Den Angriff aus dem Hinterhalt konnte Speerwerfer Julian Weber nicht auf sich sitzen lassen. Gleich im ersten Versuch hatte er mit 83,71 Metern die Führung übernommen, sich im Finale der Leichtathletik-Europameisterschaft aber lange nicht mehr steigern können. Erst als er von der Spitze verdrängt wurde, kam Weber wieder in Bewegung. Im vorletzten Versuch warf Nick Thumm, Zweiter bei der U-23-Europameisterschaft, den bis zu diesem Abend kaum jemand als Medaillenkandidat auf dem Zettel hatte, eine persönliche Bestweite von 83,76 Metern. Es drohte, sich ein Muster zu wiederholen, das man von Weber bei Großereignissen schon kennt: Wenn die Konkurrenz Druck machte, konnte er nicht immer nachlegen. Webers 90-Meter-Konter Aber diesmal kam es anders. Weber wusste, dass er im letzten Versuch liefern muss. „Nick hat mich mit seinem starken Wurf noch mal aufgeweckt“, sagte Weber, und das habe ihn ein bisschen geärgert: „Dann habe ich gedacht: Jetzt erst recht, ich habe es drauf.“ Weber schickte seinen letzten Versuch weit, sehr weit. Er jubelte schon, als der Speer noch in der Luft war, und tatsächlich: 90,40 Meter zeigte die Anzeige, mehr als sechs Meter weiter als Thumm – und Meisterschaftsrekord. Bis dahin hatte die Bestmarke bei 89,72 Metern gelegen, aufgestellt von Steve Backley im Jahr 1998 in Budapest. Weber war nicht mehr nur der beste Speerwerfer Europas in dieser Saison, sondern hatte seine Stärke auch dort gezeigt, wo es für ihn so oft nicht funktioniert hatte. Seit seinem ersten EM-Titel vor vier Jahren war Weber bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften vergeblich einer Medaille hinterhergejagt. Oft wurde ihm angesichts seiner vierten Plätze fehlende Nervenstärke nachgesagt. Weber hing der Ruf an, nicht für die großen Momente geschaffen zu sein. Kieferschmerzen vom Rumschreien Mit einem Wurf löste sich all die Anspannung der vergangenen Monate, vielleicht sogar Jahre. „Ich hoffe, ich habe heute einen Mic Drop gemacht“, sagte Weber, der im Mentalen nicht das Problem sieht, das ihn bei Großereignissen blockiert hatte. „Es war meist das Körperliche oder andere Sachen. Ich habe im Wettkampf schon immer weiter geworfen als im Training.“ Webers Leistungssteigerung im letzten Versuch war auch deshalb so bemerkenswert, weil der Einunddreißigjährige mit schlechten Voraussetzungen nach Birmingham gereist war. Beschwerden an der Schulter und der Achillessehne machten ihm zu schaffen. „Es war einfach immer irgendwas, das mich ausgebremst hat.“ Erst Mitte Juli startete er beim Meeting im schweizerischen Luzern in die Saison und warf mit 87,04 Metern auf Anhieb eine europäische Jahresbestleistung. Er habe sich wie ein Tiger im Käfig gefühlt, wollte endlich raus und spielen. Die Vorbereitung sei die schwierigste gewesen, die er jemals erlebt habe. In der Qualifikation gelang ihm gleich im ersten Versuch der Einzug ins Finale. Dort fand er aber lange nicht den Rhythmus, den er brauchte. „Ich weiß nicht, was ich vorher gemacht habe“, sagte Weber: „Es war unfassbar schwierig.“ Zwischendurch machte er zusätzliche Anläufe, um sich den Bewegungsablauf wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dann passte alles. Weber drehte sich zu den Rängen, ballte seine Hände zu Fäusten und schrie seine Erleichterung hinaus, als wolle er zeigen: „Schaut her, ich kann es doch!“ Thumm wusste, dass Webers 90,40 Meter nicht mehr einzuholen waren, und warf den Speer nur noch wenige Meter weit vor sich. Ausgepumpt ließ er sich auf den Boden fallen, für die Silbermedaille hatte es auch so gereicht. „Das ist auf jeden Fall der Wurf, bei dem mir am meisten ein Stein vom Herzen gefallen ist“, sagte Weber, als sich die Freude schon etwas gesetzt hatte: „Das ist das geilste Feeling, das ich bisher hatte bei einem Wettkampf.“ Beim letzten Wurf sei so viel Adrenalin dabei gewesen, dass er sich erst mal angucken müsse, was er dort überhaupt gemacht habe: „Mein Kiefer tut weh. Ich habe so viel herumgeschrien, das musste einfach alles raus. Über die Monate hat sich so viel angestaut.“ Vielleicht half es Weber, dass bei dieser EM die Aufmerksamkeit nicht mehr allein auf ihm und Weitspringerin Malaika Mihambo gelegen hatte. „Das macht unterbewusst schon etwas mit einem“, sagte Weber: „Es tut ganz gut, zu wissen, dass die Medaillenlast nicht nur auf einem selbst liegt.“ Andere zu feiern und sich mit ihnen zu freuen, sei auf jeden Fall auch ganz schön. Die Zweifel sind nicht komplett verschwunden Mit seinem zweiten EM-Titel hat Weber eine Erzählung beendet, die ihn lange begleitet hatte. Er musste diesmal nicht hoffen, dass es im entscheidenden Moment reicht, sondern wusste, was zu tun war – und tat es im letzten Versuch. „Ich freue mich einfach, dass ich mittlerweile genau weiß, wie weit ich werfen kann, und trotz all dieser Schwierigkeiten an das Gefühl vom letzten Jahr anknüpfen konnte.“ Die Zweifel sind damit nicht verschwunden, aber sie liegen nicht mehr so schwer auf seinen Schultern. Weber hat bewiesen, dass er zur Stelle sein kann, wenn es darauf ankommt. „Ich wollte einfach zeigen, dass ich ein mentales Biest bin“, sagte Weber: „Ich bin so froh, dass das geklappt hat.“
