Heise 08.08.2026
18:00 Uhr

Amazon plant gigantisches Gaskraftwerk für neues KI-Rechenzentrum


Der Cloud-Riese Amazon baut in Texas eine Insel-Stromversorgung mit bis zu 7,65 GW. Die CO₂-Emissionen könnten alle US-Kohlekraftwerke in den Schatten stellen.

Amazon plant gigantisches Gaskraftwerk für neues KI-Rechenzentrum

Um den enormen Hunger nach Rechenleistung im KI-Zeitalter zu stillen, setzt Amazon auf eine umstrittene Initiative: Der Online-Großhändler, der mit seinem Dienst Amazon Web Services (AWS) auch zu den weltweiten Cloud-Hyperscalern zählt, plant in Texas einen riesigen Campus für ein Rechenzentrum, das ein eigenes Gaskraftwerk antreiben soll. In seinem Endstadium wäre es das größte Erdgaskraftwerk der USA. Bis dahin werden allerdings noch viele Jahre vergehen.

Bis zu 7,65 Gigawatt (GW) Leistung sehen Amazon und der verantwortliche Betreiber Pacifico Energy vor. Der Bau ist allerdings gestaffelt: Ein Gigawatt ist im Jahr 2028 vorgesehen, 2031 mindestens fünf. Zusätzlich ist bereits der Bau von Photovoltaikanlagen für 750 Megawatt (MW) samt Batteriespeicher angedacht. Das Kraftwerk entsteht unter dem Projektnamen „GW Ranch“.

Medien wie Distilled machen auf die erteilten Genehmigungen im texanischen Pecos County Land aufmerksam. Die Pläne für den Bau zeigen, dass auch deutsche Hersteller vom Bau profitieren: Den Anfang sollen 21 Siemens-Gasturbinen vom Typ SGT-800 machen. Zusammen liefern sie in der Spitze 1,3 GW Energie. Bei 14 weiteren Gasturbinen hat sich Pacifico Energy offenbar noch nicht auf ein Modell entschieden. Mit 21 bis 35 Gasturbinen befindet sich die Anlage auf dem Niveau anderer aktuell geplanter Gigawatt-Rechenzentren, etwa den sogenannten Stargate-Projekten.

Aufgrund des US-amerikanischen Ratepayer Protection Plan arbeitet das Kraftwerk autark ohne Netzanschluss. Der Plan verbietet, dass Anwohnern Nachteile durch KI-Rechenzentren entstehen, etwa höhere Strompreise. Satellitenaufnahmen bestätigen bereits Rodungsarbeiten auf dem Gelände. Amazon hatte zuvor bereits Bauanträge für die ersten drei Gebäude für den Betrieb des Datencenters eingereicht.

Die Ausmaße des Projekts sorgen für Unruhe. Eine von den texanischen Behörden erteilte Genehmigung erlaubt dem Gaskraftwerk den Ausstoß von bis zu 33 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr beziehungsweise Äquivalente anderer Treibhausgase. Sollte diese Obergrenze ausgeschöpft werden, würde die Anlage zur größten einzelnen Verschmutzungsquelle der USA werden und selbst das emissionsstärkste Kohlekraftwerk des Landes übertreffen. Das „sollte“ ist hier allerdings zu betonen, da die Anlage mindestens in den ersten Jahren einen Bruchteil des Budgets aufwenden wird.

Trotzdem steht das Vorhaben in Widerspruch zu Amazons eigener Klimaschutzinitiative. Im Rahmen des selbst auferlegten „Climate Pledge“ hatte sich der Konzern verpflichtet, bis zum Jahr 2040 vollständig klimaneutral zu arbeiten. Tatsächlich steigen die Emissionen des Tech-Riesen aber bereits seit Jahren deutlich an.

Amazon verteidigt das Vorhaben und verweist darauf, dass das Unternehmen für die Stromversorgung der eigenen Aktivitäten selbst aufkomme. Durch die eigene Erzeugung vor Ort würden die Strompreise für texanische Haushalte nicht belastet. Zudem sei geplant, den Campus schrittweise an das öffentliche Netz anzuschließen, sobald entsprechende Kapazitäten verfügbar seien.

Auch beim Wasserverbrauch versucht der Konzern zu beschwichtigen: Er werde für die Kühlung ausschließlich salziges Grundwasser nutzen, das weder für die Landwirtschaft noch als Trinkwasser geeignet sei. Für bestehende Rechenzentren in Texas hat Amazon nach eigenen Angaben ferner im Rahmen von 40 Projekten rund zehn GW an CO₂-freier Energie ermöglicht.

Dennoch trifft das Vorhaben auf eine extrem skeptische Öffentlichkeit. In den USA wächst aktuell der Widerstand gegen den ungebremsten Bau von KI-Rechenzentren quer durch alle politischen Lager. Anwohner sorgen sich wegen Lärm, Luftverschmutzung, enormem Landverbrauch und dem immensen Wasserbedarf in Dürreregionen. Dazu kommt die Angst vor überlasteten Stromnetzen und steigenden Energiepreisen für Verbraucher. In etlichen US-Bundesstaaten und Gemeinden führten Anwohnerproteste bereits zu ersten Baustopps und Moratorien.

Der Vorstoß fügt sich in einen breiteren Trend ein. Um die enorme KI-Nachfrage zu bedienen, weichen auch Konzerne wie Microsoft, Google und Meta immer häufiger auf netzunabhängige Individuallösungen auf Erdgasbasis aus. Allein seit Anfang 2025 wurden in den USA knapp 60 solcher „Behind-the-Meter“-Projekte mit 90 GW Gesamtleistung angekündigt. So baut Microsoft in direkter Nachbarschaft im Pecos County gemeinsam mit Chevron ein 2-GW-Gaskraftwerk.

Für Amazon ist das Projekt beim GW Ranch Campus, der vom Entwickler Pacifico Energy umgesetzt und später um Solar- und Batteriespeicher ergänzt werden soll, erst der Anfang. Der Konzern verhandelt bereits über ein weiteres Vorhaben in Pennsylvania mit einem 4,5-GW-Gaskraftwerk. Angesichts der Verknappung von Rechenkapazitäten bleiben netzunabhängige fossile Kraftwerke so offenbar trotz wachsenden Gegenwinds vorerst die bevorzugte Notlösung der Tech-Giganten.

Neben Erdgas setzen US-Hyperscaler auf Atomkraft, um den rund um die Uhr benötigten, angeblich CO₂-freien Strom für KI-Rechenzentren zu sichern. Microsoft vereinbarte mit dem Versorger Constellation Energy die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten Reaktors Three Mile Island Unit 1 in Pennsylvania, um von dort ab 2028 exklusiv Strom zu beziehen. Amazon kaufte sich direkt an einem Kernkraftwerk von Talen Energy ein. Google investiert in Verträge für künftige kleine modulare Reaktoren (SMRs).

Die US-Regierung fördert unter Präsident Donald Trump den Ausbau der Kernenergie finanziell und regulatorisch, um die Führung im KI-Rennen abzusichern. Solche Initiativen stoßen aber auf bürokratische Hürden, Netzbedenken der Energieaufsicht sowie das ungelöste Atommüllproblem. Deshalb sollen kurzfristig weiterhin vor allem fossile Gaskraftwerke die Stromlücken füllen.

Details zum zeitlichen Horizont eingearbeitet.

(nie)