Heise 09.07.2026
14:55 Uhr

Glosse: Der Wille des Volkes


Die Bundesregierung schafft die telefonische Krankschreibung ab. Endlich kehren klare Regeln und zeitgemäße Technik zurück. Eine Glosse.

Glosse: Der Wille des Volkes

Vergangene Woche gab die Bundesregierung ihre Reformpläne bekannt. Mit dem Maßnahmenpaket befriedigt die schwarz-rote Koalition nun ein zentrales Anliegen der Bevölkerung: die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

Bisher galt: Wer mit Brechdurchfall im Bett lag, durfte die Hausarztpraxis nicht aufsuchen. Stattdessen mussten sich Arbeitnehmer mit der Hotline der Praxis begnügen. Minuten bis Stunden vergingen, während sie schweißgebadet im Bett lagen und der nervtötenden Automatenmelodie lauschten. Das Ende vom Lied: Gleich eine ganze Woche wurde man ohne Untersuchung krankgeschrieben – völlig entgegen dem Willen der tüchtigen Bevölkerung!

Die Bundesregierung setzt dieser Bevormundung nun ein Ende – und übertrifft sich an Ideenreichtum selbst. Denn Schwarz-Rot führt die gelben Scheine wieder ein! Wer künftig erkrankt, geht ordnungsgemäß zur Arztpraxis und erhält dort nach erfolgter Untersuchung seinen Krankenschein in zweifacher Ausführung. Eine wird dem Arbeitgeber per Post zugestellt, die andere geht ans Kanzleramt. Wer kann schließlich besser über die arbeitsame Bevölkerung wachen als Väterchen Merz?

In besonders schwer zu beurteilenden Fällen soll auch die Möglichkeit einer Telegrafensprechstunde mit dem Kanzler bestehen. Dafür will die Koalition eine eigene, DSGVO-konforme Telegrafenlinie einrichten. Um den strengen Datenschutzrichtlinien gerecht zu werden, plant die Bundesregierung, die Verschlüsselungsmaschine Enigma zu reaktivieren. Man stehe bereits mit dem Deutschen Museum in München in Kontakt, erklärte ein Regierungssprecher vergangene Woche. Das sei bereit, sein Exponat abzugeben.

(rah)