SZ 13.03.2026
16:33 Uhr

(+) Tanken: Alles bloß Abzocke?


Der Liter Sprit kostet jetzt mehr als zwei Euro. An den Tankstellen rücken die Autofahrer schon mit Kanistern an – und fragen sich: Warum steigen die Preise in Deutschland so viel stärker als anderswo?

(+) Tanken: Alles bloß Abzocke?

123 Euro. „Das tut echt weh, das sage ich dir.“ Die Frau mit den langen blonden Haaren schnauft, dann zieht sie ihre EC-Karte aus dem goldenen Portemonnaie und steckt sie ins Bezahlgerät. „Ich bin der Depp, weil ich heut’ dieses Auto genommen hab’“, sagt sie in tiefem Bairisch. Gestern, erzählt sie, habe ihr Mann den Wagen gefahren, einen Pick-up-Truck, und nicht getankt. Jetzt muss sie bezahlen. Ein Vergnügen ist das in diesen Tagen nicht. Draußen zeigt die Preistafel 2,049 Euro für Super und 2,139 Euro für Diesel pro Liter. „Am Samstag sind wir sogar zu Fuß gegangen, das machen wir sonst nie.“ Sie lacht.

Der Mann, dem sie das erzählt, hört solche Sätze gerade oft. Thomas Tienemann steht hinter einer Plexiglasscheibe an der Kasse seiner Tankstelle in Fürstenfeldbruck. Der 46-Jährige mit glatt rasiertem Kopf, Bart und Brille erlebt diese Szene derzeit minütlich in neuen Varianten. Seine Tankstelle liegt an einer Durchgangsstraße nahe dem Zentrum der Stadt. Nebenan ein Supermarkt, gegenüber eine Reinigung. Ein kleiner Laden voller Zigarettenpackungen, Getränkedosen und Schokoriegeln, draußen vier Zapfsäulen, davor Menschen, die beim Blick auf die Preise erst einmal tief Luft holen.

Es ist Donnerstagmorgen, seit eineinhalb Wochen herrscht Krieg im Nahen Osten und genauso lang kommen die Kunden rein und machen mal mehr, mal weniger verzweifelte Witze über die Preise. „Säule vier und eine Sauerstoffmaske“, sagt ein älterer Herr. Der Dieselpreis, will er damit sagen, nimmt ihm die Luft zum Atmen. „Du willst doch nur mal wieder essen gehen“, sagt ein anderer zu Tienemann. Spruch folgt auf Spruch, Rechnung auf Rechnung. Fast jeder stöhnt, wenn er den Betrag hört. Wirklich aggressiv wird an diesem Morgen niemand. Das passiere zum Glück selten, erzählt der Tankstellenchef, aber sprechen über die Preise, das wollen sie alle.

Nicht nur an der Tankstelle von Thomas Tienemann, überall im Land wird Tanken gerade zum Luxus. Nach dem Angriff der USA und Israel auf Iran schossen die Spritpreise in die Höhe. Der Liter Benzin oder Diesel hat längst die psychologische Marke von zwei Euro geknackt. Zuletzt sind die Preise zwar etwas gesunken. Entwarnung aber will niemand geben. Der Tankstellenverband hält Preise von 2,50 Euro pro Liter und mehr für möglich.

Bei Thomas Tienemann heißt das: Ausnahmesituation. Seit 24 Jahren steht er hinter dieser Theke, angefangen hat er als Aushilfe, später übernahm er die Tankstelle. So etwas wie vergangene Woche aber hat er selten erlebt. Am Sonntag, dem Tag nach Beginn des Kriegs, ging es los. „Doppelt so viele Kunden wie sonst“ habe er gehabt, erzählt er. „Es war die Hölle los“: Montag, Dienstag, Mittwoch. Auf der Straße vor der Tankstelle reihten sich die Autos aneinander, es wurde gehupt. Manche Kunden kamen mit Kanistern, einige haben alle drei Familienautos nacheinander vollgetankt, andere sind sofort wieder vorgefahren, sobald sie ein wenig Benzin verfahren hatten. „Die hatten Angst, dass es noch teurer wird“, sagt Tienemann. An allen drei Tagen war irgendwann mindestens eine Spritsorte ausverkauft.

Die Nervosität wächst. Autofahrer und Politiker fordern deshalb: Die Preise müssen wieder runter. Ein alter Vorschlag macht bereits die Runde. Ein neuer Tankrabatt könnte die Energiesteuer auf Benzin und Diesel senken, so wie es die damalige Bundesregierung nach Russlands Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 getan hat. Die Maßnahme gilt allerdings als umstritten. Sie kostete den Staat nicht nur Milliarden, die Mineralölkonzerne gaben den Steuervorteil auch nicht vollständig an die Kunden weiter.

Die Bundesregierung will deshalb vorerst auf einen Tankrabatt verzichten – auch ein Spritpreisdeckel, wie er in Kroatien und Ungarn diskutiert wird, ist derzeit nicht geplant. Stattdessen sollen Tankstellen ihre Preise künftig nur noch einmal am Tag erhöhen dürfen. Bisher geschieht das teilweise im Fünf-Minuten-Takt. Gleichzeitig versucht die in Paris ansässige Internationale Energieagentur gegenzusteuern: Sie hat angekündigt, 400 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven freizugeben. Es wäre die größte Freigabe in der Geschichte der Agentur.

Trotzdem bleibt die Frage, ob die Politik nicht die Tankkonzerne stärker in den Fokus nehmen sollte. Einige fordern bereits eine Übergewinnsteuer, mit der man den Mineralölfirmen einen Teil ihrer Krisengewinne wegnehmen könnte. So wie sie 2022 und 2023 galt und gut zwei Milliarden Euro in die deutsche Staatskasse spülte. Doch auch diese Maßnahme ist umstritten.

Unbestritten dagegen ist: Deutschland ist beim Preisanstieg Spitzenreiter. Nirgendwo in der EU haben die Spritpreise zuletzt so stark angezogen wie hierzulande. Das hat die Monopolkommission, ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung, gerade bestätigt. Der Dieselpreis in Deutschland liegt demnach in dieser Woche 44 Prozent höher als vor Kriegsbeginn. Im EU-Durchschnitt betrug der Anstieg dagegen nur 29 Prozent. Benzin verteuerte sich hierzulande gar doppelt so stark wie im EU-Schnitt.

Wie kann das sein? Warum trifft die Krise Deutschland besonders stark, obwohl Erdöl doch weltweit gehandelt wird? Nutzen fossile Konzerne die Situation aus und kassieren bei deutschen Autofahrern besonders kräftig ab?

Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der die Tankstellenkonzerne Aral, Shell, Esso und Co. vertritt, begründet den starken Preisanstieg in Deutschland so: Derzeit werden zwei deutsche Raffinerien gewartet, deshalb sei das Angebot knapper als sonst.

Eine weitere Erklärung für die hohen Spritpreise in Deutschland seien die hohen staatlichen Abgaben, die teils deutlich über denen vieler anderer EU-Länder liegen. Ein großer Anteil der Einnahmen an der Zapfsäule fließt tatsächlich in die Staatskasse. Das zeigt eine Beispielrechnung des ADAC: Bei einem E10-Literpreis von 1,94 Euro, gehen 1,13 Euro an den Staat – 58 Prozent. An einem Liter Diesel für 2,01 Euro verdient der Staat knapp die Hälfte: 96 Cent. Am stärksten ins Gewicht fällt die Energiesteuer, gefolgt von der CO₂-Abgabe und der Mehrwertsteuer.

Ein weiterer Grund ist das, was Experten „die Preiselastizität der Nachfrage“ nennen: In Ländern wie Deutschland mit einer hohen Kaufkraft können die Leute hohe Spritpreise tendenziell eher wegstecken – und fahren trotzdem weiter Auto. Man kann es auch so sagen: Wenn’s um ihr Auto geht, sind sie Deutschen leidensfähig.

Anruf beim ADAC. Dort gibt es einen eigenen Experten für den Kraftstoffmarkt, Christian Laberer. Er beobachtet die Sprit- und Ölpreise schon seit Jahren. Und auch er hat die starke Vermutung, dass die Autofahrer oft mehr bezahlen, als sie müssten. Er nennt es das „Rakete-Feder-Prinzip.“ Steigt der Ölpreis, schießt der Spritpreis sehr schnell nach oben – wie eine Rakete. Doch wird Öl wieder günstiger, schweben die Preise langsam nach unten. Wie eine Feder.

Und genau dadurch nehmen die Ölkonzerne wohl ein paar Euros extra mit, sagt der Experte. Doch das alles nachzuweisen, sei schwierig. Selbst der Verband der Mineralölkonzerne bestreitet den Rakete-Feder-Effekt nicht und teilt mit: „Die Produktpreise sinken tatsächlich langsamer, als sie gestiegen sind.“ Schuld daran seien jedoch nicht etwa die Tankstellen, sondern vorgelagerte Produktmärkte, also der Großhandel mit Benzin und Diesel ab Raffinerie.

Beim ADAC hält man es für eine gute Idee, jetzt die Energiesteuern zu senken, um den gebeutelten Autofahrern ein paar Cent pro Liter Sprit zu schenken. Gleichzeitig sollte das Kartellamt den Ölkonzernen genau auf die Finger schauen. Doch die Tankkunden könnten auch unkompliziert selbst etwas tun, um Geld zu sparen, sagt Laberer. Seine Preisbeobachtungen zeigen seit Jahren das gleiche Bild: „Morgens ist Tanken viel teurer als abends.“ Teilweise sei es rund 13 Cent pro Liter günstiger, wenn man statt morgens zwischen 18 und 22 Uhr zur Tankstelle fährt. Auch eine App zum Preisvergleich könne helfen.

Was auch helfen könnte: sein Fahrverhalten zu ändern. Ulrich Pfeiffer meldet sich per Videocall, vor sich auf dem Schreibtisch hat er sich drei laminierte Grafiken zurechtgelegt, die er im Laufe des Gesprächs in die Kamera halten wird.

Die Mission des 78-Jährigen ist es schon seit mehr als 40 Jahren, Menschen zum Spritsparen zu bewegen. Zusammen mit mittlerweile 30 Fahrtrainern bietet er deutschlandweit Kurse an, bei denen er Autofahrern seine Tipps weitergibt. Er nennt diese Kurse „Neue Fahrkultur“ und nicht mehr wie früher „Eco-Training“. Sie enthalten auch ein mehrstündiges Sicherheitstraining. Denn was Pfeiffer gelernt hat in all den Jahren: Ist der Spritpreis auch noch so hoch – auf die Idee, einfach mal langsamer und vorausschauender zu fahren, kommen die wenigsten. Sicheres Fahren finden viele cool, Spritsparen dagegen klingt für viele erst mal öde.

Dennoch kann er sich gerade nicht beklagen: Bis Jahresende sei er fast ausgebucht.

Erst neulich habe er wieder in einem Taxi gesessen, erzählt Pfeiffer. Der Fahrer habe über die teuren Benzinpreise geschimpft. „Dabei hab’ ich direkt gesehen, der könnte locker 30 Prozent am Verbrauch einsparen, wenn er meine Tipps befolgen würde.“ Und wie sehen die aus? Pfeiffer greift zu seinen Folien: Abstand halten, ausrollen lassen, „wie man es beim Fahrradfahren auch macht“. Außerdem: auch auf der Autobahn höchstens 100 bis 120 fahren – „je schneller man fährt, desto höher der Verbrauch“. Wer das beherzige, könne ohne Probleme mindestens 15 Prozent weniger Sprit verbrauchen.

Spritsparend fahren ist also jetzt das, was Autofahrern in der Krise bleibt. Die Politik setzt derweil auf das Modell Österreich. Dort dürfen Tankstellen nur mittags um zwölf Uhr die Preise erhöhen. Das soll in Deutschland nun auch kommen, so zügig wie möglich, vielleicht noch vor Ostern, hieß es am Freitag aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

„Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“, sagt Natalie Harsdorf, Chefin der Bundeswettbewerbsbehörde in Wien. Verbraucher könnten sich so besser orientieren und sich auf die Angaben in Tank-Apps verlassen. In Österreich ist Kraftstoff zudem grundsätzlich günstiger, auch weil die Steuern niedriger sind. Hinzu kommt ein weiterer Unterschied: Es gibt mehr freie Tankstellen und damit mehr Wettbewerb. Und Wettbewerb führt in der Regel zu niedrigeren Preisen.

Ist das nun auch in Deutschland zu erwarten? Die geplante Tankstellenregel schade sicher nicht, sagt Veronika Grimm. Große Effekte erwartet die Ökonomin, die auch Mitglied der Wirtschaftsweisen ist, aber nicht. Gleichzeitig warnt sie vor staatlichen Rabatten. Öl und damit auch Sprit seien derzeit knapp. Hohe Preise dämpften die Nachfrage, und das sei durchaus sinnvoll. Auch mit Blick auf die Verkehrswende, denn der Preisschock könnte eine erwünschte Nebenwirkung haben. Wenn fossiler Kraftstoff spürbar ins Geld geht, steigen vielleicht mehr Menschen auf ein Elektroauto um. Und tatsächlich, das Interesse an Elektromodellen ist seit Beginn des Iran-Kriegs gestiegen. Verkaufsplattformen verzeichnen spürbar mehr Anfragen.

Zurück in der Tankstelle von Thomas Tienemann. Warum ausgerechnet der Benzinpreis die Menschen so sehr empört, kann der Betreiber selbst nach fast einem Vierteljahrhundert hinter dem Tresen nicht wirklich erklären. Vielleicht weil er ein Symbolpreis ist, sichtbar präsentiert auf den Tafeln vor den Zapfsäulen? Vielleicht weil das Auto, wie er sagt, „das Baby der Deutschen“ ist? Tienemann zuckt mit den Schultern.

Manchmal, wenn sich jemand besonders über ein paar Cent mehr pro Liter aufregt, greift er zum Taschenrechner. Dann rechnet er vor, wie viel die Tankfüllung vor dem Preisanstieg gekostet hätte. Natürlich, wer einen Lastwagen füllt oder beruflich viel unterwegs ist, der spürt das deutlich. Aber ein Durchschnittsfahrer, der für 100 Euro im Monat tankt, müsse jetzt vielleicht zehn, fünfzehn Euro mehr ausgeben. Für viele verkraftbar.

Was Tienemann dann aber wirklich wundert, passiert gleich danach. Die Menschen, die sich eben noch über ein paar Cent mehr pro Liter Diesel beschwert haben, sagen dann häufig: „Und dann hätte ich gern noch einen Liter Cola und ein Snickers.“ Snacks sind in der Tankstelle ja deutlich teurer als im Supermarkt um die Ecke. Tienemann schüttelt den Kopf. Wer sich das leisten kann, müsse sich über etwas teureren Sprit eigentlich nicht aufregen, meint er.

Die Kundin vom Morgen bezahlt die Tankfüllung über 123 Euro mit der Karte. Danach bittet sie den Tankwart noch um zwei Packungen Zigaretten. Macht 16,40 Euro. Die Dame legt das Geld bar auf den Tresen. „Pfiat di“, sagt Tienemann zum Abschied. „Ciao“, antwortet sie, geht hinaus, steigt in ihren silbernen Pick-up und fährt davon.

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