FAZ 10.08.2026
11:58 Uhr

Reiseführer: Tipps für Menschen, die im Urlaub shoppen wollen


Reiseführer sind trotz KI und Google wunderbar nützliche Werke, findet unsere Autorin. Nur beim Thema Einkaufen entdeckte sie häufig Schwächen. Bis jetzt.

Reiseführer: Tipps für Menschen, die im Urlaub shoppen wollen

Ferienzeit! Auch jetzt, da ChatGPT einem zuverlässig mitteilen kann, welche Orte an einem Reiseziel lohnenswert sind, kaufe ich vorab einen Reiseführer. Habe ich immer so gemacht, auch vor gut zehn Jahren, als man sich das alles schon ähnlich leicht hätte ergooglen können. Nur in einer Hinsicht konnten meine Reiseführer von Marc O’Polo, Dumont und so weiter – Bände mit einem Umfang von circa 150 Seiten – damals mit Google nicht mithalten. Zwar konnten sie mich, etwa in der Barcelona-Ausgabe, wunderbar nebenbei auf den Stand zum Jahrhundertbau der Sagrada Família bringen oder mir in der Japan-Ausgabe kulturelle No-Gos vermitteln. Aber die nüchtern titulierte Rubrik „Einkaufen“ überblätterte ich meist – und kaufte lieber noch einen „Wallpaper-City-Guide“ hinzu. Unter „Einkaufen“ musste man in den konventionellen Reiseführern seinerzeit nämlich meist die grundsätzlich konsumkritische Haltung des Autors in Kauf nehmen. Um in Japan zu bleiben: „Wenn nur die vielen Nullen auf den Preisschildern nicht wären – das Konsumparadies ist sündhaft teuer“, stand da zum Beispiel gleich im zweiten Satz (Marc O'Polo, 11. Auflage, 2017). Wenn das Autoren-Duo nur mal im Tokioter Stadtteil Shimokitazawa mit seinen gar nicht so teuren Vintage-Paradiesen gewesen wäre. Besonders die Ausgaben über italienische Ziele kamen in dieser Zeit in Reiseführern nicht ohne Reisewarnungen zu den örtlichen Fußgängerzonen aus. Dafür wurden häufig sämtliche Klischeevorstellungen der Deutschen bedient, die an Stil offenbar grundsätzlich und zu Recht desinteressiert waren. Von „mehr Schein als Sein“ war dann die Rede, vom „Sehen und Gesehenwerden“, natürlich von der „bella figura“, die Italiener dort gern machen. Heute mögen noch immer Reiseführer erscheinen, für die Verlage ihren  Autoren ein paar Seiten über die örtlichen Einkaufsmöglichkeiten abgerungen haben, die sich dann aber im Gegenzug in ihren Empfehlungen ausdrücklich von diesem vermeintlich trivialen Thema distanzieren. Aber ein bisschen was tut sich doch. Vor einer Stockholm-Reise schlug ich neulich die dazugehörige Marc-O’Polo-Ausgabe auf. Die Zielgruppe der Schwedentouristen wird darin jetzt mit Blick auf ihr Interesse an Stil überraschend ernst genommen: Einkaufen heißt dort, deutlich ansprechender, „Shoppen & Stöbern“. Der erste Satz: „Wer hier nichts findet, ist selbst schuld!“ Und erst ein paar Sätze weiter der vorsichtige und passende Hinweis: „Die Preise sind auch recht hoch.“ Immerhin trübt diese Vorwarnung nicht die Vorfreude.