FAZ 20.09.2026
21:00 Uhr

Wahl in Berlin: Jubel bei den Linken, Trübsal bei der CDU


Die Linke liegt bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus klar vorn, Spitzenkandidatin Eralp will regieren. Bei der CDU hingegen gibt es für Feierlaune keinen Anlass.

Wahl in Berlin: Jubel bei den Linken, Trübsal bei der CDU

Der Festsaal Kreuzberg in Berlin-Treptow ist brechend voll, als um 18 Uhr auf der Linken-Wahlparty ohrenbetäubender Jubel ertönt: In der ARD-Prognose zur Berliner Abgeordnetenhauswahl liegt die Linkspartei mit 24,5 Prozent auf Platz eins. In ersten Hochrechnungen etwas später sogar bei etwa 25 Prozent. Damit haben sie ihr Ergebnis von vor drei Jahren mehr als verdoppelt. Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp hat demnach auch das Rekordresultat der Berliner Linken aus dem Jahr 2001 getoppt. Damals holte Parteiikone Gregor Gysi 22,6 Prozent für deren Vorgängerpartei PDS. Auf der Wahlparty ist sichtbar, wie lange diese Zeiten zurückliegen: Sehr viele junge Menschen sind da. Etliche von ihnen wurden nach Gysis Wahlerfolg geboren. Eralps Erfolg bejubeln sie inbrünstig. Die Balken von Grünen (15 Prozent) und SPD (zwölf Prozent) auf den großen Bildschirmen im Festsaal machen klar, dass ein rot-grün-rotes Bündnis im Abgeordnetenhaus rechnerisch möglich ist. Eralp ist fest entschlossen, diese Chance zu nutzen. „Ab heute verändern wir gemeinsam unser Berlin und machen es zu einem besseren Ort!“, ruft sie um 18.10 Uhr in den Festsaal. Am Freitag will die Berliner Linkspartei auf einem Landesparteitag über die Aufnahme von Sondierungsgesprächen mit Grünen und SPD entscheiden. Auf der Party in Treptow rechnen die meisten Gesprächspartner der F.A.Z. damit, Eralp werde dort grünes Licht bekommen. Enteignung wird zum schwierigen Thema der Verhandlungen Die Verhandlungen mit der SPD dürften allerdings nicht einfach werden. Die Sozialdemokraten stehen der Enteignung großer Wohnungsunternehmen skeptisch gegenüber. Es ist ein Herzensprojekt der Linken. Wie stark Eralp mit Parteifreunden ringen muss, die Regierungsbeteiligungen der Linken grundsätzlich ablehnen, wird spannend zu beobachten sein. Eine andere Stimmung herrscht etwa fünf Kilometer entfernt im Festsaal des Abgeordnetenhauses: Im ehemaligen Preußischen Landtag trifft sich die CDU am Wahlabend. Von Feierlaune ist hier nichts zu spüren, die Partei ahnte, dass der Anspruch auf das Bürgermeisteramt verloren ist. Die Verluste sind dennoch herbe, der Abstand zur Linken ist größer als erwartet. Die Hochrechnungen zeigen etwa 20 Prozent für die Christdemokraten. Das sind acht Prozentpunkte weniger als 2023. Spitzenkandidat Stefan Evers war erst zehn Wochen vor der Wahl für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner eingesprungen. Die CDU-Kreisvorsitzenden unterstützten ihn wegen seiner Unwahrheiten nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz nicht mehr. Evers konnte den Abwärtstrend nicht mehr umkehren. Welchen Anteil Wegner am Wahlergebnis hat, wird in den kommenden Tagen Thema in der stark verkleinerten CDU-Fraktion werden. Auch stellt sich die Frage, ob Evers sie führen wird. Schmerzhaft für die Christdemokraten ist das Abschneiden der AfD. Die etwa 15 Prozent in den ersten Hochrechnungen sind ein Rekordergebnis für die rechte Partei in Berlin. Arbeitsgemeinschaft „Palästinasolidarität“ übte Kritik an Eralp Das Wahlergebnis deutet darauf hin, dass der Auftritt des Rappers Dahabflex Elif Eralp kaum geschadet hat. Er hatte drei Wochen vor der Wahl bei der Neuköllner Linkspartei in einem Lied die „Intifada“ besungen und der israelischen Armee den Tod gewünscht. Eralp distanzierte sich davon – und wurde dafür von der Linkspartei-Arbeitsgemeinschaft „Palästinasolidarität“ kritisiert. Die CDU hatte im Wahlkampf auf Konfrontation mit Eralp gesetzt. Spitzenkandidat Evers warnte täglich davor, über die Linken könnten Antisemiten Einfluss auf die künftige Arbeit des Senats nehmen. Warum er damit bei den Wählern nicht so durchdrang, wie es sich die Christdemokraten erhofft hatten, werden sie in den kommenden Wochen wohl analysieren. Die Grünen wollen jedenfalls lieber mit Eralp koalieren als unter Evers’ Führung in eine Kenia-Koalition eintreten, sofern es dafür eine Mehrheit gibt. Sie haben im Vergleich zur Wahl 2023 etwa drei Prozent verloren. In der SPD ist die Stimmung geteilt: Der linke Parteiflügel bevorzugt Rot-Grün-Rot, die Pragmatiker ein Bündnis mit CDU und Grünen. Bei den Sozialdemokraten werden für die kommenden Tage heftige parteiinterne Debatten erwartet. Die SPD steht vor ihrem schlechtesten Wahlergebnis in Berlin seit 1946. Seit 37 Jahren sind die Sozialdemokraten im Senat vertreten – seit 2011 wurden ihre Wahlergebnisse kontinuierlich schwächer. Neben dem Bundestrend kämpften die Sozialdemokraten in den vergangenen zwei Jahren mit Querelen im Landesverband. Anderthalb Wochen vor der Wahl ließ die Staatsanwaltschaft Hannover die Wohnung des Berliner SPD-Spitzenkandidaten Steffen Krach in Berlin-Schöneberg, die SPD-Landesgeschäftsstelle in Berlin-Wedding und Krachs früheren Arbeitsplatz in Hannover durchsuchen. Die Strafverfolger ermitteln wegen eines Grundstücksgeschäfts, an dem Krach als Regionspräsident von Hannover beteiligt war. Sie werfen ihm Vorteilsannahme und die Weitergabe von Geheimnissen aus dem Aufsichtsrat des dortigen Klinikverbands vor. Krach wies die Vorwürfe zurück. Es gilt die Unschuldsvermutung. Ob er in der Berliner SPD künftig noch eine Rolle spielt, werden die kommenden Tage zeigen. Viele Sozialdemokraten erwarten, dass es zu einem Machtkampf zwischen ihm und dem langjährigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh kommt. Das BSW verfehlt laut Hochrechnungen den Einzug in das Abgeordnetenhaus wohl knapp, die FDP mit scheitert mit 2,6 Prozent der Stimmen deutlich an der Fünfprozenthürde. Sie könnte allerdings in einige Bezirksverordnetenversammlungen einziehen. Die Wahlbeteiligung lag am Sonntag in Berlin bei 76 Prozent.