FAZ 01.10.2026
14:23 Uhr

Studie zu Ängsten: Die Deutschen sorgen sich um ihren Lebensstandard – und um die Politik


Besonders große Angst haben die Deutschen auch in diesem Jahr vor dem finanziellen Abstieg. Der Politik stellen sie ein schlechtes Zeugnis aus. Eine andere Sorge ist dagegen überraschend klein.

Studie zu Ängsten: Die Deutschen sorgen sich um ihren Lebensstandard – und um die Politik

Die Angst, die die meisten Deutschen umtreibt, ist zum fünften Mal in Folge die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten. „Insgesamt 59 Prozent der Bevölkerung fürchten, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht“, sagte Studienleiter Grischa Brower-Rabinowitsch bei der Vorstellung der repräsentativen Studie „Die Ängste der Deutschen“ am Donnerstag in Berlin. Für die Untersuchung werden im Auftrag der R+V Versicherung seit 1992 jährlich rund 2400 Deutsche von 14 Jahren an persönlich zu ihren Sorgen befragt. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten um sieben Prozentpunkte zugenommen. „Die Schlüsselpreise für Energie, Wohnen und Lebensmittel sind spürbar angestiegen“, sagte die Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki von der Philipps-Universität Marburg, die die Studie begleitet. Nach Jahren der Krisen würden Belastungssignale wie die steigenden Energiepreise „schneller als dauerhafte Risiken gelesen“. Besonders in Westdeutschland hat sich die Sorge vergrößert, Frauen sind zudem deutlich besorgter als Männer. Auf Platz zwei liegen Ängste vor einer Steuererhöhung sowie Leistungskürzungen. Sie haben um vier Prozentpunkte zugelegt. Die Debatten um Reformen der Pflege sowie Rente hätten das Thema in den Mittelpunkt gerückt, gleichzeitig sei unklar, welche Folgen die Reformbemühungen konkret hätten, sagte Borucki. Etwas mehr als die Hälfte der Deutschen fürchtet zudem eine schlechtere Wirtschaftslage. Diese Sorge hat um zehn Prozentpunkte zugenommen, es ist der größte Anstieg in diesem Jahr. Es gebe einen „wachsenden Zweifel daran, ob Deutschland seinen Wohlstand sichern kann“, so Borucki. Allein die Angst davor habe bereits Folgen: So würden etwa größere Anschaffungen wie ein Auto oder Haus überdacht und aufgeschoben. Die Hälfte der Befragten sorgt sich außerdem davor, dass Wohnen unbezahlbar wird. Politische Sorgen sind das zweite große Themenfeld Neben diesen finanziellen Ängsten beschäftigen die Deutschen auch Sorgen um die Politik: 52 Prozent fürchten, der Staat könnte durch Geflüchtete überfordert sein (Platz drei), Spannungen durch Zuzug aus dem Ausland sorgen 47 Prozent. Daran ändern laut Borucki auch die gesunkenen Zuwanderungszahlen nichts: Probleme bei Integration, in den Schulen sowie beim Wohnraum würden dadurch nicht sofort gelöst. Die Studie dokumentiert außerdem einen deutlichen Vertrauensverlust in die Politik. Die Angst, Politikerinnen und Politiker seien überfordert, stieg um sechs Prozentpunkte auf 48 Prozent. Damit liegt sie zwar deutlich unter ihrem Höchststand im Jahr 2003, allerdings stellten die Befragten Politikern sowohl in der Regierung als auch in der Opposition mit der Note 4,1 das schlechteste Zeugnis seit 2018 aus. Laut Borucki hat gerade die Regierung ihren anfänglichen Vertrauensbonus nach der Bundestagswahl 2025 wieder verloren, weil die Menschen seither keine echten Veränderungen in ihrem Alltag spürten. Vor diesen Entwicklungen in den Hintergrund gerückt ist die Weltpolitik: Sorge vor der Politik von Donald Trump hatten 45 Prozent, während seiner ersten Amtszeit erreichte der Wert bis zu 69 Prozent. Zudem war die Angst vor einer Machtzunahme autoritärer Herrscher im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufig, sie lag in diesem Jahr bei 41 Prozent. Borucki erklärte dies mit einem Gewöhnungseffekt nach Jahren der geopolitischen Krisen. Dazu komme, dass „der Blick der Bevölkerung eher nach innen gerichtet ist“. Auch die Angst vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung ist deutlich zurückgegangen: von 41 auf 34 Prozent. Angst vor dem Klimawandel erreicht Tiefstand Insgesamt seien die Deutschen aber nicht besonders verängstigt, stellt die Studie fest. Der Durchschnitt aller abgefragten Sorgen belief sich auf 38 Prozent und war im Vorjahr ähnlich niedrig. Der Spitzenwert war mit 52 Prozent vor zehn Jahren erreicht worden. Acht der abgefragten Ängste erreichten sogar ihren bislang niedrigsten gemessenen Wert, darunter trotz aller wirtschaftlichen Sorgen auch die Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Ebenfalls auf einem Tiefstand waren auch die Ängste vor Naturkatastrophen sowie vor dem Klimawandel mit 27 beziehungsweise 30 Prozent. Und das, obwohl der Befragungszeitraum von 11. Mai bis zum 29. Juli auch in die extreme Hitzewelle Ende Juni fiel. Das Ergebnis habe sie überrascht, so Borucki. Sie gehe auch hier von einem Gewöhnungseffekt aus. Gleichgültigkeit solle man daraus nicht ableiten: „Angst- und Problembewusstsein und Unterstützung für Maßnahmen sind unterschiedliche Größen.“ Für die Studie bewerten die Teilnehmer die abgefragten Ängste auf einer Skala von eins (keine Angst) bis sieben (sehr große Angst). Die Studie fasst die Angaben von fünf bis sieben als große Angst zusammen.