FAZ 06.10.2026
07:27 Uhr

Standortwettbewerb: Die Risiken von Investitionen in China


Wenn deutsche Unternehmen sehr viel in China investieren, darf der deutsche Steuerzahler nicht für Verluste im geopolitischen Konfliktfall zahlen müssen. Das fordern zwei Ökonomen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft.

Standortwettbewerb: Die Risiken von Investitionen in China

Die großen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in und Abhängigkeiten von China stellen eine Gefahr für die Souveränität Deutschlands und für die deutschen Steuerzahler dar. Diesen Schluss ziehen Ökonomen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in einer Analyse der deutschen Auslandsinvestitionen seit 2010, die an diesem Dienstag veröffentlicht wird. Die Studie liegt der F.A.Z. exklusiv vor. Um die Risiken zu verringern, fordern die Ökonomen von der Bundesregierung ein klares Signal, dass deutsche Unternehmen für mögliche größere Verluste ihrer Tochterunternehmen in China im Falle eines geopolitischen Konflikts nicht von den deutschen Steuerzahlern herausgepaukt würden. Auch solle die Regierung sich bei Interessenkonflikten zwischen deutschen, in China tätigen Unternehmen und dem deutschen Standort klar für die Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland entscheiden, fordert das IW. Es gelte ferner, übermäßige Anreize für die Verlagerung von Aktivitäten nach China zu verhindern. Die Studie, die vom Auswärtigen Amt mitfinanziert wurde, kommt zu einer Zeit, in der die Europäische Union neue handelspolitische Instrumente gegen China diskutiert. Unter dem Stichwort Chinaschock klagen zudem die hiesige Automobilwirtschaft oder der Maschinenbau zunehmend über die Konkurrenz chinesischer Unternehmen an den Weltmärkten. Die Autoren der Studie, Samina Sultan und Jürgen Matthes, teilen diese Sorgen und raten zu entsprechenden Gegenmaßnahmen wie Ausgleichszöllen gegen chinesische Subventionen, die den internationalen Wettbewerb verzerrten. Neu an der Studie ist, dass das IW auf die Eigenverantwortung von Unternehmen und auf Konflikte zwischen privaten und öffentlichen Interessen in der Zusammenarbeit mit China hinweist. Im Fall des Technologietransfers an chinesische Unternehmen könne zum Beispiel ein Marktversagen in dem Sinne vermutet werden, dass ein deutsches Unternehmen nur seine eigenen Kosten kalkuliere und nicht die größeren gesamtwirtschaftlichen Schäden für Deutschland. Deshalb erscheine es umso problematischer, wenn deutsche Unternehmen nun freiwillig zunehmend Kooperationen mit chinesischen Partnern eingingen, heißt es. Indirekt beschreiben die Autoren eine Mitschuld der Regierung an den Abhängigkeiten von China. „Investitionsgarantien wie Hermes-Bürgschaften für deutsche Investitionen in China sollten nicht komplett gestrichen, aber deutlich begrenzt werden“, sagte Sultan vom IW. Im internationalen Vergleich zeigen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und China im vergangenen Vierteljahrhundert eine auffällige Unwucht. In Richtung Vereinigte Staaten haben die deutschen Direktinvestitionen sich seit dem Jahr 2010 mehr oder weniger parallel zum deutschen Export Richtung Amerika entwickelt. Die deutschen Direktinvestitionen und der Export in die USA haben sich in dem Zeitraum bis 2024 mehr als verdoppelt. Sultan interpretiert das als Zeichen einer tiefen wirtschaftlichen Verflechtung über den Atlantik hinweg. Vor allem die deutsche Chemieindustrie hat überproportional viel in Amerika investiert. Richtung China aber sind die deutschen Direktinvestitionen im vergangenen Vierteljahrhundert erheblich schneller gestiegen als der deutsche Export nach China. Gemessen am Bestand haben die deutschen Direktinvestitionen in China sich von 2010 bis 2024 rund vervierfacht, während der deutsche Export sich nur verdoppelte und zuletzt zurückging. In China sind es vor allem die deutschen Automobilhersteller, die überproportional viel dort investiert und geopolitische Risiken auf ihre Bilanz genommen haben. Insgesamt schreiben die Autoren deutschen Direktinvestitionen im Ausland positive Wirkung für die hiesige Wirtschaft zu. Wenn deutsche Unternehmen Kapital im Ausland investieren, geht es oft um die Erschließung neuer Märkte oder die Stärkung des Vertriebs in dem jeweiligen Land. Das hilft, wie im Beispiel der Vereinigten Staaten, dem deutschen Export. In Umfragen in jüngerer Zeit nennen hiesige Unternehmen freilich zunehmend niedrigere Kosten als ausschlaggebendes Motiv für weitere Direktinvestitionen im Ausland. Solche Auslandsinvestitionen gingen in der Tendenz zulasten der Investitionen im Inland, heißt es in der Studie: „Das ist ein Alarmzeichen, denn es zeigt, dass der Kostennachteil Deutschlands zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts gefährdet.“ Es bestehe dringender Handlungsbedarf, die Kostenlast hierzulande zu senken, etwa über geringere Bürokratie-, Energie- oder auch Arbeitskosten.