Besonders klug war der Essay des Anthropic-Chefs Dario Amodei in Bezug auf China nicht. Erst forderte der amerikanische KI-Unternehmer, den Vorsprung gegenüber chinesischen KI-Modellen auf drei bis fünf Jahre zu vergrößern. Nur um einen Absatz später zu schreiben, dass „die globale Steuerung des Tempos“ der KI-Entwicklung eine „Zusammenarbeit mit China“ erfordere. Amodei scheint nicht darüber nachgedacht zu haben, wie eine solche Botschaft in China ankommen muss. Auch scheint er nicht verstanden zu haben, wie groß die Herausforderung durch China für Amerikas technologische und geopolitische Macht ist. Die USA haben aktuell keine wirksamen Druckmittel, um Chinas KI-Entwicklung auszubremsen. China hat im Gegenzug mit seinen Seltenen Erden erhebliche Möglichkeiten, allzu konfrontative Handlungen der USA zu unterbinden. Sollten die Amodeis, Altmans und Musks dieser Welt ihre Warnungen ernst nehmen, dass KI die Existenz der Menschheit gefährde, müssten sie eine KI-Kooperation mit China auf Augenhöhe akzeptieren. Andernfalls wird sich China darauf verständlicherweise nicht einlassen und der geopolitische Wettbewerb die KI-Entwicklung ungebremst weitertreiben. Die Unternehmer sind das Problem, nicht Xi Dass sich US-Präsident Donald Trump bisher skeptisch in Bezug auf eine globale Steuerung der Geschwindigkeit äußert, muss nichts heißen. Erstens ändert er seine Meinung bekanntlich schnell, zweitens hilft diese öffentlich geäußerte Skepsis in Verhandlungen. Hätte er sich hinter die Forderung gestellt, wäre seine Verhandlungsposition viel schlechter und China hätte im Gegenzug für KI-Kooperation Konzessionen verlangen können. Durch Trumps Skepsis könnte die KI-Kooperation für die USA preiswerter werden. Dass beide Seiten Anfang der Woche Gespräche zu KI bestätigt haben, ist ein gutes Zeichen, dass Fortschritte möglich sind. Es ist unwahrscheinlich, dass sein Team das Thema vorantreiben würde, hätte Trump kein grünes Licht gegeben. Die Vergleiche einer solchen KI-Kooperation mit den Atomwaffenabkommen zwischen den USA und Russland sind naheliegend, aber falsch. Denn die entscheidende Herausforderung für diese Steuerung wird nicht die Frage der geopolitischen Kooperation sein. Nichts ist Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping so wichtig wie Stabilität und Kontrolle. Sein Geheimdienst hat die KI gerade als Gefahr für die Sicherheit des Regimes identifiziert. Wenn ein Abkommen mit den USA die Gefahr mindert, dass eine allwissende KI die Kommunistische Partei gefährdet, dürfte ihm das nur recht sein. Dafür aber muss es eine Kooperation auf Augenhöhe sein, weil Xi einen technologischen Rückstand gegenüber den USA ebenso als Gefährdung seiner Macht sieht. Die viel größere Herausforderung ist es, ein geopolitisches Abkommen in nationale Mechanismen zu übersetzen, die die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung in den Unternehmen tatsächlich wirksam kontrollieren. In den USA stehen Anthropic, Open AI, Meta und Alphabet in einem intensiven Wettbewerb und haben Interesse daran, neue Modelle mit herausragenden Fähigkeiten schnell auf den Markt zu bringen, Kunden zu gewinnen und Investoren träumen zu lassen. Eine Regulierung müsste verhindern, dass dieser Wettbewerb sie rücksichtslos werden lässt. Die nachträgliche Regulierung durch Produkthaftungsklagen, die dem amerikanischen Kapitalismus mehr Dynamik verleiht als dem europäischen, ist dafür offensichtlich ungeeignet. In China ist die Herausforderung, dass es sich bei den führenden KI-Entwicklern um recht kleine Unternehmen handelt, mit Ausnahme von Alibaba, dem Qwen-Entwickler. Deepseek, Moonshot AI (der Entwickler der Kimi-Modelle), Minimax oder Zhipu AI sind Start-ups. Moonshot etwa hat nur rund 300 Mitarbeiter. Unternehmen dieser Größe können ihre Relevanz vor allem durch neue, leistungsfähigere Modelle unter Beweis stellen, weniger durch bessere Dienstleistungen. Sie haben weniger zu verlieren und deshalb einen größeren Anreiz, Risiken einzugehen. Theoretisch unterstehen sie zwar der Kontrolle Pekings, in der Praxis aber ist der chinesische Kapitalismus bis heute wilder und ungezügelter als der europäische. Der Deepseek-Gründer Liang Wenfeng hat immer wieder gesagt, dass sein Ziel die Allgemeine Künstliche Intelligenz ist, also eine Art Superintelligenz. Der Alibaba-Chef Eddie Wu hat sich gerade ähnlich technologieoptimistisch geäußert und will die Menschheit von der Last des Denkens befreien. Darin liegt der wesentliche Unterschied zu den Atomwaffen. Die Einzigen, die diese bisher unter ihre Kontrolle gebracht haben, waren Staatschefs.
