SZ 12.07.2026
12:53 Uhr

(+) Linda Noskova: Wimbledonsiegerin dank einer Toilettenpause


Linda Noskova führt im Wimbledonfinale 6:2, 5:2, bevor sie fünf Matchbälle vergibt und völlig den Faden verliert. Am Ende siegt sie doch – und erweist sich als Musterbeispiel für Resilienz.

(+) Linda Noskova: Wimbledonsiegerin dank einer Toilettenpause

Manchmal kann ein Gang zur Toilette ein Leben verändern. Linda Noskova weiß das jetzt. Und vielleicht war der Moment, als sie sich vor den Augen von 15 000 Menschen dazu entschied, kurz auszutreten, die beste Entscheidung, die sie je getroffen hat. Dieser Gang machte sie zur Wimbledonsiegerin.

Genau so sieht sie es selbst. Noskova ist 21 Jahre alt, sie ist Tennisspielerin von Beruf, an diesem Samstag stand sie im Finale des bedeutsamsten Turniers der Welt. Gegen ihre Kollegin und gute Freundin Karolina Muchova kämpfte sie um die Venus Rosewater Dish, eine Schale aus Sterlingsilber, sowie das Siegerinnenpreisgeld in Höhe von 4,22 Millionen Euro. Fast zwei Sätze lang führte Noskova ihre 29 Jahre alte tschechische Landsfrau vor, bei 6:2, 5:2 hatte sie den ersten Matchball, nach 68 Minuten. Vier weitere sollte sie vergeben. Und dann? Sei ihr plötzlich die Hand „eingefroren“, bekannte sie später.

Sie verlor, unter dröhnendem Jubel des nun reanimierten Publikums auf dem Centre Court, den zweiten Satz wie aus heiterem Himmel 5:7. Als sie zu ihrem Stuhl ging, hielt sie sich die Ohren zu. Um sich zu schützen. „Mein Trainer sagte mir gestern Abend: ‚Wenn du einen Moment brauchst, nimm ihn dir, geh‘ vom Platz oder sei einfach einen Moment für dich‘“, das verriet Noskova auch und bekannte: „Diese Momente halfen mir, mich von all dem Lärm fernzuhalten.“ Im Tennis werden Duelle oft in den Köpfen seiner Darsteller entschieden. Dieses Finale war ein neuer Beleg dafür.

Björn Borg war der erste Popstar des Tennis, bis er abrupt die Karriere beendete und privat wie beruflich abstürzte. Im Interview spricht der bald 70-Jährige über lauernde Fans in Hotels, Kokainnächte in New York, zwei Nahtoderfahrungen – und darüber, wie er sein Glück wiederfand.

Denn Noskova, eben noch innerlich gebeutelt, hadernd, verunsichert, während Muchova, zuvor schachmatt, nunmehr unerschütterlich wirkte, kam wie eine andere Person von der Toilette zurück. Ein Zufall bewirkte ihre Metamorphose. „Ich habe mir einfach kaltes Wasser übergeschüttet und von vorn angefangen“, schilderte Noskova, „aber was mir wirklich geholfen hat, war, als ich den Platz verließ, dass die Trophäen da standen. Ich dachte: Ich nehme nicht die kleine, ich nehme die große.“ Koste es, was es wolle, sie wollte „den größten Herzschmerz meines Lebens“ vermeiden. So spielte sie dann auch.

Das, was Tennis so faszinierend und einzigartig macht, ist die Tatsache, dass sich sehr oft nicht nur zwei Menschen miteinander messen, sondern sich auch ihre Seelen und ihre Karrieregeschichten auf einem simplen Sportplatz mit ein paar Längs- und Querlinien wiederfinden. Muchova, die später bittere Tränen vergoss, wollte endlich den Nimbus abschütteln, stets von allen als eine der größten Begabungen gewürdigt zu werden, der nur der eine große Triumph zur Vollendung fehlt. 2023 war sie nah dran, sich zu erlösen, doch sie verlor gegen die Polin Iga Swiatek das Finale der French Open, mit einem Ergebnis, das eine erschreckende Parallelität zum jetzigen aufwies: 2:6, 7:5, 4:6.  Diesmal verlor sie 2:6, 7:5, 3:6. Kein Wunder, dass Muchova bei der Pressekonferenz völlig zerknirscht war. „Ich wollte heute unbedingt gewinnen“, gab sie niedergeschlagen zu. „Vielleicht hat mir das von Anfang an ein wenig die Hände gebunden.“ Sie hatte ja nicht nur gegen Noskova gespielt. Sondern auch gegen ihr Schicksal, die Alleskönnerin mit dem feinen Händchen zu sein, der im letzten Moment die Nerven versagen.

Bei einer Athletin wiederholt sich altes Leid, die andere erfährt dafür eine Sternstunde – beim Tennis gibt es, wenn das letzte Match, das letzte Aufbäumen ansteht, nur zwei Pole der Gefühle, so ist das. Genau deswegen ist am Eingang zum Centre Court in Wimbledon ein legendärer Satz zu lesen: „Wenn du Triumph und Niederlage begegnen kannst und diese beiden Blender gleich behandelst“. Die Worte stammen aus dem Gedicht „If—“ des britischen Schriftstellers Rudyard Kipling („If you can meet with triumph and disaster and treat those two impostors just the same“).

Die innerlich zerrüttete Muchova wird vorerst die Unvollendete bleiben. Der Profisport kann auch denen, die ganz oben sind, schmerzhafte Wunden zufügen. „Ich werde kämpfen und wiederkommen“, sagte sie, es bleibt ihr nichts anderes übrig. Dass sie trotz allem eine großartige Verliererin war, bewies sie bei ihrer Rede, der auch Prinzessin Kate bewegt zuhörte. Als Erstes hatte sie ihrer „Ex-Freundin“ gratuliert, diese Art des Humors war ganz nach dem britischen Geschmack. Heiterkeit zeichnet ohnehin dieses Turnier als Grundstimmung aus, und so wurde Muchova mit warmem, empathischem Applaus bedacht.

Was aber dieses Finale trotz aller Flüchtigkeit von Sportereignissen überdauern wird, sind die Bilder von Noskova, wie sie, nachdem sie im dritten Satz nicht erwartungsgemäß in sich zusammengeklappt war, sondern das Match wieder an sich riss, ein Musterbeispiel von Resilienz wurde. Wie sie im ersten Aufschlagspiel drei Breakbälle abwehrte und allein diese Sekunden ihrer Kontrahentin signalisierten: Du wolltest den Kampf, hier hast du den Kampf! Aufgrund der Eindimensionalität des Verlaufs hatten sich die Zuschauer lange distinguiert verhalten.  Als die Partie aber kippte und sich zu einem unvorhersehbaren Machtstreit entwickelte, kam jene Atmosphäre auf, die Wimbledon so speziell macht. Die Stille, wenn es plötzlich nach tosendem Lärm schlagartig ruhig wird, lässt einem den Atem stocken. Wimbledon ist ein Turnier, das man auch fühlen kann, wenn man die Augen schließt.

Bezeichnend dafür ist auch immer wieder die nicht gespielte Ehrfurcht, mit der die Profis über den Centre Court reden. Noskova schilderte ergriffen, wie sie am Abend vor ihrem Halbfinale, als sie erstmals überhaupt auf den Hauptplatz durfte, andächtig die puristische Arena von innen begutachtete. Noskova ist eben keine, die eine „Hier-bin-ich“-Haltung ausstrahlt. Sie wird, auch wenn ihr Spiel unheimlich kraftvoll und dynamisch ist, nicht wie einst Maria Scharapowa in den globalen Star-Kosmos aufsteigen. Aber für den inneren Zirkel der Tennisbranche ist sie ein Star. Noskova, von diesem Montag an Weltranglistensiebte, wird als Spielerin und noch mehr als Mensch respektiert.

Als sie auf dem Platz stand, in den Himmel zeigte und ihrer vor zwei Jahren unmittelbar vor Wimbledon verstorbenen Mutter gedachte, da schluchzten viele in der Royal Box, die Legenden Martina Navratilova, Billie Jean King, vor allem Petra Kvitova. Die heute 36-Jährige hatte mit ihren zwei Wimbledontriumphen 2011 und 2014 die Ära tschechischer Siege an diesem Ort eingeleitet. 2023 gewann Marketa Vondrousova, 2024 Barbora Krejcikova. Wimbledon löst eben etwas in den Menschen aus. „Normalerweise weine ich nicht, das ist ungewohnt für mich“, bekannte Noskova und ergänzte strahlend: „Ich habe diese zwei Wochen so sehr genossen. All die Tränen – ob vor Trauer oder vor Glück. All der Schweiß und das Blut, die darin steckten, es hat sich absolut gelohnt.“

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