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22.07.2026
09:54 Uhr
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Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass nur etwa die Hälfte aller Mental Health Apps mit wissenschaftlich geprüfter Wirksamkeit noch öffentlich verfügbar ist.

Digitale Mental-Health-Anwendungen sollen psychologische Unterstützung niedrigschwellig und jederzeit verfügbar machen. Insbesondere Apps gegen Depressionen, Angststörungen, Nervosität, Schlafstörungen oder andere psychische Belastungen ermöglichen einen einfachen Zugang zu Übungen, psychoedukativen Inhalten und strukturierten Selbsthilfeprogrammen. Gerade bei langen Wartezeiten auf Therapieplätze oder in unterversorgten Regionen können solche Angebote eine wertvolle Hilfe sein. Voraussetzung ist aber natürlich, dass wissenschaftlich geprüfte Anwendungen nach Abschluss einer Studie weiterhin auffindbar, technisch funktionsfähig und öffentlich zugänglich sind.
Ein internationales Forschungsteam hat nun untersucht, was aus Apps für psychische Gesundheit geworden ist, deren Wirksamkeit in früheren Forschungsarbeiten untersucht wurde. Die in der Fachzeitschrift npj Digital Medicine veröffentlichte Übersichtsarbeit zeigt in ihren Ergebnissen ein grundlegendes Problem auf. Tatsächlich steht ein Großteil der Apps Patientinnen und Patienten nicht dauerhaft zur Verfügung. Etwa die Hälfte aller Anwendungen verschwand nach einiger Zeit wieder aus dem App Store und Google Play.
Für die Übersichtsarbeit durchsuchten die Forscher:innen die wissenschaftliche Literatur nach kontrollierten Studien zu selbstständig nutzbaren Mental-Health-Apps. Gemeint waren hierbei Anwendungen, die Betroffene ohne fortlaufende Begleitung durch Therapeut:innen oder anderes Fachpersonal verwenden können. Solche Angebote sind besonders interessant, weil sie eine große Zahl von Menschen mit vergleichsweise geringem Personalaufwand erreichen könnten.
Die Literatursuche lieferte zu Beginn 16.971 Einträge, wovon nach der Prüfung 110 Studien mit insgesamt 112 untersuchten Apps die Einschlusskriterien erfüllten. Da einzelne Anwendungen in mehreren Studien untersucht worden waren, ergab sich am Ende eine Gesamtzahl von 81 evidenzbasierten Apps. Anschließend prüften die Forschenden, ob diese Anwendungen weiterhin öffentlich im Apple App Store oder Googles Play Store verfügbar waren.
Die Studie verknüpft zwei Fragen, die bislang oft getrennt betrachtet werden: Wirkt eine App unter Studienbedingungen und ist sie für Betroffene später überhaupt noch verfügbar? Denn ein nachgewiesener Nutzen hilft in der Versorgung wenig, wenn die Anwendung nicht mehr heruntergeladen oder genutzt werden kann.
Von 81 evidenzbasierten Selbsthilfe-Apps waren zum Zeitpunkt der Untersuchung nur noch 42 (52 Prozent) öffentlich verfügbar. Unter den weiterhin erhältlichen Apps wurden 79 Prozent sowohl im Apple App Store als auch bei Google Play angeboten. 40 Prozent der Apps konnten kostenlos genutzt werden.
Die Untersuchung zeigt, dass ein wissenschaftlich bestätigter Wirksamkeitsnachweis keine dauerhafte Präsenz auf dem Markt garantiert. Ein Gutachten zur Evidenzlage von Gesundheits-Apps hatte bereits 2022 kritisiert, dass die Wirksamkeitsstudien zu digitalen Gesundheitsanwendungen vielfach nicht den wissenschaftlichen Standards genügen. Tatsächlich konnte auch kein Zusammenhang zwischen der Qualität der zugrunde liegenden Studien und der späteren Verfügbarkeit erkannt werden. Ebenso konnte kein Zusammenhang zwischen stärkerer Wirksamkeit einer App und dauerhafter Verfügbarkeit nachgewiesen werden.
Die Ergebnisse weisen auf eine zentrale Schwäche der Digital-Health-Forschung hin. Forschungsvorhaben sind häufig darauf ausgerichtet, eine Intervention zu entwickeln, ihre Wirksamkeit zu prüfen und die Ergebnisse zu veröffentlichen.
Warum viele Anwendungen nicht dauerhaft verfügbar bleiben, lässt sich aus der Meta-Analyse nicht ableiten. Für den langfristigen Betrieb könnten jedoch Faktoren eine Rolle spielen, die über den Wirksamkeitsnachweis hinausgehen: Apps müssten technisch gepflegt, an neue Betriebssysteme angepasst und sicherheitstechnisch aktualisiert werden. Auch Datenschutz, regulatorische Anforderungen, Support und die Finanzierung der technischen Infrastruktur dürften den dauerhaften Betrieb erschweren.
Zu betonen ist, dass die Übersichtsarbeit die öffentliche Verfügbarkeit untersuchte, nicht die tatsächliche Nutzung oder Verbreitung. Eine auffindbare App kann nur wenige aktive Nutzer haben, in bestimmten Ländern nicht erhältlich sein oder hinter hohen Kosten verborgen bleiben. Umgekehrt könnte eine nicht öffentlich verfügbare Anwendung weiterhin noch innerhalb einzelner Kliniken oder Forschungsprogrammen eingesetzt werden.
Die Meta-Analyse erlaubt außerdem keine Aussage darüber, warum einzelne Apps verschwanden. Die Ursachen können deshalb nicht aus den Zahlen herausgelesen werden. Naheliegend ist jedoch, dass Faktoren jenseits wissenschaftlicher Untersuchungen über die langfristige Übersetzung in die Versorgung entscheiden. Dazu können fehlende Geschäftsmodelle, auslaufende Forschungsförderung, technische Wartungskosten oder eine nicht gelungene Kommerzialisierung gehören.
Für Betroffene entsteht dadurch ein echtes Problem. Im App Store und auf Google Play finden sich unzählige Apps mit kaum überprüfbaren Gesundheitsversprechen. Gleichzeitig werden die wenigen Apps, für die kontrollierte Wirksamkeitsdaten vorliegen, oft nicht langfristig weiterentwickelt und bleiben nicht dauerhaft erhältlich.
Die zentrale Botschaft der Arbeit ist damit weniger ein Urteil über die Wirksamkeit psychologischer Apps als über ihre Nachhaltigkeit. Wissenschaftliche Evidenz kann nur dann Teil der Versorgung werden, wenn das geprüfte Produkt die Studie überlebt.
(mack)