In welchen Bereichen haben vereinfachende numerische Bewertungssysteme eigentlich noch nicht die Führung übernommen? Professionelle Weintester ermitteln etwa ihre Bewertungen nicht nur, indem sie die Kostproben der Jahrgänge ausspucken, sie verbieten sich auch jeden Bissen einer begleitenden Speise, um sich nicht von der Kombination aus Wein und einem Gericht beeinflussen zu lassen. Dieser Ansatz führt für C. Thi Nguyen, Philosoph und ehemaliger Food-Journalist, in eine verfälschende Sackgasse. In seinem neuen Buch „The Score“ schreibt er: „Wie könnte man einen ‚besten‘ Wein bewerten, wenn er nur zusammen mit Tomatensoße fantastisch schmeckt, aber zusammen mit allem anderen einfach nur fad erscheint? Um dieses Problem zu lösen, schaffen wir einen künstlich stabilisierten Kontext, aus dem wir die Vielfalt möglicher Trinksituationen heraushalten.“ Wenn man sich diesem Bewertungssystem anschließe, habe man aber trotzdem implizit eine bestimmte Wertentscheidung gekauft – nämlich die, dass eine objektive Punktevergabe wichtiger ist als das Verhältnis von Wein und Essen. Immer mehr Menschen entscheiden mittels Scores Wenn man also Weine auf Zahlen, Diagramme und Algorithmen reduziert, lässt man sich von kompetitiven Rankings beeindrucken, die viele der eigentlichen Gründe für den Weingenuss ausblenden. Zu allem Überfluss führen höhere Punktzahlen über höhere Umsätze zu sogenannten Fruchtbomben, gemeint sind Weine mit „kräftigen, bombastischen Aromen“, die aber gerade mit Speisen nicht harmonieren. Trotzdem haben Winzer angefangen, mehr von diesen gut bewerteten Weinen zu produzieren, und auch Einzelhändler preisen sie an. Das Beispiel Wein ist für Nguyen aber nur das Symptom einer generell verkehrten Neigung, die dazu führe, dass sich immer mehr Menschen für Scores entscheiden, die auf dem perfekten Weg zum Erfolg nicht nur die ursprünglichen Vorlieben nicht adäquat erfassen, sondern auch die eigenen Werte verändern. Die Nutzer dieser Systeme verinnerlichen so lange Kennzahlen, bis sie die eigenen Prioritäten verändert haben. Ein Prozess, der insbesondere für Technologieunternehmen lukrativ sei. Die unreflektierte Fixierung auf Kennzahlen mache die „Objektivitätswäsche“ erst möglich, so Nguyen. Politiker könnten deshalb ihre Verantwortung bei Entscheidungen über Schulen oder Krankenhäuser hinter vermeintlich unparteiischen Zahlen verschleiern. Nguyen belegt diese These mit unzähligen Beispielen aus dem Alltag, von Gesundheitsoptimierung vortäuschenden Fitness-Trackern über Journalisten, die sich auf reißerische Artikel einlassen, um mehr Nutzerzahlen und damit Werbekunden zu generieren, bis zu Sprach-Lernapps und sozialen Medien, die Likes, Retweets und Follower erfassen, aber damit nicht zwingend eine Erweiterung des Wissens garantieren. Was tatsächlich zählt, liegt jenseits der Messung Nguyen nennt diese Diskrepanz die Lücke zwischen dem, was gemessen wird, und dem, was tatsächlich zähle. Auch wenn Rankings positive Funktionen erfüllen können, sollte das Auslassen von Vielfalt und Differenzierung bedacht werden. Bewusst geworden über diese Lücke ist sich Nguyen an der University of Utah, wo er feststellen musste, dass alle großen Philosophie-Fakultäten den Rankings zweier Websites folgten. Um in diesen aufzutauchen, musste er „kurze, präzise Artikel über ziemlich obskure technische Angelegenheiten schreiben“. Dadurch hätte er aufgehört, den Fragen nachzugehen, die ihn wirklich beschäftigten. Nicht besser erging es juristischen Fakultäten, die sich früher über ihre schwer quantifizierbaren Schwerpunkte definierten, die von den Ranglisten aber ignoriert wurden, was zum Verlust von Fördermitteln und Studierenden führte. Nguyen erklärt, nach welchen Prinzipien standardisierte Rankings aufgebaut sind, und bezweifelt den Sinn ihrer Optimierung, da sie ja bewusst unterkomplex gestaltet worden seien, um leichter Entscheidungen treffen zu können. Er veranschaulicht diese und andere Einwände unterhaltsam – mit einer Mischung aus selbstironischen Anekdoten, grandios ineffizienten Abschweifungen zu seinen diversen Hobbys und klug gewählten Beispielen aus der Praxis. Die Jagd nach Wertmaximierung, glaubt er, führe zu einer „verengten Sichtweise, die sich aus der allzu genauen Definition eines Ziels ergibt“. Eine ästhetische Haltung sei das Gegenteil davon, weil sie die Welt ohne scharf umrissene Ziele angehe. Die Kunst als Ausweg aus der omnipräsenten Zahlenfalle? Wenn man sie als Spiel begreife, könne man diese Frage bejahen, so Nguyen. „Sie ist eine Erinnerung daran, wie das Leben ist, wenn es zutiefst ungeordnet ist“. Welchen Preis man für diese Art der ästhetischen Verweigerung in einer Leistungsökonomie zahlen wird, verschweigt er allerdings. C. Thi Nguyen: „Der Score“. Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. C.H. Beck, München 2026. 377 S., geb., 28,– €.
