|
28.09.2026
15:08 Uhr
|
Eine prägnante Felsformation über Bad Reichenhall taucht auf Online-Karten plötzlich unter einem neuen, mythisch raunenden Namen auf. Ihren alten „Teufelssattel“ wieder zurückzubekommen, ist für die Reichenhaller gar nicht so einfach.

Der Teufelssattel am Predigtstuhl bei Bad Reichenhall ist zurück auf Google Maps.
Google Maps
Wie etwas zu heißen hat, ist immer auch eine Machtfrage. Die Mitglieder des Heimatkundevereins im oberbayerischen Bad Reichenhall zum Beispiel könnten auch leicht einen dicken, schwarzen Filzstift zur Hand nehmen und damit irgendwas unterzeichnen, so wie der aktuelle US-Präsident das dauernd tut. Aber sie haben eben nicht die nötige Amtsgewalt, um den Golf von Mexiko per Dekret in Golf von Bad Reichenhall umzubenennen oder den Lake Ontario in Little Thumsee. Und so hat es sie neulich einige Mühe gekostet, den althergebrachten Namen „Teufelssattel“ für eine markante Felsformation am Predigtstuhl wenigstens wieder zurückzubekommen. Die hatte ein mythenraunender litauischer Liedermacher zeitweilig in „Wächter der Alaunen“ umbenannt.
Nötig war für die namentliche Rückeroberung des Teufelssattels zwar kein schwarzer Filzstift, aber doch ein gewisser Schriftverkehr. Adressat der heimatkundlichen E-Mails war die praktisch allgemein anerkannte Autorität für Orts- und Flurnamen. Nämlich der Online-Kartendienst Google Maps und nicht das eigentlich zuständige Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung. Die staatlichen Vermesser hatten den Namen „Teufelssattel“ in der jüngsten Ausgabe ihrer amtlichen Karte ja auch gar nicht ersetzt. Sondern nur weggelassen, wohl aus rein grafischen Gründen.
Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.
Ob ihm das nun bewusst war oder nicht: In diese Lücke ist der litauische Liedermacher mit seiner alternativen Benennung offenbar gestoßen, und zwar mit einem schlichten Eintrag bei Google Maps. Darüber setzte er den Verein und etliche andere Empfänger in Bad Reichenhall per Mail in Kenntnis und bat, den Namen künftig auch in Wanderkarten und bei der Tourismuswerbung zu benutzen.
Der Mann bezeichnet sich bei seinen Aktivitäten im Internet selbst als „Mythographer“. Er scheint sich für die Kelten zu begeistern und den Stamm der Alaunen. Von denen will er allerhand Dinge wissen, die sonst kaum einer weiß – am wenigsten die seriösen Historiker, welche diese Alaunen nur aus ein paar Erwähnungen in antiken Quellen kennen.
Der Reichenhaller Stadtarchivar Johannes Lang ist so ein seriöser Historiker von hohen akademischen Graden. Er beobachtet nach eigenen Worten ganz allgemein eine wachsende Tendenz zur gefühlten Geschichtsschreibung, oft genug spirituell gründelnd in Blut-und-Boden-Esoterik und mit fließenden Übergängen zur identitätstümelnden Ideologie der extremen Rechten.
Als „Alaunen“ wollte Lang die Reichenhaller jedenfalls nicht „bewachen“ lassen von jenem Felsen, der schon anno 1580 in der Beschreibung Bayerns von Philipp Apian als „monte Teufflsatl“ auftaucht und in einer mehr als 350 Jahre alten Landkarte als „Teufels Satl“ eingezeichnet ist. Mit diesen und anderen Belegen sind Lang und Vereinsschriftführer Andreas Hirsch bei Google aber erst mit der Hilfe von Hirschs Sohn durchgedrungen, einem ausgebildeten Informatiker. Auch das mag eine Machtfrage sein: Eingetragen ist so ein neuer Name schnell. Der Aufwand, ihn zu korrigieren, ist ungleich größer.
Alpenschamanen, Zeitanomalien und düstere Prophezeiungen: Der Untersberg zwischen Berchtesgaden und Salzburg birgt in seinen kilometertiefen Höhlen zahlreiche Mythen und Geschichten.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: