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27.06.2026
16:52 Uhr
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44 Jahre nach dem berühmtesten Nichtangriffspakt der Fußballgeschichte stehen Österreich und Algerien womöglich vor einem ähnlichen Szenario.

Österreichs Nationaltrainer Ralf Rangnick (rechts) versicherte vor dem Spiel, er würde nicht auf Unentschieden spielen. Paul Ellis/AFP
Ein Wochentag in Lawrence, einem kleinen Örtchen bei Kansas City, wo sich die algerische Nationalmannschaft einquartiert hat: Auf den Sportplätzen der örtlichen Universität absolvieren die Spieler noch eine Einheit, als ein grimmiger Ordner die heimischen Medienvertreter zum Ausgang scheucht: Die Zeit ist abgelaufen, alle raus. Und dann: staunende Blicke unter den Algeriern, als sie zwei Kollegen erblicken, die sonst nicht zur bekannten Reisegruppe gehören. Erste Erkundigungen werden angestellt: Sind das etwa Österreicher?
Wie viel wird dort drüben in Europa eigentlich debattiert über dieses Spiel damals, im fernen 1982, über die berühmte Schande von Gijón? Über den Nichtangriffspakt bei der damaligen Weltmeisterschaft in Spanien, durch den sich Österreich und Deutschland am letzten Gruppenspieltag genau jenes Ergebnis (1:0 für Deutschland) einfuhren, das beide Teams fürs Weiterkommen brauchten? Auf Kosten der punktgleichen Algerier, die einem vorzeitigen Gruppenaus hilflos ausgeliefert waren? Ausgerechnet Algerien, auf das Österreich nun zum Vorrundenabschluss dieser WM trifft.
Die sportliche Dramatik beim 1:1 gegen Ägypten lenkt kurz von der politischen Lage zwischen Iran und den USA ab. Angesichts der Restriktionen spricht Kapitän Taremi von einem Desaster, Trainer Ghalenoei findet: „Sie haben uns schrecklich behandelt.“
Zur Enttäuschung der algerischen Medienvertreter musste zwar mitgeteilt werden, dass es sich bei den fremden Kollegen keinesfalls um Österreicher handelt. Doch ja, „the shame of Gijón“, wie die Algerier sagen, ist auch in Europa gerade wieder ein Thema. Und folglich auch die „Schande von Kansas City“, die, wenn man einigen Prophezeiungen glaubt, in der Nacht auf Montag (4 Uhr) zu erwarten steht. Das Schicksal jedenfalls bringt – unter Mithilfe der Planungsinstanzen der Fifa – für den letzten Spieltag der Gruppe J eine geradezu amüsante Ausgangslage: Algerien und Österreich liegen vor ihrem direkten Duell mit je drei Punkten auf dem zweiten (Österreich) beziehungsweise auf dem dritten Platz (Algerien) hinter Titelverteidiger Argentinien. Wobei Österreich eine ausgeglichene Tordifferenz ausweist, Algerien steht bei minus zwei Treffern.
Das heißt: Österreich wäre bei einem Remis sicher Zweiter und fürs Sechzehntelfinale qualifiziert, Algerien als Gruppendritter mit vier Punkten ebenfalls. Weil die Gruppe J als letzte loslegt, werden beide Teams – anders als die Konkurrenz in den anderen Gruppen – zum Zeitpunkt des Anpfiffs wissen, welches Ergebnis sie zum Weiterkommen benötigen. Und nach dem 3:1 der DR Kongo gegen Usbekistan steht zumindest fest: Keiner darf verlieren. Ein Unentschieden würde aber trotzdem beide auf Kosten Irans in die nächste Runde bringen.
Verschiedene Szenarien wurden leidenschaftlich diskutiert zwischen den Alpen und Algerien, nicht zuletzt, weil die Fifa ausgerechnet als Reaktion auf die Schande von Gijón eine Änderung im Modus eingeführt hatte: Um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, wurde der letzte Spieltag einer Gruppe fortan zeitgleich angesetzt. Das Problem war weitgehend gelöst, aber auch vor der Ausweitung des Teilnehmerfelds lief nicht immer alles perfekt: Bei der WM 2018 reichte Frankreich und Dänemark im letzten Spiel ein Remis zum Weiterkommen. Ebenfalls 2018 stellte Japan beim Stand von 0:1 gegen Polen jedwede Offensivbemühungen ein, sobald Senegal gegen Kolumbien hinten lag – die Japaner wussten, dass man zwei gelbe Karten weniger auf dem Konto hatte als Senegal und die knappe eigene Niederlage bei diesen Spielständen zum Weiterkommen reichte.
Und auch beim aktuellen Turnier gab es bereits ähnlich gelagerte Fälle, an die Österreichs Teamchef Ralf Rangnick bei der Pressekonferenz am Samstag sogleich erinnerte: Das 0:0 zwischen Paraguay und Australien am Freitag habe beiden Teams zum Weiterkommen gereicht. Es entwickelte sich eine launige Fragerunde, bei der es zumeist um nur ein Thema ging: eine mögliche Schande von Kansas City.
Rangnick jedenfalls wiegelte sämtliche Erkundigungen hierzu ab. Ob seine Österreicher alles hineinwerfen würden? „Du kannst in kein Spiel mit dem Vorsatz gehen, du spielst unentschieden“, sagte Rangnick. Jedoch wisse keiner, was passiere, „wenn nur noch fünf bis zehn Minuten“ zu spielen seien. Das Absichern von Ergebnissen und Tabellenplätzen habe es aber immer schon gegeben.
Ob sein Team plane, nicht zu gewinnen, um im Sechzehntelfinale den Spaniern aus dem Weg zu gehen? „Nein, planen wir nicht“, antwortete Rangnick. Ob seine Spieler mal von der Schande von Gijón gehört hätten? Keiner seiner Spieler sei da schon auf der Welt gewesen, entgegnete Rangnick. Und dass er selbst seinerzeit als 24-Jähriger zum SSV Ulm gewechselt war, zeige, „wie lange das alles her ist“. Bei Algeriens Trainerkollege Vladimir Petkovic klang das ähnlich: Unentschieden? Ach wo, gewinnen wollen wir!
Klar erscheint: Ein dröges, ambitionsloses Ballgeschiebe würde öffentlich entsprechend rezipiert werden. Dem österreichischen Standard war jüngst sogar eine handfeste Warnung zu entnehmen: „Sollten die Erben der Täter bzw. Opfer der Schande von Gijón im letzten Spiel quasi gegen den Sieg spielen“, stand dort geschrieben, dann wäre das „der absurdeste Treppenwitz der Fußballgeschichte“.
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