FAZ 28.09.2026
10:32 Uhr

Thyssenkrupp: „Es gibt ein Momentum für Stahl“


Der Traditionskonzern Thyssenkrupp steckt in einem komplexen Umbau. Als Nächstes geht der Materialhandel an die Börse, dann soll die Stahlsparte folgen. Managerin Ilse Henne mischt überall mit.

Thyssenkrupp: „Es gibt ein Momentum für Stahl“

Jeden Tag um 18 Uhr telefoniert Ilse Henne mit ihrem Managementteam: „Was läuft bei dir? Kann ich dir helfen? Brauchst du was?“ Sie spricht von einer „sehr kurzen Abstimmungskultur“. Lange Vorstandssitzungen gebe es nicht. Wahrscheinlich muss das so sein. Denn die Vorstandsrolle, die sie meint, ist nur eine von gleich drei hochrangigen Machtpositionen, welche die Belgierin im Essener Industriekonzern Thyssenkrupp innehat: Henne ist zugleich Chefin der Materialhandelstochtergesellschaft, die seit Kurzem TK Accelis heißt, Mitglied des Vorstands des Mutterunternehmens Thyssenkrupp AG und Aufsichtsratschefin des ewigen Konzernsorgenkindes: der Stahlsparte. Thyssenkrupp befindet sich in einem komplexen, grundlegenden Umbau, und Ilse Henne vereint in einer Person so ziemlich alle Komponenten davon: In ihrer AG-Vorstandsrolle managt sie unter Konzernchef López und gemeinsam mit ihren drei weiteren Vorstandskollegen eine Neustrukturierung vom bunt gemischten Konglomerat zur schlanken Finanzholding mit eigenständigen Tochtergesellschaften. Als Chefin einer dieser Tochtergesellschaften stemmt sie außerdem aktuell den Börsengang der frisch per Minderheits-Spin-off aus dem Konzern herausgelösten TK Accelis, die mit Stahl, Metallen und Kunststoffen handelt, diese Materialien weiterverarbeitet und Kunden dazu Lieferkettenlösungen anbietet. Und als Aufsichtsratschefin von Thyssenkrupp Steel wacht sie über das nächste, aber auch komplizierteste Projekt der Konzernneuordnung: die geplante Verselbständigung der volatilen Stahlsparte, die aktuell in einem anspruchsvollen Sanierungsprozess steckt. Das zweite Kapitel der Neuordnung „Als wir 2024 als Konzernvorstandsteam angetreten sind, haben wir gesagt: Thyssenkrupp als Ganzes ist wahrscheinlich weniger wert als die Summe seiner Teile“, sagt Henne. Die Strategie ist daher, die einzelnen Geschäfte aus dem Konglomerat herauszulösen, eigenständig zu machen und sie schrittweise an den Kapitalmarkt zu bringen. Der Plan von Thyssenkrupp-Chef Miguel López, der intern den klangvollen Namen „Aces 2030“ trägt (Aces, wie die Asse im Kartenspiel), folgt dieser Logik: Der Konzern soll sich von einem breit aufgestellten Gemischtwarenladen zu einer Holding mit eigenständigen Tochtergesellschaften entwickeln. Der Minderheitsbörsengang von Hennes Sparte TK Accelis soll nach dem Listing des Militärschiffproduzenten TKMS vor rund einem Jahr das zweite Kapitel dieser Neuordnung werden: „Bis Ende des Kalenderjahres haben wir uns als Ziellinie gesetzt, dass TK Accelis an die Börse geht“, sagt die Managerin. TK Accelis hat 15.500 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von zuletzt 11,4 Milliarden Euro. Das Unternehmen hat rund 250.000 Kunden auf der ganzen Welt und verfügt über rund 380 Standorte in mehr als 30 Ländern. Der Markt erwartet, dass TK Accelis noch im Oktober an der Frankfurter Börse gelistet werden könnte. Der Konzern nennt zwar immer wieder den Börsenstart von Thyssenkrupps Marinesparte TKMS rund ein Jahr zuvor als Vorbild. Dieser war aber aufgrund der hohen Sonderkonjunktur in der Rüstungsbranche quasi ein Selbstläufer. Das gilt für den Materialhandel nicht unbedingt. Wann Henne den Börsenstart gelungen fände? „Wir werden nun natürlich darauf gucken: Was war unsere Sparte damals als Teil des Konglomerates wert und zu welchem Wert wird sie dann am Tag der Börsennotierung geboren?“ Zahlen will sie freilich nicht nennen, Thyssenkrupp äußere sich nicht zur Bewertung einzelner Sparten. Laut Geschäftsbericht 2024 betrug das damals eingesetzte Kapital (Capital Employed) der Materialhandelssparte 3,3 Milliarden Euro. Analysten der Bank of America bezifferten den heutigen Wert von TK Accelis zuletzt auf rund 3,5 Milliarden Euro. Drei klare Ziele für TK Accelis Henne hält sich eher an die Zielzahlen, die sie möglichen Investoren im Rahmen des jüngsten Kapitalmarkttages mitgegeben hat. „Mittelfristig möchten wir mit TK Accelis mehr als vier Prozent jährliches Umsatzwachstum erreichen“, sagt sie. An den Märkten versteht man darunter üblicherweise: in den nächsten drei bis fünf Jahren. Die bereinigte Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (bereinigte Ebitda-Marge) solle vier bis fünf Prozent betragen. Dafür hat sie im Wesentlichen drei Hebel identifiziert: Der erste sei es, mehr „höherwertige Dienstleistungen“ anzubieten. „Zum Beispiel heißt das: Statt das Material einfach zu verkaufen, werde ich es erst noch anarbeiten, biegen oder ein Loch reinbohren“, erläutert sie. Der zweite Hebel sei eine Expansion in Nordamerika. „Die Service-Center, die wir dort schon gebaut haben, wollen wir in Zukunft noch stärker auslasten und deshalb allein schon organisch dort wachsen“, sagt Henne. „Aber wir glauben auch, dass wir durch Zukäufe diese Reise weiter fortsetzen können.“ Der globale Werkstoffhandel ist sehr zersplittert, viele Fachleute halten eine weitere Konsolidierung der Branche für logisch. Der dritte Hebel seien schließlich Effizienzmaßnahmen, etwa durch Prozessoptimierung und KI. Stellen kosten muss das unterm Strich nicht. „Wir haben insgesamt eine Wachstumsgeschichte“, sagt Henne. Zukäufe und Kapazitätsausbau könnten den Personalbedarf stellenweise auch erhöhen. Als Nächstes soll der Stahl an die Reihe kommen Ganz anders klingt die Erzählung im Stahlbereich. Thyssenkrupp Steel Europe ist der größte Stahlhersteller Deutschlands. Der Industriekonzern sucht schon lange Partner für seine Stahltochtergesellschaft, doch zuletzt scheiterte der Versuch, sie an den indischen Jindal-Konzern zu veräußern. Andere Interessenten sind weit und breit nicht in Sicht, damit ist der Weg zu einem Verkauf an einen strategischen Interessenten vorerst versperrt. Nun rückt auch hier eine Verselbständigung über den Kapitalmarkt in den Blick. Für die Stahlsparte arbeiten aktuell noch rund 25.000 der etwa 90.000 Thyssenkrupp-Beschäftigten; bis zum Jahr 2030 soll ihre Zahl durch Abbau und Ausgliederungen auf rund 16.000 schrumpfen. Auch sonst steckt der Stahlbereich in einem harten Sanierungsprozess – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Kapitalmarktfähigkeit, von der Henne so viel spricht. Noch an diesem Montag will die Sparte anlässlich eines Kapitalmarkttages potentiellen Investoren diesen Umbau erklären. „Mit unserer Ankündigung eines Kapitalmarkttages für die Stahlsparte sind wir ganz klar bei unserer Strategie geblieben, sequenziell die einzelnen Geschäfte an den Markt zu bringen, wenn sie dafür reif sind“, so formuliert es Henne und lässt keinen Zweifel daran, dass der Stahlbereich der nächste sein könnte, der verselbständigt wird. „Diesen Weg werden wir jetzt angehen, und es ist auch der richtige Moment, um das zu beschleunigen“, sagt sie. Auch abgesehen von der begonnenen Restrukturierung gebe es in der EU gerade „ein Momentum für Stahl“, ist sie überzeugt. „Es gibt einen Glauben im Markt daran, dass die neue Regulatorik hilft, ob es jetzt Handelsschutz ist oder die Hoffnung auf künftige weitere Regulatorik zum Einsatz von grünem Stahl in Autos.“ „Vertrauen reduziert Komplexität“ Ein paar Unterschiede zu den Verselbständigungsprozessen von TKMS und TK Accelis gibt es aber. Thyssenkrupp wolle als Konzernmuttergesellschaft nicht zwingend an einer Mehrheitsbeteiligung festhalten. Auch ob die Stahlabspaltung schon im kommenden Jahr vollzogen werden wird – daran macht Ilse Henne ein Fragezeichen. „Wir haben immer transparent gesagt, was wir uns unter Kapitalmarktfähigkeit vorstellen: Ist die Performance stark genug und hat das Unternehmen einen ausreichenden Reifegrad, um allein zu bestehen?“ Thyssenkrupp Steel sei dabei schon „einen gewissen Weg gegangen, aber noch nicht am Ende“. Dass Henne auch an ihrer Aufgabe für das Konzernsorgenkind Stahl nach eigener Aussage „sehr viel Spaß“ hat, passt zu ihrem Führungsprinzip. Sie versuche möglichst wenig Mikromanagement zu betreiben und möglichst viel in ihre Teams zu delegieren. Oder in ihren Worten: „Vertrauen reduziert Komplexität.“ Arbeitsintensität reduziert es allerdings nur bedingt. Henne berichtet, es vergehe momentan kaum ein Tag, der später als um acht Uhr morgens beginnt oder früher als 22 Uhr, nach einem Arbeitsabendessen, endet. Sie lächelt darüber hinweg. „Ich sehe es als Privileg, dass ich all das tun darf.“