FAZ 01.10.2026
18:45 Uhr

Stadtschloss Weimar: Es hat Klasse, wie der Klassizismus deklassiert wird


Acht Jahre war das Weimarer Schloss unzugänglich, doch jetzt öffnet der frisch sanierte Ostflügel seine Tore – samt einer klugen neuen Dauerausstellung. Und die Stadt feiert das drei Tage lang.

Stadtschloss Weimar: Es hat Klasse, wie der Klassizismus deklassiert wird

Da steht der Thron. Dass er unbequem ist, sieht man ihm an, aber den hat ja auch kein Möbeltischler entworfen, sondern ein Architekt, Wenzeslaus Coudray, der Spätmeister des Weimarer Klassizismus. Er war gerade erst in die Residenzstadt berufen worden, als sein Dienstherr den neuen Rang eines Großherzogs verliehen bekam, und da brauchte es einen neuen Thron, um die Huldigungen der Untertanen entgegenzunehmen. Am 7. April 1816 wurde er im Festsaal des Weimarer Schlosses aufgestellt, an der Längsseite zum Hof, und alle Fenster dort wurden mit rotem Stoff verhängt, denn die Majestät war ja Lichtgestalt genug. Jetzt, nachdem das Residenzschloss acht Jahre lang zwecks Sanierung geschlossen war, lässt man nicht nur die Besucher wieder in den Festsaal, sondern natürlich auch die Sonne. Also steht der Thron woanders, vier Kabinette weiter, durchaus passend im „Rotseidenen Zimmer“. Allerdings steht er da gar nicht vor rotem Stoff, sondern vor einem Monumentalgemälde von Sascha Schneider aus dem Jahr 1903. „Hohes Sinnen“ heißt es, und früher hing es im Treppenhaus des großherzoglichen Wohnbereichs. Was den letzten Großherzog Wilhelm Ernst, abgedankt 1918, daran begeistert hat, ist offenkundig: die Virilität des mehr als halb nackten Mannes, der da heroisch auf einer mediterranen Terrasse steht. Und dieses symbolistische Bild gibt nun die Kulisse ab für den ein Jahrhundert älteren klassizistischen Thron. Schneiders Pathos deklassiert den Klassizismus. Man darf das gewagt nennen. Wie aus Antikenbegeisterung Hybris wurde Doch wer wagt, gewinnt. Denn diese Installation im heute feierlich wiedereröffneten Schloss bietet in nuce das Programm der neuen Dauerausstellung, die im Ostflügel zu sehen ist (und mehr als der Ostflügel ist noch nicht wieder zugänglich). Die Ausstellung trägt den Titel „Weimarer Klassik“, aber geht weit darüber hinaus, denn sie nimmt mindestens so stark wie das ursprüngliche Phänomen selbst dessen Nachleben in den Blick. Und mischt es mit den authentischen Objekten des Klassizismus. Aus dessen Antikenbegeisterung erwuchs im Laufe des 19. Jahrhunderts die Hybris deutschen Suprematdenkens, das sich mit Goethe und Co. selbst beweihräucherte und dann das 20. Jahrhundert verpestete. Schneiders Bild ist in seiner Aussage die konsequente Fortsetzung des Überwältigungsgestus, die der Weimarer Thron anstrebt. Und ästhetisch hat das Gemälde seine Wurzeln etwa in den um 1800 fürs Weimarer Schloss geschaffenen Wandfriesen von Christian Friedrich Tieck mit all ihren Nackedeis. Wobei sie nach acht Jahren nun lediglich als zweidimensionale Digitalausdrucke zurückgekehrt sind, weil die plastischen Originale zu beschädigt waren, um wieder angebracht zu werden. Aber man bemerkt den Unterschied kaum. Welches Lieblingsbild der Weimarer sich Hitler verdankt Womöglich auch deshalb nicht, weil es so viel zu bestaunen gibt. Gar nicht einmal mengenmäßig – nur 140 Objekte sind für die Dauerausstellung aus den schier unendlich reichen Museumsbeständen der Klassik-Stiftung Weimar in die Beletage des Ostflügels gekommen, darunter eher skurrile Petitessen wie die Sonnenbrille von Großherzog Carl August (die er wohl nicht in Gegenwart seines Ministers Goethe getragen haben dürfte, der bekanntlich Brillen verabscheute). Aber da sind auch wieder die Caspar-David-Friedrich-Gemälde, die Carl August kaufte. Sie hatten schon bis 2019 ihren Platz im alten Schlossmuseum gehabt. Nun ist das Konzept ein anderes: Museum im Schloss. Das will sagen, dass hier nicht alles zum Gebäude passen muss. Oder zu unseren Erwartungen. Wer wusste etwa, dass Philipp Otto Runges Porträtbild der kleinen Louise Perthes, ein Weimarer Publikumsliebling, nur hier ist, weil Adolf Hitler es geschenkt bekam, aber dann ans Weimarer Schlossmuseum weiterreichte, aus dem zuvor die Bauhaus-Moderne entfernt worden war? Unsere Erwartungen waren hoch, denn acht Jahre sind eine lange Zeit und 140 Millionen Euro Kosten eine große Summe. In die teilen sich der Bund und der Freistaat Thüringen, und das Geld muss noch bis 2032 reichen, wenn das ganze Schloss saniert und wieder öffentlich zugänglich sein soll. Aber der Ostflügel ist der größte Brocken, denn hier befinden sich die repräsentativsten Räume, und hier wird auch das klassizistische Ideal am sichtbarsten, obwohl sich dort noch Räumlichkeiten finden, die vom 1774 ausgebrannten Renaissanceschloss übrigblieben. Wie auch die Außenmauern, vor die Goethe als Spiritus Rector des 1789 begonnenen Wiederaufbaus im Inneren Holzwände einziehen ließ, um seine Interieurvorstellungen billig zu ermöglichen. Der in den resultierenden Zwischenräumen eingenistete Hausschwamm stellte die Sanierung vor größere Probleme, als ursprünglich gedacht. Das Schloss lehrt mit seinem Architekturprogramm Toleranz Umso erstaunlicher, dass der Eröffnungstermin gehalten werden konnte. Drei Tage lang feiert Weimar von morgen an die Rückgewinnung seines Schlosses. Bevor dann in ein paar Wochen Goethes Wohnhaus schließt – auch wegen Sanierung. Da braucht es Ersatz für die Klassikfreunde, aber das Schloss ist mehr als das: Es ist angewandter Goethe, der hier Architekturtheorie seiner Zeit wirklich werden ließ mit der Kombination als vorbildlich betrachteter Stile, griechischer und römischer selbstverständlich, aber auch ägyptischer und assyrischer als damals neueste Moden. Und englischer in Gestalt des Landschaftsparks an der Ilm, zu dem hin sich fortan der Ostflügel des wiederaufgebauten Schlosses öffnete. Damit war die Residenz keine abgeschottete Festung mehr, sondern ein Symbol für die Versöhnung von Kultur und Natur. Viel mehr Romantik als Klassizismus. Das Schloss lehrt Toleranz. Umso bedrückender, dass 1943 in seine alten Gewölbekeller von Häftlingen aus dem nahen Konzentrationslager Buchenwald eine Betonbunkeranlage eingebaut werden musste, in der die Nazis angesichts der dem Herzen Deutschlands näher rückenden Front die „Gaubefehlsstelle“ unterbrachten. Erstmals sind jetzt diese Räume zugänglich, allerdings ist die Umnutzung zu Garderoben und Toiletten nach dervEntkernung einigermaßen instinktlos. Ganz anders dagegen das jüngste Kunstwerk im aufgefrischten Schloss: Andrea Knoblochs Wandinstallation „Im Sturm“, angebracht just über der Treppe, die hinab in den Bunker führt. Die Künstlerin klopfte dort den Putz teilweise wieder auf, um an die Versehrungen des Gebäudes zu erinnern, und streute dann Goldfolienblätter über die Wunden. Inspiriert wurde sie dazu durch Walter Benjamins Allegorie vom Engel der Geschichte, der in einem Sturm steht, welcher Trümmer auf Trümmer häuft. So wird der schöne klassizistische Schein rund ums Schloss gedämpft, ohne dass man sich des Genusses von dessen formidabler Illusionsarchitektur schämen müsste. Diese Vermittlungsleistung ist bemerkenswert und lässt hoffen auf die weiteren Stationen der Schlosssanierung. 2029 soll der Nordflügel fertig sein, 2032 wie gesagt alles andere. Das wären 13 Jahre. Der von Goethe konzipierte Wiederaufbau des abgebrannten Schlosses brauchte seinerzeit 14. Da hätten wir ihm mal etwas voraus. Zur Wiedereröffnung hat die Weimarer Kunstgesellschaft, der Freundeskreis der Klassik-Stiftung, den hochinteressanten, stark bebilderten Band „Das Schloss an der Ilm“ über die Baugeschichte des Ensembles herausgebracht. Er kostet 22 Euro.