„So, jetzt könnt ihr Bilder für Instagram machen“, flötet es durch den Raum. Das lässt sich niemand zweimal sagen, und sofort werden Ringlicht und Requisiten platziert und das schönste Sonntagslächeln aufgesetzt. Das Spiel kennt jeder, der soziale Medien nutzt: Wenn Influencer zu besonders prestigeträchtigen Veranstaltungen eingeladen werden, muss die Inszenierung perfekt sein. So ist es auch an diesem Tag Ende April, an dem das philippinische Generalkonsulat in Frankfurt am Main zu einem exklusiven Event einlädt. Mit dem feinen Unterschied, dass diesmal nicht die reichweitenstarken Content-Creators im Vordergrund stehen, sondern eine Wurzelknolle aus Südostasien namens Ube (ausgesprochen: „ooh-bay“). Der Anlass der Veranstaltung ist, den geladenen Gästen zu zeigen, dass Ube mehr ist als nur eine Zutat für den Ube-Latte, der als Trendgetränk des kommenden Sommers gilt. Denn gerade in den sozialen Medien wird man immer wieder auf den violetten Drink mit dem hohen Wiedererkennungswert aufmerksam gemacht. Unter dem Begriff „Ube“ finden sich aktuell mehr als 750.000 Beiträge auf Instagram in den schillerndsten Inszenierungen des Getränks. Täglich werden es mehr. „Geschmack des Jahres“ Dabei hat Ube seinen Weg in den Westen längst angetreten – nur hat es kaum jemand gemerkt. Als vor einigen Jahren die ersten Bubble-Tea-Shops ihre Türen in Deutschland eröffneten, gab es auch schon Ube als möglichen Zusatz. Im Jahr 2024 kürte der Siruphersteller Monin Ube zum „Geschmack des Jahres“, und seit Jahren finden Festivals auf der ganzen Welt zu Ehren der Knolle statt. Doch auf einmal mausert sich Ube vom Nischen- zum Trendprodukt – möglicherweise auch, weil man der lila Knolle aktuell immer häufiger in der Fußgängerzone begegnet. Bei der größten Kaffeehauskette der Welt etwa: Starbucks bietet die Ube derzeit in verschiedenen Latte-Varianten an. Die Kreationen kosten sechs bis sieben Euro, der Ube-Latte schmeckt nussig-süß. Beworben wird Ube in vielen Cafés häufig nicht nur mit dem violetten Aussehen, sondern auch mit der vermeintlich positiven Wirkung auf die Gesundheit – sie soll viele Antioxidantien und Ballaststoffe enthalten. Was das im Alltag bedeutet, zeigt ein Besuch im Café Schee in Erzhausen – einem kleinen, inhabergeführten Café in Südhessen. Hier steht der Ube-Latte schon seit 2023 auf der Karte. Das Getränk wird häufig und gern bestellt, sagt Inhaber Michael Heidicker. „Viele neue Kunden kommen von überallher, auch aus anderen Städten, um bei uns das Getränk zum ersten Mal zu probieren.“ Längst verkaufe er auch andere Produkte mit der Knolle, wie zum Beispiel Ube-Käsekuchen oder Ube-Tiramisu. Doch wieso unternehmen Menschen so weite Reisen nur für ein Getränk? Die Antwort kennt Trendexperte Hartwin Maas vom Institut für Generationenforschung in Augsburg. Er beschäftigt sich seit Jahren mit neuen Konsumtrends. „Das Getränk ist so beliebt, weil es neu ist und man es überall in den sozialen Medien sieht“, sagt Maas. „Die asiatische Küche ist vielseitig, bunt und gesund. Damit trifft man heutzutage einen Nerv“, sagt er. Stichwort: Longevity – der Wunsch, möglichst lange gesund zu leben, prägt inzwischen auch Konsumentscheidungen. Alle wollen länger, gesünder, besser und individueller leben, aber eben nicht zu individuell, sagt Maas. Laut dem Generationenforscher wolle man im Mainstream, also der gesellschaftlichen Mitte, bleiben und dazugehören, ein Teil vom großen Ganzen sein – und trotzdem herausstechen. „Wenn man so ein Getränk vor sich hat, macht man schnell ein Foto davon und hat damit ein spannendes Leben auf Social Media inszeniert“, sagt der Experte. Man will gesehen, wahrgenommen, bewundert werden. Zudem ist Maas überzeugt: „Der Ube-Latte bedient diese Bedürfnisse“ – und der Hype um die Knolle, so seine Einschätzung, hat gerade erst begonnen. Eine Sache trübt die Freude Bevor Ube in Pulverform aber die trendigen Lattes deutscher Cafés erreicht, legt die Knolle zunächst mehr als 10.000 Kilometer aus Asien zurück. Denn Ube wird vor allem auf den Philippinen angebaut, und das schon sehr lange: Die bislang ältesten Belege für Ube, in Form von Rückständen in Gesteinsschichten, werden laut dem Nationalmuseum der Philippinen zwischen 8250 und 3050 v. Chr. datiert und stammen aus der Ille-Höhle in Palawan. Seither ist die Yamsart aus der philippinischen Küche nicht mehr wegzudenken, alte Familienrezepte werden von Generation zu Generation weitergegeben. Ube wird zudem in Süßspeisen und in herzhaften Speisen verwendet. Zum Beispiel für „Ube-Siopao“ – das sind gedämpfte Teigtaschen mit Ube. Wegen der großen Relevanz in der philippinischen Küche ist Ube für viele Filipinos längst mehr als eine Zutat, die Wurzelknolle ist Teil ihrer Identität. Auch wenn sich die philippinische Community eigentlich über die steigende Beliebtheit von Ube freut, trübt eine Sache die Freude. „Dass Starbucks Ube-Lattes verkauft, die nicht authentisch sind und gar nicht nach Ube schmecken, ärgert uns“, sagt Jenny Reith. Sie hat philippinische Wurzeln und gehört dem Halo-Halo-Netzwerk an, einem Netzwerk von Filipinos und Menschen mit philippinischem Hintergrund im deutschsprachigen Raum. „Viele aus unserer Community haben das Gefühl, dass sich wieder ein großes Unternehmen an unserer Kultur bereichert. Unsere Kultur wird ausgeschlachtet, ohne näher auf sie einzugehen“, so Reith. Sie und viele andere wünschen sich seitens der Cafés mehr Transparenz und Informationen für Kunden: nicht nur eine Einordnung der Relevanz von Ube in der philippinischen Esskultur, sondern auch mehr Klarheit über die Herkunft des verwendeten Ube-Pulvers. Ganz besonders wichtig sei ihnen, dass alle Beteiligten entlang der Lieferkette profitieren – auch die Bauern und Händler vor Ort, die in den Regionen Bohol, Cebu oder Batangas Ube als Grundnahrungsmittel anbauen und vertreiben. Einer dieser Händler ist Alonzo Nieves aus Batangas. Er verkauft die Erzeugnisse der philippinischen Bauern aus den Provinzen weiter. Seine Familie handelt schon seit Generationen mit der Yamswurzelart. Nieves hat einen Versandhandel für Ube gegründet, der insbesondere von Großhändlern aus Europa gut angenommen wird. „Deutschland, die Schweiz und Frankreich sind unsere größten Märkte“, antwortet er auf eine Anfrage der F.A.S. Nieves ist stolz darauf, Ube als wichtigen Bestandteil der philippinischen Esskultur in die Welt zu tragen. Die Nachfrage sei stark gestiegen; seit Februar bekomme er fast 800 Prozent mehr Anfragen aus Europa als sonst. „Das Ube-Pulver ist gerade dort sehr beliebt.“ Er verkauft auch Pasten und ganze Wurzelknollen, aber am besten laufe das Pulver. Das ist der Hauptbestandteil von Heißgetränken wie dem Ube-Latte. Es ist sogar so beliebt, dass Nieves befürchtet, bei Bestellungen in Verzug zu kommen. Gerade ist Nebensaison für Ube auf den Philippinen, was zu Lieferengpässen führen kann. Oft sind es noch kleine Bauern und Händler vor Ort, die versuchen, die große Nachfrage aus der ganzen Welt zu stemmen. Nieves freut sich über den Trend und tüftelt aktuell schon an neuen Produktideen. Was er plant? Einen neuen Pulvermix für Ube-Kaltgetränke im Sommer. In Frankfurt neigt sich das Influencer-Event dem Ende zu. Die Ringlichter sind ausgeschaltet, die Teller geleert. Die Gäste nehmen Ube-Pulver als Geschenk mit – und vielleicht auch das Bewusstsein, dass hinter dem violetten Getränk mehr steckt als nur ein schönes Foto für Social Media.
