Die DDR behauptete, eine egalitäre Gesellschaft zu sein. Tatsächlich gab es erhebliche soziale Unterschiede. Zu den Gruppen mit den höchsten Vermögen gehörten private Handwerker, deren Geschichte die vorliegende Studie ausleuchtet, indem sie wirtschaftshistorische mit lebensweltlich-kulturellen Fragen kombiniert und zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen auswertet. Der überdurchschnittliche Lebensstandard der privaten Handwerker in der DDR überrascht, denn es handelte sich eigentlich um eine Gruppe, die im Sozialismus gar nicht vorgesehen war. Sie wurde aber vom SED-Regime im Gegensatz zu den meisten anderen Volksdemokratien zunächst zähneknirschend toleriert und von 1976 an sogar gefördert. Private Handwerksbetriebe waren letztlich unverzichtbar. Die Männer und Frauen „mit den goldenen Händen“ glichen nämlich viele Schwächen der Planwirtschaft aus und trugen so zur Stabilisierung der DDR bei. Zunächst galt das private Handwerk als Relikt des Kapitalismus, das durch kollektive Strukturen zu ersetzen war. 1972 kam es zur letzten großen Verstaatlichungswelle, der die meisten verbliebenen Familienunternehmen und Handwerksbetriebe zum Opfer fielen. Den überlebenden privaten Betrieben, die nicht mehr als zehn Beschäftigte haben durften, wurde das Leben durch hohe Steuern sowie restriktive Gewerbezulassungen und Lehrlingszuteilungen schwer gemacht. Die Enteignung beziehungsweise Schwächung der letzten flexiblen Einheiten des Systems erhöhte die Starrheit der Planwirtschaft. Es entstand ein für die Diktatur gefährlicher Gegensatz zu dem 1971 von Honecker gegebenen Versprechen eines höheren Lebensstandards. Die DDR-Führung reagierte 1976 auf diesen Widerspruch mit einer scharfen Wende. Sie fuhr die Diskriminierung des Handwerks zurück und setzte sogar Förderprogramme auf. Ende der Achtzigerjahre gab es daher rund 80.000 private Handwerksbetriebe mit 260.000 Beschäftigten. Mit ihnen waren die systeminhärenten Schwächen der Planwirtschaft zwar nicht zu beheben, aber doch etwas zu entschärfen. Das krasse Missverhältnis von Angebot und Nachfrage blieb jedoch bis zum Ende der DDR bestehen. 100-DM Scheine hießen „blaue Fliesen“ Im Handwerk der DDR gab es keine Konkurrenz, denn alle Betriebe hatten mehr als genug zu tun. Oft bildeten sich lange Schlangen vor den Werkstätten und Geschäften. Die Handwerker waren sehr kreativ, wenn es um die Reparatur oder den Eigenbau von Maschinen ging. Die Materialbeschaffung war an die Planvorgaben gebunden, erforderte aber einen „guten Draht“ zu den Liefergenossenschaften, der mit kleinen Geschenken wie Westkaffee gepflegt wurde. Auch Tauschgeschäfte aller Art waren an der Tagesordnung. Für eine Kiste Bananen bekam man problemlos einen Auspuff. Gab es irgendwo Material, das man aktuell nicht brauchte, wurde es gehortet, um es in Zukunft zu verarbeiten oder einzutauschen. Es existierte ein grauer, naturalwirtschaftlicher Markt, der die Lücke zwischen Nachfrage und offiziellem Angebot verringerte. Das private Handwerk stand im Zentrum dieses Netzes. Das brachte Chancen auf Zusatzgewinne, aber auch Risiken mit sich. Bilanzfälschung und spekulative Warenhortung waren Straftaten, die einen ins Gefängnis bringen konnten, was aber abgesehen von einzelnen Exempeln selten geschah. Auf den ersten Blick bot das private Handwerk wenig attraktive Bedingungen. Die offiziell vorgegebenen Preise waren niedrig, die Besteuerung exzessiv und die Löhne in der volkseigenen Industrie höher. Schwerer wog jedoch der zumeist steuerfreie, nach Feierabend erzielbare lukrative Zusatzverdienst, der vielfach in Westgeld und ohne Quittung ausgezahlt wurde. Die begehrten 100-DM Scheine hießen „blaue Fliesen“. Mit ihnen öffnete sich die Tür zu gehobenem Konsum. Viele Handwerker wohnten in Eigenheimen statt in Plattenbauwohnungen. Sie besaßen Datschen und Boote sowie größere Autos, zuweilen sogar Westfabrikate. Mit der DDR arrangiert Neben den reizvollen Verdienstmöglichkeiten standen andere Motive, eine handwerkliche Lehre zu absolvieren. Kinder von Handwerkern wollten den elterlichen Betrieb übernehmen. Wer als „staatsfern“ galt, fand hier Freiräume, denn man unterlag nicht wie in den Kombinaten rigorosen Kontrollen der Partei. Kirchlich engagierten Jugendlichen blieb der Zugang zum Studium versperrt. Im Gegensatz zu anderen privilegierten Gruppen wie Künstlern oder Sportlern profitierten Handwerker aber nicht von Westreisen, dem Zugang zu höherer Bildung und beruflichen Aufstiegschancen. Sozial und politisch hatten sich die Handwerker mit der DDR arrangiert. Sie waren politisch zumeist desinteressiert. Bei der friedlichen Revolution des Jahres 1989 spielten sie praktisch keine Rolle. Den Zusammenbruch der SED-Diktatur erlebten sie unvorbereitet und zunächst als Schock. Der Eintritt in die Marktwirtschaft begann mit einer Phase der Verunsicherung. Vom Westen kamen oft dubiose Waren- und Kooperationsangebote. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse, die schlechte Zahlungsmoral von Großkunden, ungewohnte bürokratische Regeln, neue Konkurrenz durch Betriebe mit ausländischen Mitarbeitern und prekäre Notgründungen durch arbeitslose Industriemeister waren gewaltige Herausforderungen. Insgesamt besaßen die Altbetriebe jedoch aufgrund ihrer hohen Qualifikation und Innovationsfähigkeit gute Voraussetzungen, um den Systemwechsel erfolgreich zu meistern. Sie wurden daher Stabilitätsanker in der fluiden Transformationsgesellschaft, in der ansonsten viele vertraute Strukturen und Millionen von Arbeitsplätzen wegbrachen. Einige Betriebe starteten bald durch und wuchsen schnell. Das Handwerk beförderte auch die teilweise Reindustrialisierung Ostdeutschlands. Die Mehrzahl der Betriebe blieb jedoch klein, überlebte aber den Umbruch und fand sich in der Marktwirtschaft gut zurecht. Insgesamt handelt es sich um eine bemerkenswerte, oft übersehene Erfolgsgeschichte. Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt: Handwerk Ost. Arbeits- und Lebenswelten zwischen Plan und Markt, Ch. Links Verlag, Berlin 2026, 360 Seiten, 28 Euro.
