Was hat sich der „Spiegel“ dabei bloß gedacht? Den AfD-Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ zu erklären und mit Fahndungsfoto auf den Titel zu bugsieren. Ist das linkswoke Hybris? Bildet sich das Magazin ein, Siegmunds drohenden Wahlsieg verhindern zu können? Oder ist es im Gegenteil die beste Werbung, die sich die AfD wünschen kann? Und für die sie sich siegestrunken bedankt, der Kandidat Siegmund etwa, indem er mit handsignierten „Spiegel“-Exemplaren posiert? Ist das nicht am Ende die Banalisierung des Bösen? Hehre Motive Es könnte sich auch, zu der Interpretation neigen wir, um das journalistische Kalkül handeln, das (wie Micky Beisenherz es in der „Süddeutschen“ umschreibt) auf das abzielt, was am meisten knallt und fetzt, für Action und Aufmerksamkeit sorgt und sich am besten verkauft. Insofern hat der „Spiegel“ alles richtig gemacht. Dabei nimmt der Chefredakteur Dirk Kurbjuweit für sich und seine Redaktion die hehrsten Motive in Anspruch. Siegmunds Pläne für Sachsen-Anhalt seien „ein Anschlag auf die liberale Demokratie“, das bekämen Minderheiten zuerst zu spüren. Dabei gebe sich Siegmund freundlich und gewinnend, „das Umgängliche und das Extreme“ machten ihn „zu einem gefährlichen Mann, aktuell zum gefährlichsten Mann Deutschlands, aus Sicht liberaler Demokraten“. Habe ein Politiker „böse Absichten“, könne „das böse Folgen für Hunderttausende haben, vielleicht für Millionen“. Einzig Relevanz Deshalb der Titel, deshalb gehöre Siegmund in der dargebotenen Form dorthin, das sei eine Frage der Relevanz, und die sei beim „Spiegel“ das oberste Kriterium, „nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet“ – ganz im Sinne des Spruchs des Magazingründers Rudolf Augstein: „Sagen, was ist.“ Sehen wir einmal davon ab, dass Augstein nie nur gesagt hat, was ist, sondern immer schrieb und schreiben ließ, was seiner Ansicht nach sein sollte. Und denken wir uns hinzu, dass man beim „Spiegel“ nicht nur aus Demokratieräson handelt und sehr genau weiß, wie ein solcher Knallertitel (Hauptsache, nicht langweilig!) ankommt und sich verkauft, scheint uns Kurbjuweits Selbsterklärung doch sehr wohl auf den Kern der AfD zu weisen. Man muss sich nur einmal die Szene von der AfD-Wahlveranstaltung im Juli in Dessau-Roßlau ansehen, in welcher der vermeintliche Kabarettist Uwe Steimle „Witze“ darüber riss, Angela Merkel aufzuhängen oder an die Wand zu stellen und Friedrich Merz als vermeintlichen Hitler-Wiedergänger in die Luft zu sprengen („Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?“). Der Saal johlte, der AfD-Ko-Vorsitzende Tino Chrupalla amüsierte sich köstlich, und der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund grinste mit. Soll der Typ etwa nicht gefährlich sein?
