FAZ 01.10.2026
13:01 Uhr

Schicksal der Übersetzer: Weil es nicht reicht!


Wer kann von 24.000 Euro im Jahr leben? Auf Instagram starten Übersetzer eine breitenwirksame Kampagne und weisen auf schockierende Details ihrer Existenz hin. Irland macht vor, wie es besser ginge.

Schicksal der Übersetzer: Weil es nicht reicht!

In seinem 1932 erschienenen Essay über die „homerischen Übersetzungen“ schreibt der wundervolle Jorge Luis Borges: „Kein Problem ist so wesenseigen mit den Schriften und ihrem bescheidenen Mysterium verbunden wie dasjenige, welches eine Übersetzung aufwirft.“ Er, der selbst ein vorzüglicher Übersetzer war und schon in Jugendjahren damit begann, Texte von einer Sprache in die andere zu heben, sah in der Übersetzung eine Kunstgattung ganz eigenen Rechts. Ähnlich wie die kritische Beschäftigung mit einem Kunstwerk mitunter eigene künstlerische Züge tragen könnte, sei auch die Übersetzung eines Textes eine eigenständige literarische Schöpfung. Das „bescheidene Mysterium“ beruht darin, dass kein Werk jemals auserzählt ist, sondern durch eine Übersetzung potentiell jederzeit immer noch einmal neu erfunden – womöglich sogar besser gemacht – werden kann. Die Kunst des Übersetzens, die Borges in seinem Werk an verschiedener Stelle hervorhebt, beruht darin, dass sie den Fluss der Literatur am Leben hält. Immer wieder nach semantischen Äquivalenten sucht, die eine andere Sprache oder neue Zeit anbietet, um den Sinn eines Wortes zu suchen, den es selbst vielleicht noch nicht kennt. Bescheiden bekommt einen bösen Klang Das Übersetzen ist keine formale Angelegenheit, es ist ein zutiefst schöpferischer Vorgang. Borges’ stolze Adelung der Übersetzerfigur, die er in seiner Erzählung „Pierre Menard, Autor des Quijote“ sogar zum literarischen Topos erhebt, kommt einem in den Sinn, wenn man jetzt die verzweifelte Kampagne verfolgt, die zweihundert Übersetzerinnen und Übersetzer in den sozialen Medien initiiert haben, um auf ihre prekäre Existenz hinzuweisen. Borges’ Wort „bescheiden“ bekommt in diesem Zusammenhang einen neuen, bösen Klang. Am internationalen Tag des Übersetzens, benannt nach dem heiligen Hieronymus, dem Schutzpatron der Übersetzenden, veröffentlichten sie unter dem Motto „Uns reicht’s, weil es nicht reicht“ auf Instagram schockierende Details ihrer Existenz. Etwa, dass literarische Übersetzer in Deutschland ein durchschnittliches Bruttojahreseinkommen von 24.000 Euro bezögen – nur etwa ein Drittel des deutschen Durchschnittseinkommens. Viele Übersetzer seien akut von Altersarmut bedroht sowie in Krankheits- oder Notfällen ohne jede Absicherung. Verschärft wird diese dramatische Lage jetzt noch durch den vermehrten Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Übersetzung von Fachtexten, der eine menschliche Zuarbeit praktisch überflüssig macht. Dadurch drängten nun viele Fachübersetzer in den Bereich des literarischen Übersetzens und sorgten für noch mehr Konkurrenz bei immer weniger werdenden Aufträgen. Besonders eindrucksvoll ist daher die Solidarität zwischen Fach- und Literaturübersetzern bei dieser Kampagne. Gefordert werden verbindliche Vergütungsregeln und eine Orientierung an dem, was in anderen Ländern im Moment schon an tatkräftiger Unterstützung geleistet wird, zum Beispiel in Irland: Dort wurde vergangenen Monat erstmals ein reguläres Grundeinkommen für ausgeloste Kulturschaffende fest installiert. Jeweils 2000 Personen, die nachweislich in Irland künstlerisch arbeiten, erhalten für drei Jahre 1300 Euro im Monat, ohne Gegenleistungen und Vorschriften. Auch Übersetzer sind unter den Auserwählten. Und können so bescheiden, aber nicht gedemütigt am Mysterium der Übersetzung weiterarbeiten.