FAZ 06.10.2026
14:45 Uhr

Superstar Colson Whitehead: Gangster und Galeristen spielen dasselbe Spiel


Colson Whitehead lässt das schillernde, brutale New York der Achtzigerjahre auferstehen. Die Stadt verdrängt ihre Bewohner und erfindet sich neu. „Cool Machine“ ist der fulminante Abschluss seiner Harlem-Trilogie.

Superstar Colson Whitehead: Gangster und Galeristen spielen dasselbe Spiel

Das New York der Achtziger, das Colson Whitehead im Abschlussband seiner Harlem-Trilogie ausleuchtet, ist verfallen, krank und brutal. In den Häuserschluchten haust das Verbrechen. Die Stadt erinnert an Manhattan als Gefängnisinsel in John Carpenters Film „Die Klapperschlange“. Doch Whitehead erzählt keine Dystopie, sondern von einer Metropole im Übergang. Nach der Finanzkrise der Siebziger richtet sich New York wieder auf wie ein angeschlagener Boxer. Neubauten wachsen in den Himmel, in deren Schatten jedoch gedeihen auch Armut und Gewalt. In diesem Szenario begegnen wir Ray Carney nun just auf dem Höhepunkt seiner bürgerlichen Laufbahn. Er ist inzwischen Mitte fünfzig, führt seit 27 Jahren sein Möbelgeschäft an der 125. Straße und ist von Sterling Furniture gerade zum Händler des Monats gewählt worden, als erster Afroamerikaner in der Firmengeschichte. Der Erfolg wird ihm nicht einfach zugestanden. Im Interview mit dem jungen Redakteur der Hauszeitschrift gerät die Auszeichnung zur peinlichen Rassenepisode. Jesse Owens wurde einfach fallen gelassen Der Harvard-Absolvent tastet sich so unbeholfen an Carneys Biographie und erzählt, gerührt von sich selbst, wie er einst als einziges Kind mit dem schwarzen Jungen aus der Nachbarschaft spielte. Carney lässt die Zumutung über sich ergehen. Er weiß, dass man seinen Aufstieg jederzeit als Ausnahme abtun kann. Nach außen ist Carney Geschäftsmann, Familienvater und Fachmann für solide Möbel. Im Hinterzimmer handelt er weiterhin mit gestohlener Ware. Sosehr sich der Grenzgänger zwischen legaler und illegaler Wirtschaft nach Ruhe und Sicherheit sehnt, so wenig wird er die Unruhe des Verbrechens los. Besonders deutlich wird das, als seine Frau Elizabeth keinen Kredit für ihre Reiseagentur erhält. Carney beschafft sich das Geld auf seine Weise, indem er noch einmal bei einem Einbruch ins Waldorf Astoria mitmacht, um Beute zu machen, vor allem aber, um in den Besitz von Jesse Owens’ olympischer Goldmedaille zu gelangen. Denn als der einst schnellste Mann der Welt 1936 als Held aus Berlin zurückkehrte, bewunderte Amerika zwar seine Erfolge. Wohlstand brachten sie ihm jedoch nicht. Während weiße Sportler mit Werbeverträgen reich wurden, musste Owens, der 1980 verarmt starb, bei Wettrennen gegen Pferde antreten, um über die Runden zu kommen. Wer es nicht schafft, landet in der Unterwelt Im Roman wird die Medaille, die er verkaufte, um Schulden zu tilgen, zum Symbol für schwarze Leistung, rassistische Ausbeutung und die Frage, wem Geschichte gehört, wenn sie auf dem Memorabilienmarkt landet. Dabei stoßen Carney und die anderen Gauner, während sie den Coup vorbereiten, auf eine unterirdische Zeltstadt, die von Obdachlosen bewohnt und einem selbst ernannten Bürgermeister regiert wird. Die Unterwelt bildet die Kehrseite der neuen Bürotürme und Luxuswohnungen, in der all jene verschwinden, für die in der neuen Stadt kein Platz mehr ist. Whiteheads New York ist eine vertikale Gesellschaft: Je höher die Gebäude in den Himmel wachsen, desto tiefer fallen die Ausgeschlossenen. Whitehead durchbricht diese schicksalhafte Düsternis mit seiner eigentümlichen Komik, für die Nikolaus Stingl als Übersetzer ein gutes Gespür hat. Denn er erzählt von Eheproblemen und dem Empty-Nest-Syndrom ebenso rasant wie von Raubzügen und Killern. Seinen Möbelverkäufer lässt er über dynamische Lehnsessel, kurvige Sofas und spinnenartige Beistelltische schwärmen, als handele es sich um große Kunst oder eine Religion. Er ist überzeugt: „Es ist schwerer, einen guten Beistelltisch zu finden, als sich zu verlieben.“ Möbel sind für Carney keine bloßen Alltagsgegenstände. Sie versprechen Ordnung, Geschmack und Beständigkeit und widersetzen sich dem Chaos der Stadt. So zeichnet Whitehead das Porträt eines Zerrissenen, der in Möbeln Halt sucht. Im zweiten Romanteil treffen im damals noch schäbigen East Village Punk, Avantgarde, Drogen und Nachtleben aufeinander. Kulturelle Aneignung wird im gerade an Fahrt aufnehmenden Kunstmarkt verhandelt. Denn um eine Ngil-Maske aus Gabun entbrennt eine blutige Jagd. Die Pointe ist, dass die Maske bereits in der Kolonialzeit geraubt wurde. Die Jäger der Gegenwart streiten nun darum, wer über die Beute verfügen darf. Wer hat die besseren Kontakte, Waffen und Ausreden In „Cool Machine“ unterscheiden sich Galeristen und Gangster nur noch darin, wer die besseren Kontakte, Waffen und Ausreden hat. Wie schon in den Vorgängerromanen „Harlem Shuffle“ (2021) und „Die Regeln des Spiels“ (2023) -verbindet „Cool Machine“ eine Kriminalgeschichte mit einem historischen Panorama. Der erste Band führte in die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger, der zweite in die von Verfall und Gewalt geprägten Siebziger. Nun führt die Trilogie in die Reagan-Ära. Geschäfte verschwinden, Künstler, Arme und Hippies werden aus Harlem und dem East Village verdrängt. An ihre Stelle tritt eine wohlhabendere Schicht: die Yuppies. Das New York, das Whitehead schildert, ist grausam und schöpferisch zugleich. Die Stadt zerstört Lebensformen, aber sie bringt auch neue hervor. Darin liegt ihre Faszination. Dass sie fortbesteht, unabhängig davon, wer aufsteigt, scheitert oder stirbt. Das letzte Kapitel verdichtet diesen Gedanken in einem Bild. Autobesitzer legten damals ein Schild mit der Aufschrift „No Radio“ aufs Armaturenbrett, um Dieben zu signalisieren, dass es im Wagen nichts zu holen gab. Was als Schutzmaßnahme gedacht war, wird zum Eingeständnis der Schutzlosigkeit. Brecht lässt Macheath in der „Dreigroschenoper“ fragen: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Und so wie Carney mit gestohlener Ware handelt, verschieben Banken, Immobilienmagnaten und Kunstsammler Werte und Eigentumsverhältnisse auf Kosten anderer. Die Grenze zwischen ehrbarem Geschäft und organisierter Ausbeutung wird unscharf. Der Roman legt nahe, dass das Verbrechen nicht außerhalb der Gesellschaft steht. Es gehört zu ihrer Logik, wie im dritten Teil klar wird, als Carney den Sohn eines verstorbenen Cousins zu retten versucht. Damit will er eine alte Schuld begleichen. Whitehead hat einmal gesagt, dass er mit der Harlem-Trilogie eine heitere Gangstergeschichte schreiben wollte – als Gegenstück zu den ernsten Romanen „The Underground Railroad“ und „The Nickel Boys“. Die Leichtigkeit zeigt sich in den Möbelmonologen, den schrägen Nebenfiguren, den Abschweifungen und der Lakonie. Und es ist die Stadt seiner Kindheit, die er hier beschreibt. Whitehead wurde 1969 in New York geboren und ist dort aufgewachsen. New York ist die „Cool Machine“, die Stadt, die alles ständig umwälzt. Was den Roman lässig und klug macht, ist die Verknüpfung von Verspieltheit und historischer Schärfe. Die Stadtmaschine verschlingt die einen und spuckt die nächsten aus. Carney kann nur versuchen, nicht zwischen die Zahnräder zu geraten. Anhalten kann er sie nicht. Colson Whitehead: „Cool Machine“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag, München 2026. 448 S., geb., 27,– €.