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02.07.2026
15:48 Uhr
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Notaufnahmen erproben inzwischen die eHealth-Station von MedicubeX. CEO Vili Kostamo erklärt die Pläne.

Aufgrund der anstehenden Reformen im Gesundheitswesen entstehen derzeit zahlreiche Konzepte, um medizinisches Personal zu entlasten und standardisierte Abläufe zu digitalisieren. Dazu gehören sprachgestützte Anamnesesysteme, wie das von SymptoX, das Patientendaten per Sprache erfasst und in die Primärsysteme von Arztpraxen und Kliniken überträgt, Telemedizin-Kabinen wie DoctorBox, das mit dem Symtpomchecker Xund kooperiert, oder die französische La Box Médicale sowie Forschungsprojekte, etwa die Telemedizin-Kabine „Kabine“ der RWTH Aachen.
Die Box des finnischen Unternehmens MedicubeX wird inzwischen in unterschiedlichen Versorgungsszenarien eingesetzt. Im Gespräch mit heise online erläutert Gründer und CEO Vili Kostamo die verschiedenen Einsatzbereiche, die Zusammenarbeit mit den Universitätskliniken Frankfurt, Leipzig und Schleswig-Holstein sowie den aktuellen Stand der KI-gestützten Risikobewertung.
Auch geschäftlich ist viel passiert. Ende vergangenen Jahres haben wir in Finnland unseren ersten größeren öffentlichen Auftrag für unsere Lösung gewonnen. Außerdem kooperieren wir inzwischen mit Terveystalo, dem größten privaten Gesundheitsdienstleister in Finnland.
Mit dem Universitätsklinikum Frankfurt arbeiten wir seit rund einem Jahr zusammen, auch als Partner in Forschung und Entwicklung. Dort liegt der Schwerpunkt auf Prävention und Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Vor rund einer Woche hat außerdem das Universitätsklinikum Leipzig seine Partnerschaft mit uns bekannt gegeben. Die Kooperation ist Teil des neu gegründeten MITCenter (Zentrum für medizinische Innovation und Technologie), das medizinische Innovationen schneller in die klinische Praxis bringen soll. MedicubeX gehört zu den ersten Projekten des MITCenters und ist Teil des Konzepts „Zukunftspraxis Mitteldeutschland“. Dort erfassen Patienten wichtige Vitalparameter selbst, bevor sie ärztlich untersucht werden.
Und jetzt hat das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) eine Zusammenarbeit im Bereich der Notfallversorgung angekündigt. Darauf kommen wir später sicher noch zurück, denn das ist ein ganz anderer Anwendungsfall.
Damit deckt die Box inzwischen drei sehr unterschiedliche Einsatzgebiete ab: Prävention und Screening in Frankfurt, neue ambulante Versorgungskonzepte in Leipzig und die Notfallversorgung am UKSH.
Grundsätzlich speichern wir die Daten der Endnutzer nicht selbst. Unsere Kunden – also Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen – sind ohnehin verpflichtet, diese Daten vorzuhalten und verfügen bereits über entsprechende Systeme.
Bereits heute bestehen mehrere Integrationen. Dank IRIS können wir die ausgehenden Daten so anpassen, dass sie genau den Anforderungen des jeweiligen Zielsystems entsprechen. Das verkürzt den Aufwand für neue Integrationen erheblich.
Unsere Daten werden zunächst in das elektronische Patientenaktensystem des jeweiligen Kunden übertragen. Dieses kommuniziert anschließend mit der nationalen Infrastruktur. Nach demselben Prinzip wird künftig auch der European Health Data Space funktionieren.
Die Krankenhaussysteme selbst müssen diese Anforderungen erfüllen. Unsere Aufgabe bleibt unverändert: Wir übermitteln die Messdaten in die elektronische Patientenakte. Wir übertragen keine Daten direkt an nationale oder europäische Plattformen.
Außerhalb von Kliniken, etwa in Unternehmen oder sozialen Einrichtungen, verfügen die Boxen über eigene, abgesicherte Mobilfunkverbindungen. Diese verwalten wir selbst. Die Geräte hängen also nie einfach ungeschützt im öffentlichen Internet.
Wenn Daten über das Internet übertragen werden, sorgen technische Schutzmaßnahmen dafür, dass die Kommunikation zwischen den Boxen, unserem zentralen IRIS-Server und den Zielsystemen des Kunden abgesichert ist.
Aus Sicherheitsgründen möchte ich die technischen Details nicht öffentlich erläutern. Entscheidend ist aber, dass diese Verbindungen immer kontrolliert werden – entweder durch uns oder durch die IT-Abteilung des Kunden.
Wir versuchen nicht, alles selbst zu entwickeln. Wo spezialisierte klinische Software sinnvoll ist, binden wir sie in unsere Plattform ein. Wir verstehen uns als Plattform und wollen bestehende Speziallösungen nicht ersetzen.
Als Nächstes bringen wir ein Softwarepaket heraus, das alle verfügbaren Messdaten zusammenführt und daraus das Risiko berechnet, innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Schlaganfall, Herzinfarkt, eine Herzinsuffizienz oder Diabetes zu entwickeln.
Das Grundprinzip ist ähnlich wie bei den Modellen SCORE2 oder dem Framingham-Risikoscore. Diese Modelle benötigen normalerweise Cholesterinwerte und damit eine Blutuntersuchung.
Unser Ziel ist es dagegen, Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko zu identifizieren, ohne dass dafür eine Blutprobe erforderlich ist. Die Software soll abschätzen, ob jemand im Vergleich zu gleichaltrigen Personen ein höheres oder niedrigeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat.
Diese Lösung ist zum Patent angemeldet und wird derzeit wissenschaftlich validiert. Wir wollen sie als Software as a Medical Device auf den Markt bringen. Bereits installierte MedicubeX-Stationen erhalten die neue Funktion per Software-Update.
Unsere interne Validierung hat bislang sehr vielversprechende Ergebnisse geliefert. Als Nächstes folgen eine externe Validierung und die Publikation. Das ist auch Teil unserer Vereinbarung mit der Biobank.
Natürlich sollten Menschen mit erhöhtem Risiko ihren Lebensstil verbessern. Gleichzeitig wissen wir, dass das im Alltag oft schwerfällt. Manchmal können aber schon vergleichsweise einfache Maßnahmen – etwa eine konsequente Behandlung von Bluthochdruck, den wir zuverlässig erkennen können – das Herz-Kreislauf-Risiko deutlich senken.
Für den neuen Risikoalgorithmus veröffentlichen wir eigene Validierungsstudien. Bei der Entwicklung haben wir mit VTT zusammengearbeitet, dem staatlichen finnischen Forschungszentrum für Technik.
Viele Anbieter werben damit, allerlei Werte allein mit einer Kamera bestimmen zu können. Liest man das Kleingedruckte, stellt man jedoch oft fest, dass diese Verfahren gar nicht für klinische Entscheidungen zugelassen sind. Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Außerdem entwickeln wir keinen eigenen Symptomchecker. Stattdessen arbeiten wir mit Unternehmen zusammen, die entsprechende Software anbieten. Für uns ist das kein Entweder-oder. Strukturierte Fragebögen in Kombination mit objektiven physiologischen Messungen liefern deutlich mehr Nutzen als jeder Ansatz für sich allein.
Es gibt außerdem zahlreiche Telemedizin-Kabinen auf dem Markt. Manche verfügen sogar über mehr Messgeräte als wir. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass diese Systeme meist für klassische Telemedizin ausgelegt sind. Sie setzen voraus, dass auf der anderen Seite einer Videoverbindung medizinisches Personal den Patienten durch die Untersuchung führt.
Unsere Philosophie war von Anfang an eine andere: Alles funktioniert im Selbstbedienungsbetrieb. Niemand muss den Nutzer anleiten oder überwachen. Es werden keine Einwegmaterialien benötigt, und medizinisches Personal muss die einzelnen Schritte nicht begleiten. Unser Ziel war nie, Ärzte oder Pflegekräfte zu ersetzen, sondern alle Prozesse zu automatisieren, die vor ihrer eigentlichen Arbeit automatisiert werden können.
Eine Kamera hilft dem Nutzer zunächst dabei, die richtige Position einzunehmen. Anschließend zeichnet ein Laser die Herztöne an der Halsschlagader auf. Dabei handelt es sich um ein völlig neues Medizinprodukt. Die Hardware funktioniert bereits, befindet sich aber noch im Zulassungsverfahren.
Sobald das digitale Stethoskop zertifiziert ist, betrachten wir die Box im Bereich der Herz-Kreislauf-Diagnostik als weitgehend vollständig ausgestattet. Bereits heute messen wir Blutdruck, EKG, Haut-AGEs als Marker der Stoffwechselgesundheit sowie das Körpergewicht. Mit dem digitalen Stethoskop wird zusätzlich eine Beurteilung der Herzklappenfunktion möglich. Damit erhalten wir im Selbstbedienungsbetrieb eine sehr umfassende Datengrundlage zur Herz-Kreislauf-Gesundheit.
Bei erwachsenen Patienten, die bei Bewusstsein und gehfähig sind, können wir nahezu alle Messungen automatisieren, die üblicherweise im Rahmen der Ersteinschätzung erfolgen. Die medizinische Entscheidung trifft selbstverständlich weiterhin das Fachpersonal – das bleibt immer menschliche Verantwortung. Wir können jedoch den Großteil der relevanten Informationen bereits erfassen, bevor der Patient überhaupt von der Triage-Pflegekraft gesehen wird.
Unsere Aufgabe besteht darin, alle benötigten Informationen möglichst schnell zu erfassen und unmittelbar bereitzustellen. Die Box unterstützt den klinischen Ablauf, ersetzt aber nicht die medizinische Beurteilung.
Absolut nicht. Die medizinische Entscheidung wird immer von qualifiziertem Fachpersonal getroffen. Wir automatisieren lediglich die routinemäßigen Messungen und deren Dokumentation, die davor anfallen.
Falls doch einmal etwas beschädigt wird, haben wir die Box so konstruiert, dass einzelne Gehäuseteile ausgetauscht werden können, ohne das komplette Gerät ins Werk zurückschicken zu müssen.
Abgesehen von der regulären Reinigung durch den Betreiber haben wir erlebt, dass Boxen von 2.000 bis 3.000 Personen genutzt wurden, bevor eine technische Wartung erforderlich war.
Eine Sache hat uns allerdings überrascht: Viele Menschen wünschen sich nach wie vor einen Papierausdruck. Selbst wenn alle Daten digital verfügbar sind, möchten viele Nutzer etwas Greifbares in der Hand haben. Deshalb bieten wir derzeit weiterhin beide Möglichkeiten an.
Dieses Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt.
(mack)