SZ 07.04.2026
16:25 Uhr

(+) Schloss Herrenchiemsee: Ist der neue Welterbe-Titel Fluch oder Segen?


Bayerns Märchenkönig Ludwig II. geisterte einst am liebsten allein durch sein Schloss Herrenchiemsee. Heute strömen die Touristen dorthin – und es sollen noch mehr werden. Doch den Bewohnern auf der benachbarten Fraueninsel reicht es jetzt schon.

(+) Schloss Herrenchiemsee: Ist der neue Welterbe-Titel Fluch oder Segen?
Das Schloss Herrenchiemsee zieht bisher hauptsächlich Tagesausflügler an, und das vor allem im Sommer. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

An sonnigen Ferientagen wie diesen ist sowieso Hochbetrieb, am Hafen in Prien genau wie auf den Inseln. Die Linienschiffe am Chiemsee sind zwar noch bis Mitte Mai nach Winterfahrplan unterwegs, aber seit ein paar Tagen ist der Takt schon wieder deutlich dichter. Vom Vormittag an legt jede halbe Stunde ein Schiff ab zur „Inseltour West“: Prien, Herreninsel, Fraueninsel, Gstadt und wieder zurück. Für diese gut geölte Ausflugsmaschinerie hätte es den Welterbe-Titel nicht gebraucht, den die Unesco im vergangenen Jahr den Schlössern der bayerischen Märchen- und Mythenkönigs Ludwig II. verliehen hat.

Nennenswert mehr Besucher sind bisher auch nicht gekommen seit jener Auszeichnung im vergangenen Juli. Der internationale Reisemarkt brauche etwas Zeit zu reagieren, heißt es von den Touristikern im Chiemgau. Doch nicht alle am See wünschen sich unbedingt mehr Touristen.

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„Bei uns sieht man’s schon sehr kritisch, dass wir noch mehr überrannt werden.“ So hat das Armin Krämmer neulich auf einer Podiumsdiskussion formuliert, welche die „Vereinigung der Freunde von Herrenchiemsee“ zum weiteren Umgang mit dem Welterbe veranstaltet hat. Krämmer ist bisher Bürgermeister der kleinen Insel-Gemeinde Chiemsee. Seine Zukunft im Amt ist zwar offen, nachdem er bei der Kommunalwahl im März die absolute Mehrheit der Stimmen knapp verfehlt hat, obwohl er der einzige Kandidat war. Doch ganz unabhängig von der fälligen Neuwahl im Juni, spricht Krämmer beim Thema Tourismus sicherlich für weit mehr als die Hälfte der Insulaner: „Das Schlimmste wäre, wenn’s in der Saison noch mehr Touristen gibt.“

Die „Saison“: Von den Osterferien einmal abgesehen ist das auch am Chiemsee im Wesentlichen der Sommer. Dann umkreisen praktisch jeden Tag ziemlich viele Ausflügler die kleine Fraueninsel auf dem nicht einmal eineinhalb Kilometer langen Uferweg. Gemessen an den etwa 200 Insulanern seien das pro Kopf sicher deutlich mehr Touristen als an internationalen Hotspots wie Venedig, rechnen manche Einwohner auf der Fraueninsel gerne vor. Ihre Insel ist natürlich selbst eine ganz eigene Attraktion, aber den Großteil der Leute auf der „Inseltour West“ zieht das Königsschloss auf der benachbarten, etwas größeren und kaum bewohnten Herreninsel an.

238 Einwohner, mehr als 1200 Jahre Geschichte: Die Fraueninsel im Chiemsee ist ein Wahrzeichen Bayerns. Zu Besuch bei Menschen, die gelernt haben, mit sich selbst und der Natur auszukommen. Und den 700 000 Besuchern.

Das Schloss auf der Herreninsel haben auch im vergangenen Jahr rund 309 000 Gäste besucht. Die Zahl ist seit mehreren Jahren recht konstant, und Konstantin Buchner als Chef der staatlichen Schloss- und Gartenverwaltung Herrenchiemsee hat da seit der Welterbe-Verleihung nach eigenen Worten noch keine wesentliche Änderung registriert. Bisher sei zwar das internationale fachliche Interesse spürbar größer geworden, nicht jedoch die Zahl der Besucher. Es sei auch keineswegs das Ziel der Bayerischen Schlösserverwaltung, immer noch mehr Menschen durch ihre Immobilien zu schleusen, beteuert Buchner. Er verweist auf Neuschwanstein, wo man dem wachsenden Andrang durch eine Reduzierung der Gruppengrößen Einhalt geboten habe.

Dort in Neuschwanstein mit seinen zuletzt 1,1 Millionen Gästen pro Jahr sind die Besucher nach Buchners Erfahrung viel internationaler als auf Herrenchiemsee. Sie ließen auf Weltreise im Schnitt wohl auch mehr Geld da als die Ausflügler am Chiemsee, die meistens eine deutlich kürzere Anreise hätten und offenbar oft auch ein schmaleres Budget. Bei schlechtem Wetter blieben sie lieber ganz daheim. Darum haben es die Touristiker wie Christina Pfaffinger vom Tourismusverband „Chiemsee-Alpenland“ und Klaus Stöttner als Präsident des Tourismusverbands für Oberbayern und München auch verstärkt auf die Welterbe-inspirierten und vergleichsweise zahlungskräftigen Kulturreisenden abgesehen.

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151 Euro habe ein durchschnittlicher Hotelgast zuletzt pro Tag in der Region gelassen, sagt Stöttner. Kulturreisende hingegen wollten „tiefer eintauchen“. Sie hätten im Schnitt fast 200 Euro pro Tag ausgegeben und seien noch dazu länger geblieben, nämlich vier bis fünf Tage. Für sie müsse man zusammen mit der Hotellerie und Gastronomie in der Region nun eben noch die passenden Pakete schnüren und sie entsprechend bewerben und vermarkten. Und wenn die zusätzlichen Gäste dann nicht unbedingt alle im Sommer kämen, sondern möglichst in bisher viel umsatzschwächeren Zeiten, dann sei doch allen gedient.

Der Priener Bürgermeister Andreas Friedrich wäre da sofort dabei, schließlich müsse die Marktgemeinde über den Tourismus ihre Infrastruktur finanzieren. Um mehr Tagestouristen vom Hafen in den Ort zu holen, müsse aber auch die Verbindung zwischen beiden attraktiver gestaltet werden, räumt er ein. Sogar auf der Fraueninsel könnte man mit „ein bisschen“ mehr Touristen leben, sagt deren Bürgermeister Krämmer, „aber lieber in der Vor- und Nachsaison“.

An Michael Feßler und seinen Schiffen soll es sowieso nicht liegen. Nach seinen Worten hat die Feßler-Flotte Ende der 1970er-Jahre regelmäßig mehr als 600 000 Menschen auf die Inseln gefahren.

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