FAZ 20.03.2026
11:22 Uhr

Sportförderung im Osten: Warum nehmen ostdeutsche Sportvereine eine großzügige Spende nicht an?


Eine Stiftung aus München stellt Sportvereinen in Ostdeutschland relativ unbürokratisch eine Millionensumme zur Verfügung. Doch ein Großteil ruft das Geld nicht ab. Warum?

Sportförderung im Osten: Warum nehmen ostdeutsche Sportvereine eine großzügige Spende nicht an?

Der Geldsegen erschien geradezu märchenhaft. „Das ist ja wie im Schlaraffenland“, sagt der Vorsitzende eines Sportvereins, als er erstaunend die Ausschreibung gelesen hatte: „Ich konnte kaum glauben, dass es so was gibt“, erinnert sich ein anderer: „Ich war sehr skeptisch.“ Ein Dritter sagt: „So eine Förderung hatten wir noch nie bekommen. Das wirkte ein bisschen wie Weihnachten.“ Die Sportvereine der drei Männer aus dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte gehören zu den 235, welche die Beisheim Stiftung mit Sitz in München mit insgesamt 1,4 Millionen Euro bedacht hat. Ein bisschen war es so wie zu der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. 1000 bis 10.000 Euro würden sie bekommen, versprach die Ausschreibung, wenn sie jeweils bis zu drei Maßnahmen zur Förderung des Ehrenamts damit finanzieren wollten – und schlug vor, was das sein könnte: Maßnahmen zur Beratung und Fortbildung von Ehrenamtlichen, zu deren Gewinnung und Stärkung, zur Förderung der Vereinsstrukturen. Für ein Pilotprojekt hatte sich die Stiftung auf die Suche nach weißen Flecken auf der Landkarte gemacht, nach ländlichen Regionen, in denen der sozioökonomische Index auf Armut, Bevölkerungsrückgang und gefährdetes bürgerschaftliches Engagement hinweist. Sie nannte ihr Programm „vereinsstark – Ehrenamtliche finden, binden, wertschätzen“ und bot es 2025 in acht Landkreisen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt an, allesamt einst Teil der DDR, allesamt betroffen von der Abwesenheit großer Arbeitgeber und einem starken Eindruck von Abgehängtsein. „Hier ist sportlich Niemandsland“ Dort, in Ludwigslust-Parchim, Ostprignitz-Ruppin und Prignitz, in Altmark-Salzwedel, Jerichower Land und Stendal, in den Landkreisen Rostock und Mecklenburgische Seenplatte, herrscht, was der aus dem Rhein-Main-Gebiet zugezogene Vorsitzende des Tischtennisklubs Grün-Weiß Waren, Dirk Grittner, so beschreibt: „Hier ist sportlich Niemandsland.“ Der alarmierende Zustand des Vereinssports in Deutschland, dass laut Sportentwicklungsbericht fast jeder fünfte der 86.000 Sportvereine sich in seiner Existenz bedroht sieht durch mangelndes ehrenamtliches Engagement und durch das Fehlen von Nachwuchs für die nebenberuflichen Posten, ist in diesen Landkreisen mit Händen zu greifen. Bei der Wahl zum Kreistag der Mecklenburgischen Seenplatte gewann die AfD vor zwei Jahren 23 der 77 Sitze, das BSW elf, knapp 43 Prozent für die politischen Ränder. 60.000 Euro im Schnitt hat jeder geförderte Verein bekommen. Was sie damit anfangen? Als 18 Sportvereine aus dem Kreis in Waren an der Müritz Ende Februar Bilanz ziehen, zeigt sich, dass die Erfüllung ihrer Wünsche nichts Extravagantes hat. T-Shirts oder Polohemden mit dem Vereinslogo für diejenigen, die regelmäßig mitanpacken; Kursgebühren für ehrenamtliche Trainer und Schiedsrichter, die eine Lizenz brauchen, vielleicht noch Fahrtkosten und Unterkunft; ein gemeinsames Abendessen oder die Auszeichnung mit einem Geschenk, das sind die klassischen „Dankeschöns“ im Sportverein. Für den Vereinszweck, für Trikots, Bälle und Trainerhonorare durfte das Geld nicht eingesetzt werden. Aber Laptops, Rasenmäher und Waschmaschinen wurden angeschafft, und der bald sieben Jahrzehnte alte Röbeler Segel-Verein und die Skateboarder vom vor acht Jahren gegründeten Rollkollektiv 4 Tore Neubrandenburg haben gleichermaßen ihre Helfer mit warmer, wetterfester Kleidung ausgestattet. Die ist bei eisigem Wetter auf dem Wasser ebenso notwendig wie bei der Aufsicht in der unbeheizten Skate- und BMX-Halle. Der Fußballklub Motor Neubrandenburg-Süd ist nun täglich auf Instagram und Facebook präsent, da das Projekt „vereinsstark“ dessen Social-Media-Team mit Geld für eine neue Kamera, Stativ und Beleuchtung ausgestattet hat. Die Speedway-Fahrer aus Neubrandenburg haben einen Defibrillator angeschafft. Aus eigener Kraft hätten sich die wenigsten der unterstützten Vereine diese gönnen können. Nur ein Drittel der angeschriebenen Vereine bewarb sich Die Großzügigkeit der Beisheim Stiftung geht darüber hinaus. „Wir brauchen keine Rechnungen und Abrechnungen; wir hätten gern einen Schlussbericht“, heißt es von ihr. Die unbürokratische Ausschreibung, die Unterstützung bei den Anträgen und die unkomplizierte Auszahlung machten Eindruck. „Das ist ein enormer Vertrauensvorschuss, und die Mittel kommen als Spende“, sagt Grittner: „Das ist krass.“ Als „einfach, unvoreingenommen und helfend“ beschreibt Ronald Schneider vom Kreissportbund den Ansatz der Münchner. „Diese Förderung hilft definitiv gegen die Krise im Ehrenamt“, sagt Ulf Krömer, Vereinsvorsitzender des Fußballklubs Motor Süd Neubrandenburg: „Es ist unglaublich, dass so wenig Vereine mitgemacht haben.“ Auch dies ist ein Zeichen der Krise des Ehrenamts: Rund 900 Vereine bekamen per Mail von ihren Kreissportbünden den Hinweis auf die Förderung durch „vereinstark“. Darüber hinaus stellte die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt die Ausschreibung auf ihre Website. Lediglich 300 Vereine bewarben sich. Bei 600 kam das großzügige Angebot, so oder so, nicht an. Gehören sie alle zu den 17.000 in Deutschland, die aus Mangel an Personal existenziell gefährdet sind? Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den abgehängten Regionen Deutschlands sind wohl angebracht, wenn gemeinnützige Organisationen wie Sportvereine nicht einmal in der Lage sind, Spenden in Empfang zu nehmen. Das deckt sich mit dem Umstand, dass in den Ländern des Ostens der Sport Millionen Euro an Fördermitteln nicht abgerufen hat. Bundes- und Landesförderung wird in der Regel nur den Vereinen gewährt, die komplementär Mittel ihrer Kommune lockermachen. Das ist, selbst wenn es um lediglich zehn oder 20 Prozent geht, bei Dach- oder Heizungssanierung oder gar der umfassenden Modernisierung einer Sporthalle aus den Fünfzigerjahren für 350.000 Euro, wie sie zum Beispiel beim Turn- und Sportverein 1814 Friedland östlich der Müritz ansteht, für klamme Städte und Gemeinden nicht zu leisten. Und so gehen die Vereine leer aus. Wenn zwei von drei Sportklubs auf das schnelle Geld von der Stiftung aus München verzichten, scheinen sich darin Erschöpfung und Überlastung derjenigen zu spiegeln, die seit Jahren und Jahrzehnten in ihrer Freizeit darum kämpfen, die sportliche und gesellschaftliche Infrastruktur ihrer Nachbarschaft aufrechtzuerhalten. Bei der Abschlussveranstaltung von „vereinsstark“ in Waren, zu der die Beisheim Stiftung eingeladen hatte, fehlten zehn der 28 geförderten Vereine. Die weiten Wege, die Trainingsstunden am Freitagabend, die nicht ausfallen sollten, die angespannte personelle Lage – es gab viele Gründe, das Büffet sausen zu lassen. Und trotzdem. Auch Jan Holze, Vorstand der Engagement-Stiftung mit Sitz in Neustrelitz, macht die Erfahrungen, dass gerade im ländlichen Raum wenig Erfahrung und gar Skepsis gegenüber der Förderung durch Stiftungen herrschten. „Die Vereine sind es nicht gewohnt, dass ihnen jemand etwas anbietet und dass sie Anträge für finanzielle Mittel stellen können“, sagt er. Dazu komme die Haltung der Ehrenamtlichen, dass sie sich selbstverständlich engagierten und niemand davon Aufhebens machen müsse. Kleinstförderung und Unterstützung bei der Beantragung, wie sie auch die Beisheim Stiftung leiste, seien deshalb der Weg zu den Vereinen. „Die Mittelgeber müssen die Extrameile gehen“, beschreibt Holze die Mühen der Hilfeleistung. Zweck seines Hauses ist laut Gründungsgesetz „die Stärkung und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements und des Ehrenamts insbesondere in strukturschwachen und ländlichen Räumen“. Auch die Ostbeauftragte des Bundes, Elisabeth Kaiser, engagiert sich für das Miteinander in der Provinz. Der Preis „machen!2026“, bei dem zweihundertmal bis zu 10.000 Euro vergeben werden, zielt allein auf Vereine und Initiativen in Orten mit höchstens 50.000 Einwohnern in den neuen Ländern. Das Wort Pilotprojekt für „vereinsstark“ suggeriert, dass es mit dem Wünschen hier und dem Fördern dort weitergehen soll. Sport ist einer von vier Bereichen, in denen sich die von Metro-Gründer Otto Beisheim gegründeten und mit seinem Milliardenerbe bedachten Stiftungen in München und Baar in der Schweiz engagieren, neben Bildung, Gesundheit und Kultur. Wie groß der Bedarf der Sportvereine ist, hat das Förderprogramm deutlich gemacht. „Es wäre schade, wenn es bei einem Mal bleiben würde“, antwortet Alison Eriksen, Bereichsleiterin Sport bei der Beisheim Stiftung, auf die Frage nach dem Fortgang: „Aber wir müssen klären: Wie kann eine Unterstützung für das Ehrenamt im Sport sinnvoll gestaltet werden?“ Es gehe um positive Impulse und die Bestärkung und Vernetzung derjenigen, die sich engagieren. Die Resonanz auf ihr Angebot nimmt sie nicht als frustrierend wahr: „Ist ein Drittel gering oder ein richtig gutes Ergebnis?“