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14.08.2026
04:45 Uhr
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Kevin Kühnert sieht in gering besteuerten Millionenerbschaften ein Gerechtigkeitsproblem. Ein emeritierter Wirtschaftsprofessor wiederum hat ein Problem mit dem Wort „Gerechtigkeit“. Die Nachtkritik.

Mal angenommen, nach jeder Talkshow würde ein Preis für den besten „hot take“ der Sendung überreicht: Der Sieger wäre nach diesem Donnerstagabend mit Sarah Tacke recht eindeutig. In der Debatte um hohe Erbschaften habe doch das Wort „Gerechtigkeit“ nichts zu suchen, sagt Bernd Raffelhüschen, emeritierter Professor für Finanzwissenschaft und Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft. Der Begriff sei schlicht nicht definierbar, ein „unbestimmter Rechtsbegriff“. Es ist eine Aussage, bei dem einem wahlweise die Spucke wegbleibt oder sich einem grundsätzliche Fragen stellen. Aber ein „hot take“, eine Aussage, an der man sich warm und wütend reiben kann, ist es auf jeden Fall.
Tacke, die diesen Sommer Maybrit Illner vertritt, hat eingeladen, um über Erbschaften und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sprechen. Und was sie bekommt, ist eine Sendung, in der sich möglichst fernsehtauglich gefetzt wurde. Ziemlich mittig in der Sendung blafft zum Beispiel der bereits erwähnte Raffelhüschen in Richtung Kevin Kühnert: „Versuchen Sie sich doch mal mit Steuerrecht ein bisschen auseinanderzusetzen.“ Kühnert, ehemaliger SPD-Generalsekretär und inzwischen beim Bürgerbewegung Finanzwende e.V., kontert: „Versuchen Sie doch mal nicht immer Ihren Gesprächspartner zu disqualifizieren, wenn Sie kein Argument haben.“
Und als Kühnert es dann nicht lassen kann, eben doch über Gerechtigkeit im Zusammenhang mit Erbschaften zu reden, grätscht Raffelhüschen rein mit: „Hören Sie doch endlich auf mit dem Unfug.“ Wäre dies nicht Teil des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, sondern eine Kommentarspalte im Netz, würde man jetzt tippen: „Shots fired“, peng, peng, peng. Als ZDF-Zuschauer aber zieht man interessiert die Augenbrauen nach oben und denkt sich: Das kann ja noch was werden.
Die Runde, die Tacke zusammengestellt hat, ist mit anfangs drei, später vier Gästen angenehm klein. Sie deckt dafür die Pole des Meinungsspektrums gut ab: Da ist Kühnert, der davon überzeugt ist, dass die Startvoraussetzungen in diesem Land extrem ungleich verteilt sind. Und dass gering besteuerte Multi-Millionen-Erbschaften ein Gerechtigkeits- und damit gesellschaftspolitisches Problem ist, das angegangen werden muss. Dann ist da der Wirtschaftswissenschaftler Raffelhüschen, der die Erbschaftssteuer am liebsten abschaffen beziehungsweise durch einen Zuschlag bei der Einkommenssteuer ersetzen würde.
Dritte Gästin ist Andrea Thoma-Böck, Chefin eines Unternehmens für Mettallveredelung aus dem Unterallgäu, die Erbschaftssteuern als einen Standortnachteil für Mittelständler wie sie auffasst. Als einen von vielen Nachteilen, um genauer zu sein, denn vor allem für Mittelständler wie sie seien es gerade harte Zeiten. Im O-Ton: „Dieses Land brennt, es erodiert.“ Diese Formulierung mag angesichts echter Waldbrände in Europa etwas abgegriffen sein. Ihre Sorgen um die deutsche Wirtschaft sind es nicht. Aber letztere verlieren sich im Gezeter; auch Thoma-Böck, die in der CSU ist, verhakt sich mit Kühnert.
Was einem die Sendung schuldig bleibt, sind wirklich neue Ideen. Über Steuerlast wird rauf- und runtergeredet. Darüber, wie Erben eben auch funktionieren könnte, dafür kaum. Das Erbe für alle zum Beispiel? Nicht erwähnt.
Stattdessen fügt sich der Diskussion um Steuern noch ein kleines, vielleicht 15-minütiges Extra über Aufstiegschancen an. Für den Sendungswurmfortsatz wird mit der Bildungsaufsteigerin Natalya Nepomnyashcha nochmal eine vierte Gästin ins Studio geholt. Das ist nett, richtig stimmig wirkt das aber nicht. An anderer Stelle fordert Raffelhüschen eine „Einfachheit des Steuersystems“. Eine einfachere Talkshow-Struktur hätte es an diesem Abend auch getan.
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