Was habe ich mir im vergangenen Jahrzehnt nicht alles anhören müssen über die angebliche Krypto-Revolution? Einfluss und Kontrolle von Staaten und Notenbanken entzogen, krisensicher, unknackbare Verschlüsselung, bestmögliche Wertaufbewahrungsoption, besser als Gold und überhaupt. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich mich hier in den Augen eines Krypto-Fans zu kurz fasse. Und dann das: Seit der Bitcoin in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres irgendwo zwischen 120.000 und 130.000 Dollar nicht mehr weiterkam und, wie berichtet, fürchterlich schlechte Signale entwickelte, ist nichts mehr, wie es war. Ripple und Ethereum haben sich gar gedrittelt. Ich erinnere mich gut an eine Fachmesse vor ein paar Jahren: Damals gab es fast keinen mehr, der mit mir nicht über Bitcoin und seinesgleichen sprechen wollte. Alle ließen keinen Zweifel daran, dass sie Oberkante Unterlippe investiert waren – schon immer. Gefühlt waren die Anwesenden im Besitz aller jemals „geminten“ Bitcoins. Was für ein Unterschied zu heute: Seit einem Jahr hat mich niemand mehr auf irgendein Krypto-Asset angesprochen. Nicht einer. Ein Schelm, wer vorgibt, nicht zu wissen, warum. Etablierte Abwärtstrends Schaue ich auf den Bitcoin-Chart oder auch auf die der vielen anderen Krypto-Charts wie die von Ripple, Ethereum und Co., ganz zu schweigen von den Meme-Coins, wird sich daran nicht viel ändern, wenigstens nicht in einer überschaubaren Zeit. Sie befinden sich samt und sonders in etablierten Abwärtstrends. Wie bei allen anderen Charts wird es erstens auch für diese Krypto-Assets extrem gute Gründe für eine untere Trendwende brauchen, und zweitens gilt bis dahin auch für sie der oberste Lehrsatz der technischen Analyse: The trend is your friend. Lassen Sie mich auf zwei der wichtigsten Gründe eingehen, warum ich weiter skeptisch für den Bitcoin bin, aber auch auf einen Grund, der den Optimisten Hoffnung geben kann. Fangen wir mit dem letztgenannten an. Es wird oben schon kurz angerissen: Keiner redet mehr über Bitcoin und seinesgleichen. Oft bedeutet dies, dass jedwede Euphorie aus dem Markt raus ist und große Ernüchterung, mancherorts wahrscheinlich sogar Angst, an ihre Stelle getreten ist. Wer investiert ist, schämt sich fast für sein Engagement und wird wohl kaum lauthals verkünden, wie tief er in den Miesen steckt. Der Markt könnte sich damit bereits in tiefschwarzer Stimmung befinden. Genau die eröffnet meist wenigstens kleine Chancen für die Optimisten. Damit zum ersten Punkt, der Skeptikern gefallen wird: Der Bitcoin befindet sich in einem stabilen Abwärtstrend, und diese Trends pflegen sich meist selbst dann fortzusetzen, wenn das kaum noch jemand für möglich erachtet. Es wäre sehr seltsam, wenn diese analytische Erkenntnis im Kryptobereich nicht gelten sollte. Die Charts unterscheiden sich von denen klassischer Indizes, Aktien, Rohstoffe et cetera so gut wie nicht. Ein zweiter Punkt, der an die Bären geht, ist die Unterbietung der ehemaligen Unterstützungszone zwischen rund 73.000 und 77.000 Dollar. In intakten Aufwärtsbewegungen kann eine Halbierung eines weit gestiegenen Charts zwar schon mal vorkommen. Aber nur sehr selten wird das einen Chart unter einen derart markanten Bereich besonders hoher Aufnahmebereitschaft drücken. Gemeinsam mit dem schon länger zurückliegenden Bruch des langfristigen Aufwärtstrends sind damit die klassischen Bedingungen für eine langfristig wirksame obere Trendwende erfüllt. Deshalb gilt – auch wenn in den nächsten Wochen, vielleicht sogar Monaten die unentschlossene Seitwärtsentwicklung rund um 60.000 Dollar noch anhalten könnte: Die Hauptrichtung des Bitcoins, vielleicht sogar für Jahre, wird die nach unten sein. Bereiche zwischen 47.000 und 53.000 Dollar sind für mich dabei mehr ein Zwischen- als das Endziel. Diese Prognose würde erst oberhalb von etwa 85.000 Dollar einen Knacks bekommen. Die Frage der Singularität der KI Natürlich bleibt mal wieder die Frage, warum sich alle von den Krypto-Assets abwenden. Eine der Antworten, die ich zuletzt las, war, dass Zocker sich nicht mehr an den Kryptomärkten, sondern in Halbleiter- und KI-Aktien austoben. Das mag noch vor ein paar Wochen gegolten haben. Mittlerweile herrscht aber auch dort Heulen und Zähneklappern, ohne dass die Kryptoszene davon bislang nachhaltig profitieren konnte. Ein anderer Aspekt könnte hinzukommen: Wenn ich die Fortschritte beim Quantencomputing richtig einordne, ist es nicht mehr ganz abwegig, zu erwarten, dass die Blockchain doch irgendwann in der überschaubaren Zukunft geknackt werden kann und damit eines der Kernargumente für Kryptos wegfiele. Damit würde natürlich auch jede andere Verschlüsselungstechnologie außerhalb der Quantenkryptographie hinfällig. Sollte dann noch die KI die Singularität erreichen oder bereits erreicht haben und sollten immer mehr Agenten beschließen, sich selbständig zu machen, könnte es eine gute Idee sein, sich Herrn Schwarzeneggers „Terminator“ noch einmal anzuschauen.
