Ich sehe mich noch im Menschengewühl am Messeeingang stehen an diesem 15. Oktober 2008. Die Zeitung zur Buchmesse, die an diesem Tag zum allerersten Mal erschienen war und die ich redaktionell betreute, sollte am Stand der F.A.Z. präsentiert werden. Ich war aufgeregt und nervös, wie das Experiment aufgenommen werden würde, und erleichtert, dass wir es tatsächlich geschafft hatten, in sehr kurzer Zeit eine Zeitung zu produzieren, die immer erst um Mitternacht Redaktionsschluss hatte und vom Messemittwoch bis -sonntag bereits um sechs Uhr in der Früh in allen großen Frankfurter Hotels auslag und auch auf der Messe verteilt wurde. Die Auflage betrug 35.000 Stück, eine aus heutiger Sicht schwindelerregende Zahl, und alles darin drehte sich um die Buchbranche und ihre Akteure. Von Buchmesseempfängen, die rezensiert wurden wie Theateraufführungen, über Hintergrundartikel, Interviews, Gastbeiträge und Recherchen, Klatsch und Gerüchte – alles fand Eingang, dazu viele Fotos, die heute perfekte Insta-Stories abgeben würden. Was die „Berliner Seiten“ für die Hauptstadt gewesen waren, wollte die „Zeitung zur Buchmesse“ für die Buchbranche sein. Es war ein großer Spaß und wie jeder richtig große Spaß auch viel Arbeit. Der Grund dafür, dass dieser Moment sich mir so eingeprägt hat, waren aber weder meine Aufregung noch die Erschöpfung nach der kurzen Nacht. Sondern eine Todesnachricht, die mich just dort im Gedränge erreichte und die für mich unvorstellbar war und bis heute geblieben ist. Sie teilt meine Buchmessen in ein Davor und Danach. Geblieben ist die Messe als Synonym für Fülle, ja Flut. Es sind Tage, an denen man schier Land unter geht zwischen Büchern, Gesichtern, Namen und Terminen und zugleich Euphorie verspürt, dank der fast körperlich greifbaren Begeisterung der Besucher, dem Lebenselixier aller, die für Bücher arbeiten. Aber die Messe ist für mich eben auch eine Zeitmaschine, ein riesiger Echoraum, voll von Erinnerungen an jene, die hier auch in ihrem Element waren. Gerade hier, zwischen all den Menschen, denke ich an Marcel Reich-Ranicki, an Michael Althen, Dieter Bartetzko, Henning Ritter. Einmal eilte vor mir jemand über die Agora, der exakt so ging und gestikulierte wie Frank Schirrmacher. Die Frankfurter Buchmesse ist wie ein Mantel, der all das umschließt, lauter schöne, viele besondere und manch wehmütige Erinnerungen. Es ist der eine Ort, wo alle Versionen meiner selbst aufeinandertreffen könnten und es doch nie tun. Denn dafür ist zum Glück immer zu viel zu tun. Felicitas von Lovenberg leitete das Literaturressort der F.A.Z. und moderierte im SWR-Fernsehen die Literatursendung „lesenswert“, bevor sie 2016 Verlegerin des Piper Verlags wurde. Sie lebt mit ihrer Familie bei München.
