FAZ 09.09.2026
14:56 Uhr

TV-Serie „Last Seen“: Er sucht seine verlorene Tochter seit Jahren


„Last Seen“ handelt von einem Ex-Polizisten, dessen Tochter entführt wurde und verschwand. Die Thrillerserie will etwas Besonderes sein. Ihrem Genre wird sie allerdings nur durch dramatisch anschwellende Musik gerecht.

TV-Serie „Last Seen“: Er sucht seine verlorene Tochter seit Jahren

Elf Jahre nach der Entführung seiner Tochter Maggie hat Ian Ridley (Patrick Brammall) ihren Verlust immer noch nicht überwunden. Seine Ehe ist längst zerbrochen, seinen Job als Polizist hat er infolge einer Alkoholsucht verloren. Seit Kurzem trocken, arbeitet Ian nun in einer Notrufzentrale in einem australischen Küstenort – und nimmt eines Abends den Anruf einer Teenagerin entgegen, in deren Stimme er seine verlorene Tochter zu erkennen meint. Ian beginnt sofort, auf eigene Faust zu ermitteln, jegliche Skepsis von anderen prallt an seiner wütenden Rastlosigkeit ab. Seine Suche nach Gewissheit steht im Mittelpunkt der sechsteiligen Serie „Last Seen“, deren erste beiden Folgen von heute an bei Apple TV verfügbar sind. Vielmehr muss man, ehrlich gesagt, auch nicht sehen. Denn die australische Produktion des Regisseurs Christian Schwochow („Bad Banks“, „Deutschstunde“) wird ihrem Genre vor allem durch dramatisch anschwellende Musik gerecht. Auf „Spannung und Nervenkitzel“, wie sie laut Duden einem Thriller eigen sind, wartet man vergebens. Da ist zum einen diese wahnsinnig unoriginelle, vorhersehbare Handlung. „Last Seen“ beruht auf dem Roman „Der Cop“ von Ryan David Jahn, den Drehbuchautor Kris Mrksa für die Serie adaptiert hat. Wieso bloß, fragt man sich. Ein ehemaliger Polizist, der nach einem Schicksalsschlag zum Säufer wird und dank seiner alten Kontakte die Möglichkeit hat, Einfluss auf laufende Ermittlungen zu nehmen? Gefühlt jede Neo-Noir-Produktion von den Achtzigerjahren an erzählt eine Variation dieser Geschichte. Nahezu alles, was geschieht, ist unrealistisch Hinzu kommt, dass nahezu alles, was geschieht, sehr unrealistisch ist. Und damit ist nicht der Grundkonflikt gemeint, der an das Verschwinden von Madeleine „Maddie“ McCann aus einer portugiesischen Ferienwohnung im Jahr 2007 erinnert. Die genauen Umstände der mutmaßlichen Entführung der damals Dreijährigen sind bis heute ungeklärt; fast 20 Jahre später gilt McCann offiziell weiterhin als vermisst. Auch dass Ian Ridley die etwas träge Ermittlungschefin Isabel Lena (Zahra Newman) und ihren Kollegen immer wieder davon überzeugen kann, ihn in die Ermittlungen eingreifen zu lassen, obwohl er diese permanent behindert – geschenkt. Nein, es sind vielmehr die zahlreichen Zufälle, die „Last Seen“ so langweilig machen. Zum Beispiel sind sämtliche wichtigen Personen miteinander vernetzt. So besitzt Ian genau eine engere Bezugsperson: Donald Reid (Daniel Henshall), mit dem er regelmäßig über seine Alkoholsucht spricht. Dessen Bruder Henry (Brendan Cowell) schaut derart grimmig drein, dass kein Zweifel besteht, wer hier der Bösewicht ist. Henry lebt mit seiner Frau Jenna (Maxine Peake) und Tochter Sarah (Chloe Jean Lourdes) in einem mysteriös abgeschiedenen Anwesen im Wald. Sarah wiederum sieht dem Vermisstenfoto von Klein-Maggie so ähnlich, dass von ihrem ersten Auftritt an kein Interpretationsspielraum bleibt, wo das Mädchen all die Jahre gewesen sein könnte. Wer nicht miteinander verwandt ist, läuft sich trotzdem absurd schnell über den Weg, etwa als Polizeibeamte losfahren wollen, um Henry zu befragen – und dieser just in diesem Moment auf der Wache auftaucht, um Ian wegen einer gefährlichen Autoverfolgungsjagd anzuzeigen. Praktisch. Das ist alles ist ein bisschen schade. Denn „Last Seen“ hätte durchaus Potential. So gibt es interessante Parallelen zwischen Ian und Henry, die beiden Vaterfiguren der Serie. Beide berufen sich auf den Schutz ihrer Familie, denken aber vor allem an sich selbst. Dieser Ambivalenz hätte die Serie mehr Raum geben können. Stattdessen besteht der größte Plot-Twist darin, dass die vermeintlichen Bösewichte auch Menschen mit Gefühlen und Schicksalsschlägen sind. Last Seen läuft auf Apple TV, die ersten beiden Folgen sind vom 9. September an verfügbar.