Ost-West-Gefälle? Ich habe ein Beispiel aus dem Osten, den Christopher Street Day (CSD) in Bautzen. Das sind sehr mutige, queere Menschen, aber es sind auch sehr wenige queere Menschen, die diesen CSD auf die Beine stellen – zusammen mit heterosexuellen Verbündeten, die sagen, der CSD ist für uns nicht primär eine queere Veranstaltung, sondern Ausdruck einer demokratischen, vielfältigen Gesellschaft. In Bautzen gibt es massiven Rechtsradikalismus und auch Rechtsextremismus. Ich habe mit vielen Menschen dort gesprochen, und sie alle bestätigten mir, dass Queersein in dieser Stadt eine Herausforderung ist. Ich sprach zum Beispiel mit Tom, einer non-binären Person, die mit lackierten Fingernägeln und Handtasche vor die Tür geht – und immer wieder Anfeindungen erlebt. Aber Tom macht es trotzdem. Grundsätzlich ist es in der Provinz noch immer schwieriger für queere Menschen. Es gibt dort weniger Infrastruktur, weniger Orte, wo man sich treffen kann. Es gibt einfach weniger andere Schwule, Lesben, Transpersonen, die einem auch ein Vorbild sein können, wie man sein Leben leben kann. Gibt es eine Hauptursache für queere Einsamkeit? Mich haben drei Themen beschäftigt: Einsamkeit im Alter, Einsamkeit beim Dating und Einsamkeit beim Coming-out. Das Coming-out, egal ob man trans, schwul oder non-binär ist, ist für viele immer noch das größte Einsamkeitserlebnis. Denn es ist immer noch mit Scham und Ängsten behaftet. Doch auch Dating kann einsam machen. Gerade wenn es wie heute üblich über die Apps wie Grindr oder Tinder erfolgt. Da geht es uns queeren Menschen erst einmal nicht anders als den Heteros. Das ist frustrierend, man wird geghostet, die Konversationen laufen immer gleich ab und so weiter. Was bei der schwulen Dating-App Grindr meiner Meinung nach häufiger passiert als bei Apps für Heteros: Dieses Abwerten von Menschen, dieses Menschen wie ein Produkt behandeln und sagen, dein Körper ist aber nicht perfekt, dich will ich nicht oder vor fünf Minuten habe ich noch gedacht, dein Körper ist perfekt, aber jetzt ist mir ein noch besseres Angebot untergekommen und jetzt blocke ich dich einfach, damit ich Ruhe habe und mich mit dem neuen Angebot beschäftigen kann. Ich glaube, das ist gerade für schwule Männer eine große Quelle von Einsamkeit. Ich habe mit dem schwulen Kölner Psychologen Florian Meinhold gesprochen, der mir sagte, da spielen unter Umständen auch Coming-out-Erfahrungen mit rein. Dass man sich als schwuler Junge lange fragt, wie kann ich mich überhaupt zeigen? Darf ich mich überhaupt zeigen? Und dieses sich verstecken und sich nicht ganz einlassen können, setzt sich dann teilweise fort beim Dating. Und wie ist es bei einer Frau? Auch das ist kompliziert und lässt sich nicht pauschal beantworten. Ich habe mit einer lesbischen Frau in meinem Alter über ihre Erfahrungen mit Dating-Apps gesprochen. Sie hat als Jugendliche Anfang der Nullerjahre damit angefangen, damals waren das ja noch unkommerzielle Chatrooms wie „Sie sucht sie“. Die hat sie als sehr offene, kommunikative Räume erlebt. Heute, auf Tinder zum Beispiel, erlebt sie viel Frust. Dating Fatigue ist das Stichwort – etwas, das ja auch Heteros zunehmend beklagen. Und die Einsamkeit im Alter? Ich glaube, Schwule und Lesben der älteren Generation haben sich früh damit abgefunden, dass sie nicht heiraten und keine Familie gründen können. Bei manchen hat das im Alter zur Einsamkeit geführt, andere haben sich ihre Netzwerke aufgebaut. Ich würde nicht sagen, dass die klassische heterosexuelle Kleinfamilie ein Garant dafür ist, dass man nicht einsam ist, die Scheidungsraten sind ja auch hoch, und Kinder können irgendwann sagen, ich finde dich blöd, und ich besuche dich nicht mehr. Aber die Chance, im Alter nicht einsam zu sein, ist dennoch größer, wenn man so eine Familie hat. Welche Rolle spielt das Faktum, dass es immer weniger queere Treffpunkte gibt, wie zum Beispiel Kneipen und Diskotheken, aber auch immer weniger Hilfsprogramme für queere Menschen, denen zusätzlich noch die Fördergelder gestrichen werden? Letzteres ist ein Riesenproblem. Mein Buch war abgeschlossen, bevor die großen Kürzungen und Streichungen der jetzigen Bundesregierung kamen. Alle queeren Menschen, die ich getroffen habe, haben gesagt, dass es ihnen total wichtig ist, sich an realen Orten zu treffen. Das Internet ist kein Ersatz dafür. Was sind die Folgen queerer Einsamkeit? Ich denke, da geht es queeren Menschen nicht viel anders als nicht-queeren: Wer chronisch einsam ist, hat ein erhöhtes Risiko für Krankheiten, wie zum Beispiel Depressionen oder Herzinfarkt. Und wenn man lange einsam ist, verlernt man irgendwann auch, wie das geht: mit anderen Menschen interagieren. Was ich aber bei meinen Interviews gemerkt habe, ist, dass es hilft, über die eigene Einsamkeit zu reden. Sich nicht dafür zu schämen. Da ist eine Verbundenheit zwischen mir und den Interviewpartnern entstanden, einfach dadurch, dass wir es ausgesprochen haben: Ich fühle mich einsam. Gerade unter Schwulen wird die Gemeinschaft, die Solidarität beschworen, die sich vor allem auch seit den Achtzigerjahren mit der Krankheit Aids entwickelt hat. Gibt es innerhalb der queeren Gemeinschaft Unterschiede, was die Einsamkeit angeht? Ich glaube, Einsamkeit fühlt sich für alle Menschen irgendwie ähnlich an. Am Anfang meines Buchs stehen ein paar Zitate von Menschen, die sagen, wie sich Einsamkeit für sie anfühlt. Ich wette, dass niemand sagen könnte, ach ja, das stammt von einer Transperson, das von einer lesbischen Frau, das von einem schwulen Mann. Das Gefühl ist dasselbe. Dennoch glaube ich, dass sich Transmenschen heute, im Jahr 2026, und erst recht in früheren Jahrzehnten, im Schnitt einsamer fühlen und gefühlt haben. Für einen schwulen Transmann ist es in der von schwulen Cis-Männern dominierten queeren Gemeinschaft nicht leicht, da fühlt man sich schnell in der eigenen Community einsam. Jens Spahn hat vor Kurzem gesagt: „Ich bin schwul, nicht queer.“ Der Begriff „queer“ wird nicht von allen akzeptiert. Was sind Ihre Erfahrungen? Ich habe zum Beispiel mit schwulen Männern in ihren späten Fünfzigern bis frühen Achtzigern in einem Wohnprojekt hier in Hamburg gesprochen, die sagen natürlich: „Wir sind schwul.“ Die sehen sich nicht als queer. Schwul, das ist ihre Identität, für die sie lange gekämpft haben. Junge, queere Menschen benutzen andere Begriffe. Ältere verstehen die vielleicht gar nicht und können sich so dann auch wieder ausgeschlossen fühlen. Gerade finden viele CSDs in Deutschland statt, helfen die gegen queere Einsamkeit? Einsamkeit ist ein komplexes Thema, und es gibt auch nicht immer einen schnellen Weg aus der Einsamkeit heraus. Mein Buch ist kein Ratgeber, und ich maße mir auch nicht an, den Leuten zu sagen, so und so musst du dich jetzt verhalten, und dann bist du nicht mehr einsam. Ich für mich sage mir immer, du musst rausgehen, du musst wirklich immer wieder versuchen, anderen Menschen zu begegnen, und du darfst nicht in deiner Einsamkeit versinken. Ich habe mich am vergangenen Wochenende auf dem Hamburger CSD sehr geborgen gefühlt. Das war wirklich genau das, was ich nach dem Berliner Anschlag gebraucht habe, um zu sehen, dass ich nicht alleine bin mit meinen Gedanken über die zunehmende Queerfeindlichkeit, und ich war auch sehr berührt davon, dass nicht-queere Menschen teilgenommen haben, um ihre Solidarität zu zeigen. Aber ein CSD ist nur eine Veranstaltung im Jahr. Man kann sich auch auf dem CSD einsam fühlen, oder man fühlt sich auf dem CSD nicht einsam, aber dann ist der CSD vorbei, und dann fühlt man sich wieder alleine. Wichtig ist die eigene Bereitschaft, sich auf die Suche zu machen, nach Gemeinschaft, nach Begegnung. Bundeskanzler Friedrich Merz hat nach dem Attentat am Rande des Berliner CSD zunächst allgemein von einem Angriff auf „unsere Gesellschaft“ gesprochen, aber eben nicht davon, dass es ein gezielter Angriff auf die queere Gemeinschaft war. Fördert so eine Ignoranz nicht auch queere Einsamkeit? Dass das nicht explizit benannt wird, ist ein Problem. Genauso wie die Aussage des Bundeskanzlers, der Bundestag sei kein Zirkuszelt, mit der er das Nein zum Hissen der Regenbogenflagge am Reichstagsgebäude zum Christopher Street Day verteidigte. Dass unter seiner Regierung Förderprogramme gekürzt werden und Unterstützung aufgekündigt wird, ist auch ein Problem. Da wird ein anderes Gesellschaftsbild vertreten als noch von der Vorgängerregierung. Merz befördert damit eine gesellschaftliche Stimmung, in der queere Menschen das Gefühl haben, wir werden nicht mehr richtig gesehen oder wir sind – etwas zugespitzt – Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse.
