In Madrid staunt man nur. Der spanische Ministerpräsident hat sich mit seinem „Nein“ zum Irankrieg Donald Trump zum Feind gemacht, aber dafür viele Freunde in der Türkei hinzugewonnen. Angesichts der großen türkischen Zuneigung schickte Pedro Sánchez auf der Plattform X schon „einen Gruß an meine türkische Twitter-Community“. In dem beigefügten Video von einer Wahlkampfveranstaltung in Soria flattert eine türkische Nationalflagge, die offenbar ein türkischer PSOE-Anhänger in die spanische Provinz mitgebracht hatte. Auf X dankten türkische Nutzer Sánchez für seine „entschiedene Haltung gegen Krieg und Gewalt“ und seine „Prinzipientreue“. Das Video aus Soria wurde mehr als fünf Millionen Mal angesehen, schreibt die spanische Zeitung „El País“ in einer Kolumne mit der Überschrift: „Sánchez verführt die Türken“. Einen Höhepunkt erreichten die türkischen Elogen auf Spaniens Ministerpräsidenten vergangene Woche beim Fußballspiel Samsunspor gegen Rayo Vallecano. Türkische Fans in Samsun begrüßten überschwänglich die angereisten Spanier, sangen spanische Lieder und skandierten „Pedro Sánchez, Atatürk“. Unterschwellig wollten sie damit wohl auch Kritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan üben, der den israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran zwar als rechtswidrig kritisiert hat, aber aus Sicht vieler Türken nicht harsch genug. Nachrichtensprecherin wendet sich direkt an Sánchez Befeuert wurde der türkisch-spanische Austausch in sozialen Medien durch Ece Üner. Die Nachrichtensprecherin des oppositionsnahen türkischen Senders Halk TV wandte sich am Ende der Hauptnachrichten auf Spanisch an den Regierungschef in Madrid: „Danke, dass Sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen und das Gewissen der Menschheit repräsentieren, Sánchez.“ Ähnlich hatte Sánchez schon die Position seines Landes im Gazakrieg beschrieben, was ihm auch damals Sympathien in der Türkei einbrachte. Auf X wurde das Video von Halk TV laut Medienberichten mehr als 15 Millionen Mal aufgerufen. Noch nie sei ein spanischer Regierungschef so von der Welt gelobt worden, kommentiert stolz ein spanischer Instagram-Nutzer. Selbst in die in Spanien populäre satirische Late-Night-Show des Komikers El Gran Wyoming schaffte es der Pazifist Sánchez. Dort fügte man Untertitel auf Türkisch hinzu, begleitet von vermeintlichen Eilmeldungen wie „Yaşasin kebap, ölüm hamburger“ (auf Deutsch: Es lebe der Kebab und Tod dem Hamburger!). Die spanische Zeitung „ABC“ nennt die Begeisterung ein Social-Media-Phänomen, „das Bewunderung, Spott und Misstrauen hervorruft“. Ungläubig rätselte man besonders im konservativen Lager darüber, ob „Bots“ mitwirkten, den Chef der spanischen Minderheitsregierung in der Türkei so populär zu machen. Lob für die verbotene Nutzung von US-Stützpunkten für den Irankrieg Vielleicht waren Bots dafür gar nicht nötig. In der Türkei mit ihren knapp 90 Millionen Einwohnern sind das rechte und das linke Lager vereint in ihrer Kritik am Irankrieg. Bisweilen gleitet das in eine Verherrlichung des iranischen Regimes ab, etwa wenn der Oberste Führer Ali Khamenei dafür gepriesen wird, dass er sich am ersten Kriegstag „mutig“ dem Tod gestellt habe, statt sich in einem Bunker zu verstecken. Die größte türkische Oppositionspartei CHP, die zur gleichen Parteifamilie zählt wie die spanische PSOE, sandte ebenfalls Liebesgrüße nach Madrid. „Lieber Freund Pedro, wir gratulieren dir zu deiner ehrenhaften Haltung gegen die Aggressionen der USA und Israels“, schrieb der Vorsitzende Özgür Özel. Er lobte, dass die spanische Regierung amerikanischen Militärflugzeugen verbot, US-Stützpunkte für den Irankrieg zu nutzen. Doch auch die türkische Regierung wollte da nicht abseitsstehen. Das Verteidigungsministerium postete ein gemeinsames Foto eines türkischen und eines spanischen NATO-Soldaten. Dazu den Satz: „Die Freundschaft siegt, weil unsere Herzen beieinander sind.“ Schon seit Jahren ist eine spanische Patriot-Batterie in der Türkei stationiert, was angesichts der drei abgefangenen Raketen, die Iran in den vergangenen Wochen in Richtung Türkei gefeuert hatte, wieder ins türkische Bewusstsein gerückt ist. Nach spanischen Angaben war das System am Abschuss einer der drei Raketen beteiligt. Ein gemeinsamer Kampf „gegen den Imperialismus“ Selbst die islamistische regierungsnahe Zeitung „Yeni Şafak“ schrieb eine Eloge auf Sánchez und den gemeinsamen Kampf „gegen den Imperialismus“. Dankbar wurde im Internet auch erwähnt, dass spanische Hilfsmannschaften zu den Ersten gehörten, die nach dem großen Erdbeben im Februar 2023 in der Türkei halfen. Spanien bemüht sich schon länger um ein gutes Verhältnis zu dem NATO-Land Türkei. Sánchez lobte es im vergangenen Jahr während eines Besuchs in Istanbul als einen „strategischen“ Partner. Die spanischen Exporte in die Türkei beliefen sich im vergangenen Jahr auf knapp zehn Milliarden Euro, aus der Türkei nach Spanien sind sie ähnlich hoch. Gut 700 spanische Unternehmen sind in der Türkei aktiv. In Ankara preist man die türkisch-spanische Kooperation im Rüstungssektor. Der türkische Journalist Özgür Hasan Altuncu rief auf X dazu auf, bei Spaniern zu kaufen: „Um unsere Unterstützung für Spanien und seinen vorbildlichen Präsidenten Pedro Sánchez zu zeigen, werden wir Zara und Bershka häufiger in unseren Kleiderschrank aufnehmen, unsere Finanzdienstleistungen verstärkt über BBVA abwickeln und SEAT und Cupra uneingeschränkt empfehlen. Denn manchmal zeigt sich die stärkste Solidarität in einfachen Entscheidungen.“
