Es passiert nicht oft, dass Vorgänge an der Frankfurter Universität Aufmerksamkeit auf anderen Kontinenten erregen. Im Fall des medizingeschichtlichen Instituts ist das geschehen: Die Berichte über dessen womöglich drohende Schließung sind bis ins kanadische Vancouver gedrungen. Von dort meldete sich der Sohn eines Mannes zu Wort, der in Auschwitz die Zwillingsversuche von Josef Mengele überlebt hatte – jenes KZ-Arztes, der zuvor am damaligen Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt promoviert worden war. Der Nachfahre des Auschwitz-Häftlings erinnerte eindringlich daran, wie wichtig eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Geschichte und Ethik der Medizin weiterhin ist. Sein Leserbrief, der in der F.A.Z. erschien, sollte noch dem letzten Zweifler deutlich gemacht haben, welche Bedeutung das medizinhistorische Institut für Universität und Gesellschaft hat. Beunruhigende Überlegungen Dass es nun heißt, eine Schließung stehe nicht mehr zur Diskussion, ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Wirklich beruhigend klingt das, was aus den jüngsten Beratungen des Unisenats an die Öffentlichkeit drang, aber nicht. Überlegungen zu einer Auslagerung der Bibliothek oder einer Verlegung der zum Institut gehörenden Professur wecken die Sorge, am Ende könne von diesem nur ein Alibi-Rest übrig bleiben. Eine Degradierung zu einer lediglich mit Minibudget versehenen Forschungsstelle wäre allerdings ein Armutszeugnis für eine große Medizinfakultät wie jene in Frankfurt – und beschämend für die Goethe-Universität, die immer wieder gerne auf ihre gesellschaftliche Verantwortung hinweist. Das sollten besonders die Zuständigen im Fachbereich bedenken, bevor sie die finale Entscheidung über die Zukunft des Instituts treffen. Die Goethe-Universität steht vor größeren organisatorischen Veränderungen. Durch den Sparkurs des Landes ist sie wie die anderen staatlichen hessischen Hochschulen gezwungen zu überlegen, welche Studiengänge und Forschungszweige verzichtbar sind. Wie zu hören ist, wird über eine Zusammenlegung von Fachbereichen nachgedacht, vor allem mit dem Ziel, die Verwaltung effizienter zu gestalten. An diesem Freitag entscheidet sich zudem, ob Frankfurt gemeinsam mit den beiden anderen Rhein-Main-Universitäten Mainz und Darmstadt künftig den Titel „Exzellenzuniversität“ führen darf. Der Erfolg oder Misserfolg in diesem Wettbewerb dürfte auch Einfluss auf die künftige uniinterne Ressourcenverteilung haben. Selbst wenn eine Hochschule Anspruch auf den Status einer Volluniversität erhebt, kann und muss sie nicht jedes Orchideenfach kultivieren. Es ist legitim, in Zeiten der Geldknappheit das Portfolio einer kritischen Prüfung zu unterziehen und sich von dem einen oder anderen Angebot zu trennen. Dabei ist den Zuständigen Weitblick und Sensibilität zu wünschen. Es gibt Fachgebiete, deren gesellschaftliche Relevanz man bezweifeln darf. Die Medizingeschichte gehört nicht dazu.
