In Vietnam sind laut einem Bericht im Zusammenhang mit einer Biographie des Staatsgründers Ho Chi Minh seit Juni mindestens fünf Menschen verhaftet worden. Ihnen werden Human Rights Watch (HRW) zufolge Verstöße gegen die nationale Sicherheit vorgeworfen. Das Buch war nach seinem Erscheinen im April in einem staatlichen Verlag zunächst positiv aufgenommen worden. Es schildert das Leben des Revolutionsführers anhand von Dialogen zwischen einem Lehrer und einem Schüler. Das Buch bediene sich einer modernen Umgangssprache, um Ho Chi Minh und sein Denken „für jüngere Vietnamesen greifbar zu machen“, so HRW. Doch Wochen nach dem Erscheinen übten einige einflussreiche Figuren scharfe Kritik an dem Werk. Der frühere Provinzfunktionär und Armeeveteran Phan Trung Can bezeichnete es dem australischen Vietnam-Fachmann Carl Thayer zufolge als „anstößig“. Er warf den Autoren vor, „die akademische Freiheit zu missbrauchen, um die Geschichte zu verfälschen“. Als fühlten sie sich bei einem Fehler ertappt, reagierten die Behörden mit großer Härte. Den fünf Beschuldigten, darunter dem bekannten Autor Nguyen Thanh Nam und mehreren Führungskräften des Verlags, drohen bei einer Verurteilung bis zu 20 Jahre Haft. Ihnen werde nach Artikel 117 des Strafgesetzbuches „Propaganda gegen den Staat“ vorgeworfen. Der Verlag musste sich entschuldigen und das Buch aus dem Handel nehmen. Die Zeitungen mussten ihre Rezensionen löschen und ebenfalls Geldstrafen bezahlen. Journalisten wurden verwarnt, suspendiert oder entlassen. Regimetreue Loyalisten mit den besten Absichten Die Menschenrechtsorganisation sieht in den Verhaftungen ein Beispiel für das repressive Vorgehen des Staats gegen Kritiker und unerwünschtes Gedankengut unter dem neuen Staats- und Parteichef To Lam. Die Welle von Festnahmen sende „eine erschreckende Botschaft an alle vietnamesischen Autoren, Journalisten und Verleger“, sagte HRW-Asien-Direktorin Elaine Pearson. „Die heftige Reaktion auf das Buch lässt vermuten, dass selbst prominente Vertreter des Establishments aus Wirtschaft, Verlagswesen und Medien vor den Hardlinern der Kommunistischen Partei nicht sicher sind“, so Pearson. Ungewöhnlich erscheinen die Maßnahmen, weil es sich bei den Beteiligten um regimetreue Loyalisten handeln soll, die mit der Veröffentlichung eigentlich die besten Absichten gehabt hatten – jedenfalls im Sinne der vietnamesischen Staatsideologie, unter der Ho Chi Minh bis heute als Nationalheld verehrt wird. Dem Vietnam-Experten Thayer zufolge unterrichtete der Autor, der außerdem Gründer eines bekannten Technologieunternehmens ist, einst „Führung im Stil von Onkel Ho“ für Manager und „Ho-Chi-Minh-Gedankengut“ an einer Universität. Der Wirbel um die Ho-Chi-Minh-Biographie zeigt somit auch, wie schwer sich Vietnam mit dem Spagat zwischen autoritärer Repression, ideologischem Traditionalismus und der Öffnung nach außen und einer modernen Lebensweise nach wie vor tut. Denn eigentlich gilt es auch in Kreisen der Kommunistischen Partei als erstrebenswert, der jungen Generation die alten Revolutionäre und Ideale mit einem modernen Anstrich näherzubringen. Der Fall mache jedoch deutlich, dass sich die Bemühungen der Modernisierung in Zukunft darauf beschränken dürften, die Propaganda auf digitale und visuelle Darstellungen umzustellen, anstatt den inhaltlichen Kern der Botschaft zu verändern, so Thayer. „Die Konservativen der Partei betrachten die historische Orthodoxie als unantastbar“, so der Australier. Er sieht in dem Vorgehen gegen linientreue Gefolgsleute der Kommunistischen Partei ein „Eigentor“.
